Volksbegehren

Bebauung oder Leerfläche – Pro und Contra zum Tempelhofer Feld

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Kaum ein Thema ist so umstritten wie eine Bebauung des Tempelhofer Feldes. Andrea Huber sagt, Berlin braucht den geplanten Wohnraum. Judith Luig sieht Leerflächen als Quell von Spontaneität.

Seit 2008 starten keine Flugzeuge mehr in Tempelhof. Doch was soll jetzt mit dem großen Gelände passieren? Die Meinungen darüber gehen auseinander, zwei Morgenpost-Autorinnen argumentieren für und wider eine Bebauung.

Pro: Randbebauung mit Augenmaß

Das ist die Tempelhofer Freiheit: Jogger, Skater, Radler, Kicker, Spaziergänger, Sonnenanbeter, Modellflugfans, Drachenläufer, Gärtner, Kleinkünstler und Selbstdarsteller machen das Tempelhofer Feld zu einer Riesen-Freilichtbühne. Den hohen Erholungs- und Spaßfaktor wird niemand bestreiten, doch die zentrale Frage für das Volksbegehren lautet: Wird die im Masterplan vorgesehene Randbebauung mit ihrem Mix aus Wohnungs- und Gewerbebauten sowie Kulturprojekten die Freiheit der Besucher stark einschränken, zu stark? Nach Stand der Dinge darf das getrost verneint werden.

Berlin ist eine dynamische Metropole, die neue Bewohner anzieht und braucht. Die Attraktivität der Hauptstadt spiegelt sich nicht zuletzt in der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt und stark steigenden Mieten. Vor allem an bezahlbarem Wohnraum für (junge) Familien und Studenten herrscht akuter Mangel. Geeignete Neubauflächen ausschließlich am Stadtrand aufzuspüren, kann keine Lösung sein, zumal Zentrumslagen bei Wohnungssuchenden besonders begehrt sind.

In dieser Situation wäre es sträflich, wenn der Senat die Potenziale in der Innenstadt nicht nutzen würde. Das erklärte Ziel des Masterplans Tempelhofer Freiheit ist es, an den Rändern des Ex-Flughafenareals bis zu 4700 Wohnungen zu schaffen. Wenn der Senat die Selbstverpflichtung einlöst, hier bezahlbaren Wohnraum zu fördern, darf er sich hoher Akzeptanz für eine Randbebauung sicher sein. Dazu würde auch eine Lösung des leidigen Parkplatzproblems beitragen.

>>>Lesen Sie hier die große Reportage zum Kampf um das Tempelhofer Feld<<<

Natürlich wird die bespielbare Fläche des Tempelhofer Feldes nach Umsetzen aller Pläne deutlich kleiner sein als heute. Doch nicht nur die Anwohner wissen, dass die Besucher in die Mitte des Feldes streben und die „Lärmränder“ am Tempelhofer Damm, am Columbiadamm und entlang der S-Bahn-Trasse meiden.

Das pralle Leben spielt sich im Zentrum ab, innerhalb des rund sechs Kilometer langen Rundparcours. Dort sucht sich die Mehrheit der Besucher ihren Spaß im grünen Meer. Genau dieses Filetstück wird laut Masterplan unangetastet bleiben: Die Rede ist von rund 230 Hektar, auf denen ein Park mit großer Wasserlandschaft geplant ist. Einen zweiten Britzer Garten braucht es an dieser Stelle übrigens nicht, mehr Central Park täte Berlin gut. Es wird eine immer noch eindrucksvolle Bühne sein – ganz viel Tempelhofer Freiheit. Andrea Huber

Contra: Freiheit für Berlin

Die Literaturtheorie nennt sie Leerstellen. Diese Momente im Roman, in denen der Leser merkt, dass ihm nicht alles erzählt wird. Die Leerstellen, so die Theorie, fordern den Leser heraus. Ihr Nichts bringt ihn dazu, kreativ zu werden. Sich selbst einzuschreiben. Lesen wird zum Erlebnis. In Berlin gibt es auch solche Leerstellen.

Wie keine andere Stadt ist unsere bestimmt durch ihre Brüche, zerrissen durch Nationalsozialisten und Alliierte, Verteidigungsversuche und Bombenangriffe, durch Mauer und Todesstreifen des DDR-Regimes. Als die geteilte Stadt wieder eine wurde, da waren es diese herrschaftsfreien Räume, die Menschen aus der ganzen Welt nach Berlin lockten. Künstler und Kreative, Unternehmungslustige und Zwischennutzer, die der Stadt ihren besonderen Zauber verliehen und verleihen. Hier ist Raum, um sich zu entfalten, spontan, unstrukturiert, unbezahlbar. Die Stadt als Erlebnis.

Natürlich wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr dieser Leerstellen bebaut, optimiert und einer permanenten Nutzung zugeführt. Alles andere wäre albern gewesen, schließlich ist Leben ewiger Wandel, und Kreativität lässt sich auch gar nicht konservieren.

Aber wollen wir wirklich alle Freiräume zubetonieren? Das Tempelhofer Feld – ausgerechnet von denen, die es verbauen wollen, zynischerweise die „Tempelhofer Freiheit“ genannt – ist eine Fläche, die niemand sonst hat: groß, frei, ungestaltet. Wenn man dieses riesige Wiesenmeer zum ersten Mal betritt, hat man fast das Gefühl einer Mondlandung. Hier steht nichts permanent im Weg, das die Gedanken hemmt oder bremst. Hier gibt es Raum für Bewegung, für das Spontane, das im Moment entsteht. Immer wieder mal baut jemand was auf, Bühnen für Konzerte, Leinwände für Übertragung von großen Events, die woanders stattfinden. Aber nichts bleibt.

Und so kann man sich hier immer wieder neu, immer wieder anders zusammenfinden. Der Berliner Senat sollte dem Druck der Immobilienhändler standhalten können und das Tempelhofer Wiesenmeer erhalten, komplett. Ohne Bibliotheks-Raumschiff und Wohnprojekte. Freie Fläche für Wohnungen gäbe es auch anderswo. Ein Großprojekt mit dem Label „Tempelhofer Feld“ verspricht natürlich mehr Profit. Aber ist das unser Problem? Berlin sollte das, was es so besonders macht, nicht einfach aufgeben. Judith Luig