Berliner Spielbanken

Nichts geht mehr – Schlechte Karten für das Glücksspiel

Seit Jahren muss die Casino-Branche Rückschläge bei Besucherzahlen und Umsätzen verkraften. Die halblegale Konkurrenz in Internet und Café-Casinos macht den Betreibern Sorgen.

Foto: Reto Klar

Die Asiatin im grünen Blazer verzieht keine Miene. Dabei hat sie auf die 17 gesetzt und gewonnen. Der Croupier schiebt ihr mehrere runde 100-er Jetons über den weichen Filz. Die Frau nickt kurz, schiebt ein paar der bunten Plastikscheiben "für das Personal" hin und versucht ihr Glück am Roulette-Tisch nebenan.

Ihren Platz nimmt ein nervöser Amerikaner mit offenem Hemd ein. Hektisch belegt er zahlreiche Felder mit blauen Zehner-Jetons. "Nichts geht mehr", sagt der Croupier, der zuvor die Kugel in den Kessel geschnippt hat. Nach einigen Runden ist alles weg. Der junge Mann schaut betreten drein.

Freitagabend am Marlene-Dietrich-Platz, Prime Time in der Spielbank Berlin, der größten und umsatzstärksten privaten Spielbank des Landes. Im ersten Stock rollen im Casino Royal unter der goldenen Deckenverkleidung die Roulette-Kugeln. Nebenan drängen sich junge Menschen in Festgarderobe und Männer in Jeans und Kapuzenpullis um die Black-Jack-Tische. Im Erdgeschoss wird gepokert.

Die Tische sind dicht umlagert. Der Boom des Online-Pokers animiert Kartenspieler offenbar dazu, auch mal echte Mitspieler zu bluffen. Im Keller sitzen einzelne Gestalten und bedienen Spielautomaten.

Rückläufige Besucherzahlen und Internet-Konkurrenz

Aber der Lichterglanz täuscht. Das Spielcasino – nach der Schließung der Konkurrenz im Park Hotel am Alexanderplatz das letzte Berlins – hat schon erfolgreichere Zeiten gesehen. 1500 Besucher spielen hier im Durchschnitt pro Tag, am Wochenende auch mal 2000 und mehr. "Es waren mal 3000", sagt Geschäftsführer Günter Münstermann.

Mit dem früheren Sportbund-Präsidenten Manfred von Richthofen und dem Haupteigentümer, dem von Johann Graf gegründeten österreichischen Glücksspielkonzern Novomatic, gehört Münstermann die Spielbank.

Seit 2008 musste die Casino-Branche Rückschläge verkraften, die Besucherzahl sank um 42 Prozent, die Umsätze um ein Drittel – obwohl Berlin mit einem "Bruttospielertrag" von im Durchschnitt 110 Euro immer noch mehr Geld einnimmt als andere. In den letzten fünf Jahren machten in Deutschland sieben Spielbanken dicht, zwei weitere in Mecklenburg-Vorpommern stehen vor dem Aus.

Im Glücksspielstaatsvertrag erlegten die Bundesländer ihren Spielbanken strengere Beschränkungen auf, von der Ausweiskontrolle am Eingang bis zum konsequenten Durchgreifen gegen Spielsucht. Im Gegenzug breitet sich im Internet das kaum regulierte Glücksspiel aus. Und die Zahl der Spielhallen steigt.

Spielbank spricht pro Jahr 300 Sperren aus

Münstermann hat nichts gegen strengere Auflagen. Er selber hält sich zugute, als einer der ersten Casino-Chefs in Deutschland Spielsucht in der Branche thematisiert zu haben. Als er noch junger Croupier war, habe sich mal ein Gast umgebracht, erinnert er sich. Schon rein wirtschaftlich habe man nichts von kranken Spielern. "Die sind in zwei Jahren platt", sagt Münstermann nüchtern.

Lieber sind ihm Gäste wie der Herr im dunklen Anzug. Der komme seit 30 Jahren fast jede Woche und halte sich immer an sein Limit. Diesmal hat er gewonnen, denn er bietet an, Getränke auszugeben. In diese Kategorie fallen 96 Prozent der Besucher, sagt der Chef.

