Nord-Süd-Tunnel

Wer in Berlin S-Bahn fährt, muss gut zu Fuß sein

Der S-Bahn-Tunnel zwischen Anhalter Bahnhof und Nordbahnhof ist nicht befahrbar – wegen Bauarbeiten. Die Sperrung verursacht zwar kaum Probleme, Fahrgäste sind jedoch wegen der Umwege verärgert.

Foto: Massimo Rodari (2) / Massimo Rodari

Härtetest für die Berliner S-Bahn: Seit Montagmorgen wollen Tausende Berufspendler zur Arbeit – und müssen umsteigen. Der Nord-Süd-Tunnel unterhalb der Friedrichstraße ist gesperrt.

Mit einem sehr umfangreichen Informationsangebot hatte die S-Bahn die Reisenden auf die Unterbrechung der wichtigen Nord-Süd-Linien S1 (Potsdam–Oranienburg), S2 (Blankenfelde–Bernau) und S25 (Teltow–Hennigsdorf) vorbereitet.

Viele Fahrgäste nutzten die ausgewiesenen Fahralternativen und stiegen in die Ringbahn oder die U-Bahn um. Für die wenigen, die dennoch bis zu den zeitweiligen „Endstationen“ Anhalter Bahnhof und Nordbahnhof durchfuhren, standen Busse im Schienenersatzverkehr (SEV) bereit. Allerdings benötigen die Ersatzbusse wegen der häufig zugeparkten Straßen und der zahlreichen Baustellen erheblich mehr Fahrzeit.

>>> Zur großen Karte mit Umfahrungsmöglichkeiten geht es hier <<<

Weil auf der kurvenreichen Strecke im Tunnel insgesamt 15.000 Meter verschlissene Schienen ausgetauscht werden müssen, ist der Zugverkehr auf den Nord-Süd-Linien noch bis 9. Dezember unterbrochen. Betroffen von der Sperrung sind an Werktagen rund 80.000 Fahrgäste. Reporter der Berliner Morgenpost waren mit unterwegs.

Ein Fahrbericht durch die Mitte der Stadt:

Eindrücke aus dem Berufsverkehr

Anhalter Bahnhof, Montagmorgen: Mitten im Berufsverkehr um 8 Uhr sind zum Wochenstart wie immer viele Menschen mit Bus und Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Für viele S-Bahnnutzer fängt die Woche jedoch mit einem Ärgernis an. „Die Ausschilderungen des Ersatzverkehrs sind viel zu unübersichtlich“, findet Praktikant Michael Müller-Rust (23), der täglich vom Anhalter Bahnhof zur Friedrichstraße fahren muss.

Ingenieurin Michèle Mathee empfindet die ständigen Sperrungen auf ihrem Arbeitsweg „als Frechheit“. Anstatt der gewohnten 28 Minuten werde sie heute wohl mindestens 45 brauchen. Andere reagieren verständnisvoll. „Schienenarbeiten müssen eben manchmal durchgeführt werden“, und man wisse ja, dass es dadurch zu Verspätungen kommen kann, sagt Martin Bach (38), Stiftungsangestellter am Brandenburger Tor.

Am Anhalter Bahnhof in Kreuzberg funktioniert das ganz gut, alle Fahrgäste der S1 aus Potsdam finden den Weg zur Ersatz-Haltestelle an der Stresemannstraße, an dem normalerweise die Buslinie M41 verkehrt. Dort steht eine Mitarbeiterin der S-Bahn bereit, die Fragen rund um die Organisation und den veränderten Fahrplan beantwortet.

Laut der Bahn sind an allen Ersatz-Haltestellen Kundenberater stationiert, die je nach Standort und Fahrgastaufkommen von 6 bis 18, beziehungsweise 22 Uhr unterwegs sind. Es ist viel los an der Haltestelle, nicht alle Busse sind pünktlich, dafür kommen jedoch auch mal zwei Busse kurz hintereinander.

