Berlin

Sexarbeiterinnen wehren sich gegen neues Prostitutionsgesetz

Seit Alice Schwarzers Feldzug ist Prostitution wieder ein Streitthema. Sexarbeiterinnen wehren sich gegen Bevormundung. Die Berliner Bordellbetreiberin Felicitas Schirow lud zum Gespräch.

Foto: Rainer Jensen / dpa

Felicitas Schirow ist aufgeregt. Ihre Wangen glänzen so rot wie ihr Abendkleid. Eine so große Veranstaltung hat Berlins bekannteste Prostituierte noch nie moderiert. Die Besitzerin des „Cafés Pssst!“ hat selbst am Montagabend in die Berliner Urania eingeladen. Als Reaktion auf eine Veranstaltung von Frauenrechtlerin Alice Schwarzer hat sie eine Informationsrunde organisiert. Schirow möchte vor allem die Politiker erreichen, die demnächst die in der großen Koalition geplante Reform des Prostitutionsgesetzes im Bundestag beraten.

Schirow engagiert sich schon länger gegen die Diskriminierung der Sexarbeit. Im Jahre 2000 erreichte die „Café Pssst!“-Betreiberin durch ein Gerichtsurteil, dass die Richter die Prostitution vom Stigma der Sittenwidrigkeit befreiten. Das zuständige Bezirksamt wollte ihr Café damals wegen Förderung der Prostitution schließen. Damit ebnete Schirow auch den Weg für das Prostitutionsgesetz der damaligen rot-grünen Koalition.

Die vorgesehene Bestrafung der Freier von Zwangsprostituierten lehnt die 56-Jährige als überflüssig und unrealistisch ab; und mit ihr alle acht Experten auf dem Podium, die sich jahrelang mit dem Thema Prostitution beschäftigt haben. Die Sexarbeiterinnen wollen und müssen über die Reform mitbestimmen, sagen fast alle Redner. Die Prostituierte hatte Experten aus Justiz, Polizei und Soziales eingeladen – nachdem sie sich über eine Veranstaltung von Alice Schwarzer stark geärgert hatte. „Schwarzer hat Prostituierte und Freier pauschal diskriminiert und arbeitet mit falschen Zahlen“, sagte sie in der vergangenen Woche.

„Prostitution ist nicht gleich Menschenhandel“

„Prostitution ist nicht gleich Menschenhandel“: Diese Aussage zieht sich wie ein roter Faden durch fast alle Reden. Experten wie Zuhörer – darunter auch Freier und Sexarbeiterinnen – erbost vor allem die jüngste Kampagne von Alice Schwarzer, die die Prostitution verbieten will. Mit ihrer durch keine Zahlen gedeckten Aussage, dass 90 Prozent aller Prostituierten Armuts- und Zwangsprostituierte seien, beflügele sie solch platte Gleichstellungen, lautet die Kritik.

Schwarzer fahre eine „reaktionäre pseudofeministische Kampagne“, urteilt die Juristin und Kriminologin Prof. Monika Frommel. Sie warnt vor einem gesellschaftlichen Rollback hinter die Errungenschaften der der sexuellen Befreiung durch die Gleichstellung „Prostituierte – Zwangsprostituierte – Opfer“. In dieser Etikettierung schwinge etwas von „unmündig“ und „willensschwach“ mit, was auch an die unmenschliche Sprache der Nazis erinnere. Die Frauenexpertin der Grünen, Gesine Agena, wirft Schwarzer vor, Männern wie Frauen durch ihre Pauschalisierungen das Selbstbestimmungsrecht abzuerkennen.

Auch Heike Rudat, Leiterin des Dezernats Organisierte Kriminalität beim LKA Berlin, hält nichts von der Gleichstellung von Prostitution und Menschenhandel. Sie berichtet, die Polizei stoße im Umfeld der Prostitution immer wieder auf Opfer von Menschenhandel. „Das Prostitutionsmilieu ist Anziehungspunkt für Kriminalität, das können wir nicht wegleugnen“, betont Rudat. 2012 registrierte die Berliner Polizei 365 Verfahren in der sogenannten Rotlicht-Kriminalität, wozu Vergewaltigungen, Körperverletzungen, Menschenhandel oder Diebstähle zählten.

Die Polizistin plädiert wie Frommel für eine Weiterentwicklung des Prostitutionsgesetzes. „Das ist bisher ein halbgares Gericht. Ich fordere eine Konzessionierung der Prostitutionsstätten.“ Frommel spricht sich für die Einführung des Gewerberechtes aus. Die Gewerbeaufsicht könnte Löhne, Mieten und Arbeitsbedingungen kontrollieren und so die Kriminalität eindämmen.

Richter Percy Mac Lean, der im Jahr 2000 das Urteil zugunsten Schirows entschied, hält die Bestrafung von Freiern für unrealistisch. Man könne keinem Kunden nachweisen, dass er von einer Zwangsprostituierung gewusst habe. „Strafen führen nur dazu, dass Prostituierte in die Abhängigkeit von Zuhältern gedrückt werden.“

Die Politiker wüssten vom Geschäft mit der Sexarbeit zu wenige Fakten, wenn sie Gesetze und Verordnungen dazu erlassen, kritisiert Schirow, die seit fast 40 Jahren ihr Geld damit verdient. Doch Politiker sind nur spärlich vertreten unter den mehr als 100 Zuhörern am Montag. Eine Grüne und eine Linke sitzen auf dem Podium, ein Pirat und eine SPD-Politikerin im Publikum.

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