Städtevergleich

Berlins Wirtschaft entwickelt sich besonders dynamisch

Die Wirtschaft in Berlin ist so stark in Bewegung wie in kaum einer anderen deutschen Stadt. In einem aktuellen Vergleich belegt die Hauptstadt bei der Wirtschaftsdynamik Rang acht.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Boomender Tourismus, eine rege Gründerszene – Berlin zählt zu den dynamischsten Wirtschaftsstandorten in Deutschland. Beim Dynamikranking von Wirtschaftswoche und Immobilienscout24 gehört die Stadt zu den Top Ten in Deutschland und belegte Platz acht.

Dass die deutsche Hauptstadt dennoch beim Wohlstandsvergleich der größten deutschen Städte nur auf Platz 45 landet, liegt vor allem an der weiterhin hohen Arbeitslosigkeit, dem im Bundesvergleich niedrigen Einkommensniveau und der erheblichen Kriminalität.

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln Consult hat für das Magazin Wirtschaftswoche und das Internetportal Immobilienscout24 Standortfaktoren und Wirtschaftstrends in Deutschland analysiert. Erstmals wurden dabei 71 Städte genauer untersucht.

Im Wohlstandsvergleich des Vorjahres hatte Berlin unter 50 deutschen Städten Platz 47 belegt, bei der Wirtschaftsdynamik lag die Bundeshauptstadt damals auf Rang neun. Die Zahl der Indikatoren, die der Wirtschaftsanalyse zugrunde liegen, wurde für die aktuelle Untersuchung erweitert. Insbesondere der Immobilienmarkt der Städte wurde gründlicher als bisher unter die Lupe genommen.

40.000 Baugenehmigungen

Was viele Politiker und Bürger in der Hauptstadt als Problem sehen, bewerten die Wirtschaftsexperten als eine Stärke Berlins: die große Nachfrage nach Wohnraum und steigende Mieten. Mit 40.000 Baugenehmigungen allein im ersten Quartal 2013 gehöre Berlin zu den Spitzenreitern der Republik, so die Analysten. Die Mietpreise sind laut der Studie seit Anfang 2008 in Berlin um 28,9 Prozent gestiegen.

Eine größere Dynamik bei der Entwicklung der Mieten gab es im selben Zeitraum nur in Wolfsburg (plus 37,7 Prozent) und Ingolstadt (plus 31,5 Prozent). Die beiden Autostädte belegen im Dynamikranking des IW Köln Consult die beiden ersten Plätze und gehören im Städtevergleich zu den Kommunen mit dem höchsten Wohlstandsniveau. Die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam kommt bei der Wirtschaftsdynamik auf Platz zwölf, beim Wohlstandsniveau auf Platz 21.

„Ein boomender Mietmarkt ist ein positiver Indikator für die Wirtschaftskraft einer Stadt“, sagte Dirk Hoffmann, Geschäftsführer von Immobilienscout 24, bei der Vorstellung der Studie am Freitag in Berlin. Auch Karl Lichtblau, Geschäftsführer von IW Köln Consult, bewertet ein hohes Mietniveau als Zeichen von Wohlstand. Je besser eine Region sich entwickele, desto dynamischer sei der Immobilienmarkt, so der IW-Chef. „Wir wissen natürlich, dass damit auch soziale Probleme verbunden sind“, sagte Lichtblau. Es sei Sache der Politik, darauf zu reagieren. Ein Mietniveau, bei dem es für ärmere Bevölkerungsschichten keinen Wohnraum mehr gebe, sei aber selbst in München – 2013 wie in den Vorjahren Spitzenreiter im Wohlstandsranking – noch nicht erreicht.

Einmalige Universitäts- und Forschungslandschaft

Berlin profitiert nach Aussage der Wirtschaftsexperten besonders von seiner einmaligen Universitäts- und Forschungslandschaft sowie überdurchschnittlich vielen Hochschulabsolventen. Im März 2013 lag der Anteil der Beschäftigten mit Hoch- oder Fachhochschulabschluss hier bei 18,4 Prozent. Bundesweit waren es nur 15,4 Prozent. Die wachsende Gründerszene sei zudem ein Indiz für den wirtschaftlichen Aufholprozess in der Bundeshauptstadt, sagte Henning Krumrey, stellvertretender Chefredakteur der Wirtschaftswoche. Der Saldo von Gewerbean- und -abmeldungen betrug in Berlin im Jahr 2012 laut IW-Analyse 3,3 auf 1000 Einwohner. Bundesweit lag der Saldo nur bei 0,7 Gewerbeanmeldungen pro 1000 Bewohnern eine Stadt.

Trotz tendenziell positiver Entwicklung sehen die Analysten auch den Berliner Arbeitsmarkt weiterhin kritisch. Mit 12,1 Beziehern von Arbeitslosengeld II pro 100 Einwohner belegte die Stadt Platz 69 im Wohlstandsranking. Mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 13,3 Prozent bildet Berlin sogar das Schlusslicht. Dass die Zahl junger Einwohner ohne Job seit 2008 um 1,5 Prozent zurückgegangen ist, werten die Forscher aber als Zeichen für eine positive Entwicklung der Wirtschaft. Im Dynamikranking konnte nur Leipzig mit einem Rückgang um 4,7 Prozent im selben Zeitraum größere Erfolge bei der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit erzielen.

Zu negativen Faktoren in Berlin zählen die Experten die hohe Kriminalitätsrate. Mit 495.297 Fällen blieb im Jahr 2012 die Zahl der Straftaten zwar relativ konstant. Dass die Aufklärungsquote im Dynamikranking der vergangenen fünf Jahre aber um 5,7 Prozent zurückging, schwächt nach Einschätzung der Forscher jedoch das Vertrauen von Unternehmen und Mitarbeitern in den Standort. Dass Berlin hingegen für Besucher ungebrochen attraktiv ist, gehört laut der Studie auch zu den großen Pluspunkten bei der Wirtschaftsdynamik: Mit 1,3 Gästeübernachtungen pro Einwohner belegt die Metropole einen der vorderen Plätze. Im Durchschnitt kamen bundesdeutsche Großstädte nur auf 0,3 Übernachtungen je Einwohner.

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