In der Spielbank hält man es für richtig, problematische Spieler auszuschließen. Zwei Mitarbeiter sind in den Sälen unterwegs, um gefährdete Besucher anzusprechen. Das sind solche, die nach Verlusten ihren Einsatz erhöhen. Oder solche, die immer wieder zum Geldautomat in der Roulette-Halle gehen, um neues Bargeld zu ziehen. 300 Sperren spricht die Spielbank jedes Jahr aus. Oft beantragen Angehörige von Spielsüchtigen die Sperre, auch der Betriebsrat einer Firma war schon da und warnte, der Chef verzocke die Gehälter.

Für das Unternehmen Spielbank mit 400 Mitarbeitern, fünf Standorten in Berlin und 94 Millionen Euro Jahresumsatz bleibt weniger als eine Million Euro Gewinn. 98 Prozent der erwirtschafteten Euros fließen auf die eine oder andere Form an den Staat. Die Automaten, die für zwei Drittel des Umsatzes sorgen und zwei von drei Gästen anlocken, schütten 95 bis 98 Prozent der Einsätze aus, in Spielhallen seien es nur 70 bis 85 Prozent, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes privater Spielbanken, Martin Reeckmann.

Spielbanken-Verband hofft auf neuen Staatsvertrag

Aber der Verband und seine größte Mitgliedsfirma aus Berlin könnten mit den staatlichen Auflagen leben. Es ärgert sie jedoch, dass die Regulierung eben längst nicht alle Formen des Glücksspiels betrifft. "Wer hier gesperrt wird, kann sofort in die nächste Spielhalle gehen, und niemand fragt ihn", sagt Günter Münstermann. Die Automaten seien inzwischen denen in der Spielbank ziemlich ähnlich, nur die erlaubten Einsätze pro Spiel seien im Casino höher.

Der Spielbanken-Verband geht davon aus, dass der Glücksspielstaatsvertrag erneut verändert werden muss, weil er das Problem der Spielhallen und das Internet nicht erfasse beziehungsweise der Vollzug der vorgesehenen Kontrollen nicht erfolge. "Ich sehe nicht, dass dieser Vertrag bis 2021 bestehen bleiben kann"; sagt Verbandsgeschäftsführer Reeckmann. Die Politik bekomme das Thema nicht in den Griff, trotz dreier Staatsverträge in den vergangenen zehn Jahren.

Die Versuche des Berliner Senats, die Spielhallen einzudämmen, seien richtig, sagen die Spielbank-Vertreter. "Aber es ist nötig, auch die Automaten in Cafés und Gaststätten zu begrenzen oder zu verbieten", sagt Verbandsvertreter Reeckmann. Nach Daten der Finanzverwaltung hängen 5300 Spielautomaten in Spielotheken, Tendenz leicht sinkend. Aber 6600 Maschinen locken die Spieler in den Kneipen, 50 Prozent mehr als vor sechs Jahren. "Es gelingt nicht, den Spielerschutz durch das ganze System durchzuhalten", stellt Reeckmann fest.

Verbot von sogenannten Casino-Spielen im Internet

Spielautomaten bilden in Deutschland den weitaus größten Teil des Glücksspielmarktes. Von den 10,7 Milliarden Euro, die 2012 nach einer Studie der Beratungsgesellschaft Goldmedia umgesetzt wurden, stammen 4,4 Milliarden Euro aus Spielautomaten. Kaum erfasst ist das, was Deutsche bei international agierenden Online-Glücksspielen und auf Poker-Seiten ausgeben.

Die Studie spricht von je etwas mehr als 300 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Besonders kritisch sehen die Spielbank-Leute das Glücksspiel im Internet. Vom Poker profitieren sie ein bisschen, weil viele Spieler auch zum Livespielen kommen. Aber Sportwetten und Internetglücksspiel seien völlig unreguliert, obwohl der Glücksspielstaatsvertrag das vorschreibe.

Auch aus Sicht des Berliner Senats stellt das "Internetverbot von sogenannten Casino-Spielen einen wesentlichen Baustein in der aktuellen Glücksspielregulierung" dar. Solche Angebote hätten das größte "Gefährdungspotenzial", so Innenstaatssekretär Bernd Krömer.

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