„Die Busse sind voll“, findet auch Ornella Bosco, 22, International Business Studentin an der EBC Hochschule. Normalerweise braucht sie für die Strecke von Marienfelde zum Alexanderplatz 45 Minuten. Sie hofft heute auf eine Verspätung von höchstens zehn Minuten, um pünktlich ihre Vorlesung besuchen zu können.

Haltestelle Gesundbrunnen: Im Norden geht es vergleichsweise ruhig zu, die Ringbahn ist nicht überfüllt. 8:14 Uhr: Die S2 fährt nur noch bis zum Nordbahnhof. Dort angekommen, ist die Bushaltestelle um 8.22 Uhr zwar voll, aber es herrscht kein Chaos und zwei Kundenberater von der S-Bahn stehen direkt an der Haltestelle. Auf dem Weg Richtung Süden verläuft die Fahrt sehr ruhig, an der Friedrichstraße steht auch Servicepersonal an der Haltestelle.

Zurück zum Anhalter Bahnhof: Dort ist die Stimmung um 9.30 Uhr unter den Fahrgästen nicht wesentlich besser. Die Schülerinnen Vanessa Radischat und Svenja Kettmann haben kein Verständnis für die Bauarbeiten: „Wir haben von der Sperrung nichts mitbekommen und kommen deswegen jetzt zu spät zur Schule. Als wir gerade in den Bus steigen wollten, hat uns die S-Bahn-Mitarbeiterin unfreundlich mitgeteilt, dass der Bus schon voll sei und unsere Verspätung halt unser Problem sei“. Die Touristin Stefanie Proksch möchte zur Friedrichstraße, sie wusste von der Sperrung und hat sich deswegen mehr Zeit genommen.

Busse stehen im Stau

Auf dem Weg zur Friedrichstraße: Dorothea Schütt steht um 10 Uhr im Bus. Sie kommt aus Schöneberg und findet es „immer nervig, auf Schienenersatzverkehr auszuweichen. Aber wenn es sein muss und die Busse regelmäßig kommen, geht das schon. Die Ringbahn ist für mich keine Alternative, das würde zu lange dauern.“

10.06 Uhr, der Bus steht in der Dorotheenstraße im Stau, Grund ist die Dauerbaustelle Unter den Linden. Trotzdem findet Janina Bolbeth „alles in Ordnung“. Sie ist schon um 5 Uhr morgens vom Nordbahnhof mit dem Bus zum Anhalter Bahnhof gefahren und hatte keine Probleme. „Ich wusste von der Sperrung durch die Informationstafeln an den Haltestellen. Alles klappt super, die Busse fahren pünktlich und regelmäßig.“

Friedrichstraße, 10.06 Uhr: Die meisten Fahrgäste steigen aus. 10.15 Uhr, Nordbahnhof: Die Fahrt geht nach 23 Minuten zu Ende, acht Minuten länger als im Fahrplan angekündigt. Insgesamt gibt es wenige Beeinträchtigungen für die Fahrgäste durch den Schienenersatzverkehr. Die Kapazitäten der Busse sind zwar manchmal zu gering, um alle wartenden Fahrgäste aufzunehmen, dafür sind sie relativ pünktlich.

Mit längeren Fahrtzeiten muss aber gerechnet werden, vor allem während des Berufsverkehrs und an den vielen Baustellen, die die Strecke blockieren. Die S-Bahn ist mit den Auswirkungen der Sperrung zufrieden. Ein Sprecher: „Die Sperrung ist relativ stabil angelaufen. Das Wochenende war etwas ruhiger, aber auch heute im Berufsverkehr ist unser Konzept aufgegangen“.

Auffällig sei, dass trotz 60.000 Faltblättern viele Fahrgäste nichts von den Bauarbeiten gewusst hätten. In den kommenden Tagen werde sich die Situation weiter bessern, so der Sprecher der S-Bahn. Vielen seien dann die Sperrungen bekannt.