Drogenfund bei Aldi

Kokain-Schmuggler verloren Kontrolle über Bananenkisten

Die in verschiedenen Aldi-Filialen gefundenen 140 Kilogramm Kokain hätten nie in Berlin ankommen sollen. Was unterwegs schiefgelaufen ist, dazu hat die Polizei mehrere Szenarien entwickelt.

Im Fall des riesigen Kokainfunds in mehreren Aldi-Filialen werden immer neue Details bekannt. Inzwischen steht fest, dass die 140 Kilogramm weißes Pulver nie in Berlin hätten ankommen sollen. „Den Tätern ist ein logistischer Fehler unterlaufen, aber nicht erst hier in der Hauptstadt“, sagte Polizeisprecher Stefan Redlich am Mittwoch. Vorstellbar seien verschiedene Szenarien. Entweder sollte die Ware nie nach Deutschland geliefert werden und wurde demzufolge schon in Kolumbien falsch losgeschickt. Oder aber – dies ist der wahrscheinlichere Fall – das Kokain sollte am Hamburger Hafen abgefangen werden, und dabei kam es zu dem Fehler. „Wir setzen alles daran, so schnell wie möglich zu erfahren, was die Täter ursprünglich vorhatten“, so Sprecher Stefan Redlich.

Am 30. Dezember brachte ein Lkw das Kokain nach Berlin

Fest steht inzwischen auch, wann die Drogen den Hamburger Hafen erreichten: Am 27. Dezember kamen sie dort per Containerschiff aus Kolumbien an. Die Ware war in Bananenkisten verstaut und wurde drei Tage lang bei einem Großhändler in der Hansestadt zwischengelagert. Am 30. Dezember wurden die Bananenkisten mit einem Lkw weiter nach Berlin gefahren. Spätestens zu diesem Zeitpunkt verloren die Täter aus Sicht der Ermittler die Kontrolle über das Geschehen. „Sie konnten nicht wissen, welche Kisten nach Berlin geliefert werden“, so Polizeisprecher Redlich. Die Kisten wurden mit mehr als 1000 weiteren Bananenkisten aus der Containerlieferung auf den Fruchthof an der Beusselstraße in Moabit gefahren.

Von dort wurden sie nach Polizeiangaben an drei Lebensmitteldiscounter geliefert. Als Mitarbeiter einer Aldi-Filiale eine der Kisten öffneten, stießen sie auf das in Päckchen verteilte Kokain und alarmierten die Polizei. Bei anschließenden Überprüfungen von insgesamt 1150 Bananenkisten in diversen Supermärkten wurden sieben Kisten mit Kokain gefunden, und zwar in fünf Aldi-Filialen.

Bananenkisten werden auf Drogenspuren untersucht

Konkret setzt sich der Drogenfund so zusammen: In den beiden Aldi-Filialen in Köpenick beschlagnahmten die Ermittler insgesamt drei Kisten mit 60 Kilogramm Kokain. In einem Aldi-Supermarkt in Reinickendorf wurden 40 Kilogramm Kokain gefunden, verteilt auf zwei Bananenkisten. In den beiden Filialen in Wedding und im brandenburgischen Velten (Oberhavel) wurde jeweils eine Kiste mit 20 Kilogramm entdeckt. Insgesamt macht das 140 Kilogramm, die laut Ermittlern einen Wert von sechs Millionen Euro haben. Die Kisten werden im Moment noch auf Spuren untersucht. Anschließend wird das Kokain vernichtet.

Das Unternehmen Aldi wollte sich auch am Mittwoch nicht zu dem Drogenfund äußern. „Aufgrund polizeilicher Ermittlungen können wir zu dieser Angelegenheit keine Stellungnahme abgeben“, hieß es nur. Die Polizei lobte unterdessen das kooperative und unterstützende Verhalten der Discounter-Angestellten bei der Überprüfung der Bananenkisten. Offiziell wird allerdings nach wie vor nicht davon gesprochen, dass das Kokain in Aldi-Filialen gefunden wurde.

Polizei vermutet mehrere Banden hinter Berliner Kokainfund

In der Filiale an der Müggelheimer Straße – einem der Fundorte – ging am Mittwochmittag der normale Betrieb weiter. „Ich hoffe, dass die Bande bald auffliegt“, sagte der Kunde Hans Joachim Pfeiffer. Olaf Schremm vom Landeskriminalamt zeigte sich allerdings nicht sehr optimistisch. „Die Erfahrungen zeigen, dass die Erfolgsaussichten nicht so groß sind“, sagte der Polizeidirektor und Leiter des Rauschgiftdezernats beim Landeskriminalamt. Die Täter gehörten großen, professionell organisierten Banden an, die international agieren und viele Zwischenhändler einbeziehen. „Die 140 Kilogramm sind zwar ein Verlust, aber heute ist wahrscheinlich schon die nächste Lieferung in dieser Größendimension unterwegs, und niemand bekommt etwas davon mit.“ Der Frachtverkehr sei nun mal nicht lückenlos zu kontrollieren und gerade deshalb so beliebt bei Drogenhändlern. „Auf ein Frachtschiff passen bis zu 8000 Container, die kann keine Zollbehörde dieser Welt allesamt überprüfen, ohne den Verkehr lahmzulegen.“ Die Täter arbeiten laut Schremm mit gut gefälschten Papieren, sodass die Kisten mit den Drogen meist einfach durchgewinkt werden.

Der Polizeidirektor glaubt nicht, dass die 140-Kilogramm-Deal von einer einzigen Bande eingefädelt wurde. Die Täter würden sich den Drogenmarkt unter verschiedenen Gruppierungen aufteilen. Kolumbien und Venezuela seien die Hauptherstellungsländer für Kokain. Im aktuellen Fall wird nun auch das Bundeskriminalamt eingeschaltet. Von dort aus sollen die kolumbianischen Behörden kontaktiert werden.

Zufallsfunde bei Drogen sind nach Angaben von Schremm äußerst selten. In der Regel stoßen die Beamten im Zuge von Ermittlungen auf das Rauschgift und finden es direkt bei den Händlern. Meist würden sehr viel kleinere Mengen Kokain beschlagnahmt als am Montag. So seien im gesamten vergangenen Jahr rund 300 Kilogramm Kokain in Berlin sichergestellt worden - ungefähr halb so viel wurde nun an einem einzigen Tag bei Aldi gefunden.