75. Geburtstag

Mit den Berliner Architekten-Zwillingen Patzschke auf Zeitreise

Die Zwillinge Jürgen und Rüdiger Patzschke haben große Spuren in Berlin hinterlassen Sie entwarfen das Adlon, den neuen Hausvogteiplatz und etliche Villen. Nun feiern die Architekten 75. Geburtstag.

Foto: David Heerde

Sind eineiige Zwillinge wirklich so gleich, wie sie auf den ersten Blick scheinen? Diese ewige Frage der Zwillingsforschung kann im Falle von Jürgen und Rüdiger Patzschke mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden. Denn die Brüder haben nicht nur das selbe Geburtsdatum, sondern bis heute, ihrem zusammen 150. Geburtstag, faktisch ihr gesamtes Leben miteinander geteilt. Und ihre Überzeugungen – zumindest was die Architektur betrifft.

Bekannt wurden die beiden, die von ihrem (Altbau-)Büro im noblen Berliner Ortsteil Grunewald aus unzählige Hotels, Wohnhäuser, Einkaufszentren und Verwaltungsgebäude in vielen Regionen dieser Erde planten, in ihrer Heimat vor allem als die Architekten, die das Hotel Adlon im Auftrag der Fundus-Gruppe wiedererrichtet haben. Das größte Haus am Pariser Platz, 1997 eröffnet, war zugleich die erste prominente Rekonstruktion nach dem Fall der Mauer. Die Brüder hatten das Gebäude im Stil des 1945 ausgebrannten Vorgängerbaus gestaltet. Seitdem gelten die beiden in architekturinteressierten Kreisen als Traditionalisten.

Erbitterte Diskussion

Die erbitterte Debatte, die das „Adlon“ mit seinem historisierenden Stil damals verursachte, scheint heute, nur 16 Jahre später, kaum noch nachvollziehbar. Schließlich fand die „klassisch-traditionelle Bauweise“, wie die Brüder ihre Interpretation der preußischen Formensprache nennen, inzwischen zahlreiche Nachahmer. Ganze Wohn-, Hotel- und Bürokomplexe sind inzwischen überall in der Stadt mit Natursteinsockeln, abgesetzten Attikageschossen, Säulenschmuck und Rundbogenfenstern errichtet worden. Und das oft, aber durchaus nicht nur von den Patzschkes.

„Unsere Architektur spricht eben nicht nur Scheinintellektuelle an, sondern eine gebildete Bürgerschaft, die weiß, dass die Baugeschichte nicht erst mit dem Bauhaus begonnen hat“, erklärt Rüdiger Patzschke den späten Siegeszug ihrer mittlerweile als „Berliner Klassik“ bezeichneten Bauweise. Die meisten Architekten, die es sich leisten könnten, hockten ohnehin in einer Gründerzeitvilla oder Altbauwohnung. „Die wollen doch nicht in den Gebäuden wohnen, die sie selbst verbockt haben“, so die These von Rüdiger Patzschke, die viel verrät von der Gekränktheit, die die beiden noch immer verspüren, wenn es um ihr berühmtestes Bauwerk gilt.

Dabei waren die Architektenzwillinge zumindest ganz am Anfang ihrer Karriere durchaus nicht gegen die sogenannte zeitgenössische Moderne. 29 Jahre alt waren sie, als sie 1968 am S-Bahnhof Grunewald ihr gemeinsames Planungsbüro gründeten. Selbstverständlich nach einem Studium, das sie ebenfalls gemeinsam im Doppelpack an der Technischen Universität Berlin absolvierten.

Über die Gebäude, die in den Anfangsjahren entstanden, reden beide nicht mehr gern. „Wir bauten natürlich auch modern, wir kamen ja frisch von der Uni und hatten auch die Gehirnwäsche hinter uns“, sagt Jürgen Patzschke. Doch das Unbehagen an der glatten und „seelenlosen Rasterarchitektur“ habe sich bei ihnen bereits in den 70er-Jahren eingestellt. Die Brüder bekamen damals den Auftrag zum Bau eines Hotel-und-Gewerbe-Komplexes auf der Urlaubsinsel Gran Canaria.

Und in den jungen Männern wuchs der Zweifel, ob es denn richtig sein kann, überall die gleichen Gebäudescheiben hinzusetzen, ohne Rücksicht auf den Ort. Das von ihnen entworfene Hotel mit seinen 13 Stockwerken hätte so auch in Tokio oder Castrop-Rauxel stehen können. „Das dazugehörige Einkaufszentrum aber haben wir im maurischen Stil gestaltet, es orientiert sich an der Basararchitektur Nordafrikas“, so Rüdiger Patzschke.

