Juryentscheidung

Tennisstar Sabine Lisicki ist die Berlinerin des Jahres 2013

Einfach die Beste: Sabine Lisicki hat den Tennissport wieder populär gemacht und ist Botschafterin ihrer Heimatstadt. Nun ist die Wimbledon-Finalistin 2013 zur Berlinerin des Jahres gewählt worden.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Um Gottes Willen! Als dieses blonde Mädchen beim LTTC Rot-Weiß vorspielt, sind die Trainer des Berliner Tennisklubs zunächst wenig angetan, um es noch freundlich zu formulieren. Ihre Schläge sind hart, aber wirken unkontrolliert. Ihr Spiel ist auf den schnellen Punkt ausgelegt, nicht aber auf einen großen Match-Sieg. So geht das nicht, denken die Sport-Profis. Aus der wird nichts. „Ich will die Nummer eins werden“, erwidert die damals 13 Jahre alte Sabine unbeirrt.

Ein Jahrzehnt später sind nicht nur die Trainer von Rot-Weiß schlauer. Sabine Lisicki ist tatsächlich oben angekommen. Ihre Wahl zur „Berlinerin des Jahres 2013“ durch die Berliner Morgenpost und 104.6 RTL: das i-Tüpfelchen auf das erfolgreichste Jahr ihrer Karriere.

Die beliebtesten Sportarten in Deutschland, so hat es der Tennis-Manager Ion Tiriac mal ausgedrückt, seien Fußball, Fußball und Fußball. Im Sommer 2013 aber blicken die Deutschen auf den grünen Rasen von Wimbledon. Dort spielt sich Lisicki zum beliebtesten „Kraut“ seit Boris Becker. Im Finale fehlt die Kraft, trotzdem erlebt die früher so populäre Sportart eine Renaissance. Ganz großes Tennis, und der Tennissport dankt es ihr. Endlich werden wir wieder wahrgenommen, verlautet ein allgemeiner Seufzer aus der Szene.

Selbstsicher, sympathisch und professionell im Tennis-Zirkus

Nach außen wirkt alles so leicht. Lisicki bewegt sich mit ihren 24 Jahren selbstsicher durch den Tennis-Zirkus. Ihr Auftreten, gesteuert durch den Vermarktungsriesen IMG, ist sympathisch und professionell. Eine Marke, die ankommt. Auch ihre Beziehung zu Comedian Oliver Pocher läuft in der Öffentlichkeit – so weit das möglich ist – stilvoll ab.

Lisicki ist keine Angelique Kerber, die als beste deutsche Spielerin kaum wahrgenommen wird. Keine Mona Barthel, die das Rampenlicht scheut. „Sabine ist ein Farbtupfer im Tennis“, sagt Eberhard Wensky, ehemaliger Sportdirektor von Rot-Weiß, der als Lisickis Entdecker gilt.

Doch Farbe rührt sich nicht von alleine an. Es ist der Wille, immer die Beste zu sein, der sie antreibt. Dass das bei manchen Kolleginnen nicht gut ankommt, nimmt sie in Kauf. Weihnachten verbrachte Lisicki nicht gemütlich unterm Tannenbaum, sondern in Australien, um sich auf die Australian Open vorzubereiten.

Diese Opferbereitschaft gehört dazu, von Anfang an. Ihre Eltern kommen vor 30 Jahren als Spätaussiedler von Polen nach Deutschland. Vater Richard, eigentlich Historiker, arbeitet als Tennistrainer und studiert in Köln Sportwissenschaft. Während er am Computer sitzt und seine Promotion schreibt, schlägt Sabine Tennisbälle durch die Wohnung.

Lisicki entwickelte sich früh zum größten Talent

Richard Lisicki hat für seine Tochter eine „langfristige Karriereplanung“ im Sinn, betont aber, dass er „nie zu denen gehört hat, die ihre eigenen Ziele über ihre Kinder verwirklichen wollten“. Sabine Lisicki nimmt Gesangsstunden und spielt mit Leidenschaft Klavier, entscheidet sich am Ende aber für den Sport. Aus freien Stücken, wie sie sagt, „weil ich Bewegung brauche und nicht sechs Stunden am Klavier sitzen wollte“.

