Prozess

Nackt gefesselt, gedemütigt und ausgeraubt - 18-Jähriger vor Gericht

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Michael Mielke

Vedat E. suchte sein Opfer online in der Schwulen-Szene: Erst verführte er Bastian G., fesselte ihn - dann raubte er und ein Komplize den hilflosen Mann aus. Der Überfall ist kein Einzelfall in Berlin.

Sie hatten sich über eine Internetplattform für Homosexuelle kennengelernt: Der 21-jährige Bastian G. (*Name geändert) und der drei Jahre jüngere Vedat E. , der sich aber unter dem Namen „Marco“ vorgestellt hatte. „Wir haben mehrfach telefoniert, er war sehr charmant“, erinnert sich Bastian G. Und nach ein paar Tagen seien sie übereingekommen, sich zu treffen – in der Wohnung von Bastian G. So nahm das Verhängnis dann seinen Lauf.

Vedat E. muss sich ab 17. Dezember vor einer Moabiter Jugendkammer verantworten. Er ist angeklagt wegen besonders schweren Raubes, Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung. Und Bastian G. wird im Saal 621 des Moabiter Kriminalgerichts als Zeuge erscheinen und alles noch einmal erzählen müssen: Wie „Marco“ an jenem Tag in seine Wohnung kam und immer noch freundlich war. „Er sah gut aus, ein südländischer Typ, wirkte wie 25“, beschreibt ihn Bastian G.

Und wie sie gemeinsam etwas tranken und „Marco“ vorschlug, Bastian G. zu fesseln. „Anfangs wollte ich noch mitmachen, aber dann war mir das irgendwie unheimlich“, sagt Bastian G. Doch es gab kein Zurück. „Marco“ sei „plötzlich wie umgewandelt“ gewesen, habe ihn angefaucht: „Jetzt mach, was ich sage, und sei leise – ich habe ein Messer!“

Er befahl Bastian G., sich auf das Sofa zu legen, fesselte ihm mit Kabelbindern Hände und Füße, zog ihm eine Decke über den Kopf. Anschließend telefonierte er mit seinem Handy. Wenig später klopfte es an der Wohnungstür und ein zweiter Mann erschien. Bastian G. wurde beschimpft und barsch gefragt, wo sich sein Geld und seine EC-Karte befänden, wie die PIN laute. Er war klug genug, sofort Auskunft zu geben: „Ich hatte wahnsinnige Angst.“

Die beiden Männer hielten sich anderthalb Stunden in Bastian G.s Wohnung auf, durchsuchten die Schränke und trugen alles, was ihnen wertvoll erschien nach unten. Dort stand vermutlich schon vorsorglich ein Auto.

Nackt und gefesselt fotografiert

„Der zweite Mann hat dann auch noch versuch, mir ein schlechtes Gewissen zu machen“, sagt Bastian G. „Er hat mich angeherrscht, ob ich mich nicht schäme, einen Minderjährigen zu verführen. Marco sei angeblich erst 16. Und bevor sie gingen, so Bastian G., hätten sie ihn auch noch fotografiert, wie er nackt und gefesselt auf dem Sofa lag. „Sie haben gedroht, dieses Foto ins Internet zu stellen, falls ich auf die Idee kommen sollte, zur Polizei zu gehen.“

Bastian G. ist eines von fünf Opfern, deren Schicksal nun Thema des anstehenden Strafprozesses vor der Moabiter Jugendstrafkammer ist. In einem Fall soll der Angeklagte gemeinsam mit einem bislang unbekannten Mittäter das Opfer auch sexuell missbraucht haben.

Für Anwältin Sissy Kraus sind das „typische Fälle, wie sie in letzter Zeit immer wieder vorkommen“. Und das betreffe nicht nur die Ausführung. „Bei diesen Straftätern ist Homophobie besonders ausgeprägt. Die Opfer werden von ihnen als besonders minderwertig angesehen“, sagt die Anwältin. Es gehe bei diesen hinterlistig organisierten Raubzügen offenkundig nicht nur um die Beute. „Die Täter glauben so, ihrer Macht ausdrücken zu können. Sie können jemanden niedermachen, der in ihren Augen ohnehin auf der untersten gesellschaftlichen Stufe steht.“

Trotz Scham zur Polizei gehen

Die Anwältin rät den Opfern, „Scham und Peinlichkeit zu überwinden und zur Polizei zu gehen“. Das sei ein schwerer Schritt. Über erlittene Gewalt zu sprechen, sei für die meisten Opfer ohnehin ein Problem. Und das erst recht, wenn sie „im Schlafzimmer stattgefunden“ habe. „Sie fühlen sich für das, was geschehen ist, oft selbst verantwortlich“, sagt Sissy Kraus. „Sie machen sich Vorwürfe, so leichtgläubig gewesen zu sein und die Täter überhaupt erst in die Wohnung gelassen zu haben. Aber niemand, der ein Date vereinbart hat, ist schuld, dass ein anderer sich entschließt, diese räumlich geschützte Situation für ein Verbrechen auszunutzen.“

Bastian G. war nach dem Verschwinden der beiden Räuber ins Bad gehüpft und hatte sich dort mit einer Nagelschere, die bei dem Durchwühlen des Raumes auf den Boden gefallen war, die Kabelbinder an den Händen aufgeschnitten. „Ich bin damals in meiner Aufregung sofort zu meinem Nachbarn gerannt“, sagt er. Gemeinsam hätten sie dann die Polizei alarmiert.

In seiner Wohnung habe er nicht mehr bleiben können: „Ich habe mich dort nicht mehr wohl gefühlt und mir deswegen auch sofort eine andere gesucht.“ Verwunden hat er den Überfall bis heute nicht: „Mir ist vorher noch nie so etwas passiert“, sagt er. „Man fühlt sich plötzlich unsicher, ist misstrauischer geworden. Da ist eine heile Welt zerbrochen.“