Regionaler Bezug immer wichtiger

Aus der Hinwendung zu den jeweils regional üblichen Baustilen entwickelte sich „beinahe zwangsläufig“, wie Rüdiger betont, eine Hinwendung zur „sparsamen Architektur Preußens, wie sie sich vor allem in Potsdam findet“, beschreibt Jürgen. „Wir haben aber keinen neuen Stil entwickelt, sondern diese Bauformen aufgegriffen und an heutige Bedürfnisse und Materialien angepasst.“

In den 80er-Jahren tasteten sich die beiden langsam an das heran, was sie als klassisch-traditionell empfinden. „Wir haben dabei natürlich viele Fehler gemacht“, sagt Rüdiger Patzschke. Denn an den Universitäten werde zwar Baugeschichte unterrichtet. „Aber wie man das im Detail und modernen Erfordernissen angemessen umsetzen kann, dazu gab es nichts.“

Ihre Karriere als Neuinterpreten klassischer Berliner Gründerzeitbauten nahm denn auch erst relativ spät so richtig Fahrt auf. Bereits 54 Jahre waren sie alt, als sie 1992 Karl Theodor Walterspiel kennenlernten, den damaligen Direktor des legendären Hamburger Hotels Atlantic. Walterspiel liebte das schlossartige Ambiente des Hauses an der Alster. Er wünschte sich ein entsprechend repräsentatives Gebäude auch für Berlin. Mit den Rasterfassaden aus Stahl, Glas und Beton, die in den 90er-Jahren überall in Berlin die hastig hochgezogenen Geschäftshäuser zierten, konnte er nichts anfangen.

Als Vorstand der Kempinski-Gruppe sorgte er maßgeblich dafür, dass der Auftrag zum Wiederaufbau des Adlon am Pariser Platz in Berlin nicht an die Handvoll Architekten ging, die bei den großen Bauaufträgen in der Hauptstadt führend waren. „Ganz ohne Wettbewerb erteilte uns Walterspiel den Auftrag, weil wir die Einzigen waren, die damals klassisch traditionell gebaut haben“, erinnert sich Jürgen Patzschke. Entsprechend groß waren Empörung und Missgunst bei den Kollegen.

Ihrer Karriere habe das Adlon jedoch zunächst mehr geschadet als genutzt. „Durch den Verriss in der Architekturkritik gingen die Aufträge in den fünf Jahren danach merklich zurück. Die Bauherren hatten Angst vor entsprechenden Reaktionen“, so Rüdiger Patzschke.

Das Adlon sähe heute anders aus

Rückblickend würden die Zwillinge am Adlon ohnehin heute einiges anders machen. Den Sockel mit seinen offenen Fugen würden sie heute so nicht mehr planen, auch die Fensterprofile seien viel zu dick. Das erste Projekt, mit dem die beiden wirklich rundum zufrieden sind, ist erst im Jahr 2004 fertig geworden – als die beiden bereits das Rentenalter erreicht hatten. Drei des aus vier Wohn– und Geschäftshäusern bestehenden Komplexes an der Südostseite des Hausvogteiplatzes haben die beiden so gestaltet, dass der Laie kaum bemerken wird, dass diese Häuser nicht hundert, sondern zehn Jahre alt sind.

Die meisten „Patzschke-Klassiker“ finden sich im Zentrum und in Berlins noblem Südwesten. So etwa im Bezirk Mitte die Wohn– und Geschäftshäuser Charlottenpalais (Charlottenstraße 35–36) und das Kronenpalais (Kronenstraße 8–10), in Prenzlauer Berg das Quartier Mühlenberg (Saarbrücker Straße 26–28) , in Wilmersdorf in den „Rosengärten“ (Württembergische Straße 44–48). Im Grunewald und am Griebnitzsee finden sich von ihnen entworfene Villen, die aussehen, als hätte der im Jahr 1841 gestorbene preußische Baumeister Karl Friedrich Schinkel die Entwurfszeichnung erstellt.

Die Patzschkes sind indes nicht nur beruflich, sondern auch privat unzertrennlich. Dass die beiden mit ihren Familien am heutigen Sonntag ihren gemeinsamen 150. Geburtstag feiern, versteht sich von selbst. Ihren Wohnort – eine typische Wannsee-Villa, errichtet 1928 und liebevoll restauriert – teilen sie ohnehin. Genauso wie das gemeinsame Bankkonto. „Wir haben lediglich verschiedene Frauen geheiratet – und unterschiedlich viele Kinder bekommen“, scherzt Rüdiger Patzschke, dessen Sohn Robert inzwischen die Patzschke Planungsgesellschaft weitgehend übernommen hat. „Wir haben durchaus nichts gegen gute Moderne“, stellt Rüdiger Patzschke beim Gespräch in seinem Büro dann doch noch klar.

Die Neue Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe etwa oder auch das Jüdische Museum von Daniel Libeskind führt er an. Doch seien dies Solitäre. „Beim innerstädtischen Bauen geht es aber doch zumeist darum, respektvoll auf die Häuser der Nachbarn zu reagieren“, meint Jürgen Patzschke. Die Leidenschaft, mit der die Zwillinge für ihre Überzeugungen streiten, ist auch nach 45 Berufsjahren noch ungebremst: „Es macht uns einfach Spaß, wir wollen bis zum letzten Atemzug Architektur machen.“

Foto: Hotel Adlon GmbH / Adlon GmbH

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