Als sie elf Jahre alt ist, kontaktiert ihr Vater schließlich Rot-Weiß in Grunewald. Eberhard Wensky stellt ihn als Trainer ein. „Ich war beeindruckt von seinem Engagement“, sagt der 74-Jährige. Noch beeindruckender sind die Leistungen der jungen Sabine. Die entwickelt sich – trotz der anfänglichen Skepsis – schnell zum größten Talent, das der Verein vorzuzeigen hat. Bereits mit 13 Jahren spielt sie in der ersten Damenmannschaft – dank einer Sondergenehmigung des Verbands.

Lisicki ist beliebt im Klub, sie gilt als freundlich, kommunikativ, clever. Mit Wenskys Ehefrau Brigitte, der Spielführerin des Damenteams, unterhält sie sich oft über Mode. In der Schule sind ihre Noten gut bis sehr gut. Ihre Lieblingsfächer sind Mathematik, Biologie, Physik. Wer ihr nahe steht, sagt, dass man mit ihr wunderbar auch über anderes als Tennis reden könne. Für Journalisten gilt das jedoch nicht. Die behandelt sie freundlich, aber immer mit der nötigen Distanz. Fragen nach Privatem sind tabu.

Sabine Lisicki hat sich einen Tunnelblick geschaffen, der bis auf den Court reicht. Fällt etwas aus der Reihe, bekommt sie Probleme. Wie beim Wimbledon-Finale, als die leere Umkleidekabine und ein Interview im Spielertunnel sie aus der Balance brachten.

„Think Big“: das Ziel, Nummer eins zu werden, gilt bis heute

Ihr Tunnelblick ist auch eine Form, mit dem Druck umzugehen. Druck, wiederholt Lisicki stets wie ein Mantra, sei ein Privileg. Richtig bewusst wird ihr das mit 16 Jahren. Da verlässt sie die Schule und wird Profi. Von nun an liegt das Wohl der Familie auf ihren Schultern. „Da habe ich schon kurz schlucken müssen“, erinnert sie sich. Das Geld ist knapp. Ab und zu helfen Mitglieder von Rot-Weiß aus. Als IMG Lisicki unter Vertrag nimmt, verleiht das der Karriere den nächsten Schub.

Regelmäßig kann sie an der Akademie von Tennis-Guru Nick Bollettieri trainieren. Vorbild Andre Agassi war ebenfalls dort. Der beschreibt seine Zeit in Florida als Sklavenarbeit, wo er jeden Tag in einen „Steinbruch“ musste, den Tennisschläger geschultert wie eine Spitzhacke. Doch Sabine Lisicki steht den Drill durch, bis heute trainiert sie bei Bollettieri. Florida ist ihre erste Heimat, noch vor Berlin. Das amerikanische Prinzip des „Think Big“ passt zu ihr. Und das Ziel, Nummer eins zu werden, gilt bis heute.

Dafür muss Sabine Lisicki 2014 den nächsten Schritt gehen. Denn der Wimbledon-Hype ist längst verebbt. Dass sie den Kopf für mehr hat, hat sie bewiesen. Jetzt arbeitet sie vor allem an ihrer Physis. Das Achtelfinale im australischen Brisbane musste sie am Mittwoch wegen einer Magen-Darm-Erkrankung absagen. Doch in den ersten Monaten des Jahres hat sie wenige Punkte in der Weltrangliste zu verteidigen. Läuft alles nach Plan, so Entdecker Wensky, „dann sollte sie Ende März in den Top Ten stehen“.

Um Gottes Willen, werden sie bei Rot-Weiß dann wieder denken. Sie wird ja vielleicht wirklich noch die Nummer eins.