Insolvenzberater

Das Handy ist die „Einstiegsdroge“ zur Überschuldung

Der Berliner Schulden-Berater Carlo Wahrmann warnt: Vor allem Jugendliche sind in Gefahr, sich zu überschulden. Die größte Versuchung ist das Handy. Junge Menschen sollen deshalb präventiv beraten werden.

Wer zu Carlo Wahrmann kommt, der kommt spät. Die meisten haben lange ihre Probleme verdrängt. Die erste Mahnung – die kann ich später zahlen, der Brief des Inkassounternehmens – da habe ich jetzt kein Geld für, das Konto ist überzogen –, vielleicht wird es ja nächsten Monat besser. Irgendwann wissen sie aber wirklich nicht mehr weiter. „Es fehlt ihnen das Wichtigste: der Überblick“, sagt Carlo Wahrmann. Das Erste, was er mit seinen Kontakten macht, ist deswegen ein Haushaltsplan. „Die Leute, die zu mir kommen, sind Getriebene.“ Er sorgt erst einmal für einen Moment der Ruhe.

Wahrmann ist Schuldner- und Insolvenzberater in Mitte. Das Büro des Caritasverbandes ist an der Großen Hamburger Straße, gegenüber der Jüdischen Oberschule, mittendrin zwischen Touristen-Rummel und Boutiquen, seine Kunden aber kommen aus Wedding und Moabit, Gegenden, in denen die meisten überschuldeten Menschen leben.

95 anerkannte Berater

Wahrmanns Bilanz eines normalen Arbeitstages hat eine große Spannbreite: ein Songwriter, eine Bauunternehmerin, ein gehörloser Gärtner. Die eine schuldet Summen im Millionenbereich, der andere vielleicht nur ein paar Tausend Euro. Um die Höhe aber geht es nicht, es geht darum, dass die Schuldner außerstande sind, auch nur einen Bruchteil ihrer Rechnungen zu bezahlen.

1987 hat Wahrmann in Kreuzberg als Schuldnerberater angefangen. Damals war er einer der ersten. Heute gibt es 95 vom Senat anerkannte Schuldnerberater in Berlin und ein paar private Anbieter. Die allerdings sind entgegen ihrer Behauptung meist nicht kostenlos. Das öffentliche Angebot erreicht jedoch nur zehn Prozent der Bedürftigen. Für die anderen fehlt die Zeit.

Hundert Schuldner berät die Caritas in Mitte pro Monat, das muss sie auch. Der Senat macht Druck, es wird nach Kontakten gezählt und gezahlt. Was auf diese Weise wegfällt: die präventive Beratung. Früher gingen die Schuldnerberater in die Schulen und erklärten den Jugendlichen beispielsweise die Tücken ihrer Handyverträge. Dafür wolle die Stadt heute kein Geld mehr ausgeben, sagt Wahrmann. Und so sind ein hoher Prozentsatz seiner Kontakte eben Jugendliche mit Telefonschulden. „Das Handy ist eine Einstiegsdroge“, sagt Wahrmann.

Überhaupt gebe es immer mehr Jugendliche, die sich überschuldeten. „Wir haben eine sehr aggressive Werbung“, erklärt Wahrmann. „Das Bedürfnis, ständig etwas Neues zu besitzen, wird mittlerweile schon den Kindern beigebracht.“ Dazu komme, dass immer mehr auf Kredit gekauft würde. So entstehen schnell laufende Kosten, die der Schuldner nicht mehr im Blick hat.

Den Überblick hat laut Wahrmann mittlerweile auch die Politik verloren. Das Problem der prekären Beschäftigten, das werde dem Land bald auf die Füße fallen. „Das Land Berlin tut wenig“, sagt der Schuldnerberater. Seinen Job aber macht er weiterhin gern. „Den allermeisten Schuldnern kann ich helfen.“