Hilfe für Philippinen

Berlinerin hatte vier Stunden Schlaf in dreieinhalb Tagen

Margret Müller arbeitet für die Organisation Humedica als Katastrophenhelferin. Vor einigen Tagen ist sie auf die Philippinen geflogen und leistet im schwer zerstörten Tacloban ehrenamtlich Hilfe.

Foto: Margret Müller/Humedica / Margret Müller/Humedica (3)

Sie unterbricht kurz das Gespräch, es gibt Abendessen, da will sich Margret Müller eine Portion sichern. Ein Stück Salamipizza hätte sie gerne, sagt sie, und dazu eingelegte Artischocken von der Antipasti-Platte. Dann lacht sie ins Telefon. Antipasti, so ein Quatsch. Seit Tagen gibt es nur Kekse zu essen und heute mal eine Tütensuppe, das ist schon ein Höhepunkt. „Wir machen Witze über Essen“, sagt sie.

Anders geht es wohl nicht an einem Ort, an dem es sogar an Trinkwasser mangelt, und dass bei dieser schwülen Hitze, die auch nachts die Luft kleben lässt. Außerdem würde Müller nicht essen vor Menschen, die Hunger leiden. Nicht mal Kekse. Aber der Appetit ist ihr sowieso vergangen.

Tacloban ist eine Stadt für Tote

Es ist abends um halb neun in Tacloban auf den Philippinen, am Freitag vergangener Woche, als wir telefonieren. Man muss ziemlich oft ihre Handynummer wählen, um eine Verbindung zu bekommen. Die Philippinen sind plötzlich wieder ganz weit weg in unserer sonst so vernetzten Welt.

Draußen vor dem Haus, in dem die 30-Jährige sich einige Stunden ausruhen wird, ist es stockdunkel und still. Nur das Brummen des Dieselgenerators ist zu hören, der endlich läuft. Die Stille ist das, was an diesem Ort nicht sein dürfte. Noch vor wenigen Tagen haben in der Gegend mehr als 220.000 Menschen gewohnt. Es müsste hell sein und laut. Aber in diesen Tagen ist es eine Stadt für Tote.

Noch vor wenigen Tagen saß Margret Müller in ihrem Büro in Kreuzberg und schrieb an ihrer Doktorarbeit über die Rolle der Medien im Nahostkonflikt, als ihr Handy klingelte. Ein Mitarbeiter der Organisation Humedica war dran, sie steht als Katastrophenhelferin bereit. Eine Stunde später sagte sie ihrem Freund, dass sie ihn leider nicht wie geplant zu seinem Geburtstag besuchen könne.

Reden hilft Menschen in Not nicht

Zwei Stunden später hatte sie Isomatte, Tropenschlafsack und Kopflampe in ihren Rucksack gepackt. Drei Stunden später saß sie im Zug nach Hamburg, und von dort ging es mit dem Flugzeug nach Dubai, wo sie ihr Team trifft.

Seit vergangenem Montag ist die Berlinerin aus Neukölln in Tacloban, in der Stadt, die der Taifun so schwer getroffen hat. Ihr 14-köpfiges Team war eines der ersten vor Ort. Es besteht aus Ärzten, die ansonsten in Deutschland eine Praxis haben oder im Krankenhaus arbeiten. Und aus Helfern wie Margret Müller, die organisieren und mit anpacken. Die daheim alles stehen und liegen lassen. Zwei Wochen wird sie rund um die Uhr vor Ort arbeiten. Ehrenamtlich.

Kürzlich kursierte ein zynischer Witz auf Facebook: Die erste Ladung „Likes“ habe die Philippinen erreicht. Ein Hinweis, dass Anteilnahme bedeuten muss, Menschen in Not zu helfen, nicht nur über sie zu sprechen. Wer Margret Müller zuhört, der versteht, wie wichtig Spenden sind. Und mit welch spartanischen Mitteln die ersten Helfer vor Ort arbeiten. „Unsere Unterkunft ist ein Traum“, sagt Müller. Der Satz klingt, als würde sie aus einem Urlaubsort berichten. Aber mit „Traum“ meint sie keine paradiesischen Zustände, sondern einen ebenso schwer erklärbaren wie glücklichen Zufall.

Eiternde Wunden in tropischem Klima

Das grüne Haus aus Stein, in dem sie wohnen, hatte wie durch ein Wunder den Sturm überstanden. Und weil Lenny aus Tacloban, Rechtsanwältin und Besitzerin des Hauses, sich ebenso gesegnet wie verpflichtet fühlte, hat sie die Helfer spontan aufgenommen. Sie traf Müllers Team, als sie gerade mit Soldaten ihren ersten Rundgang durch die Trümmer machten.

So hatten die Helfer vom ersten Tag an eine Basis, um das Nötigste zu leisten: Verletzungen behandeln. Es spricht sich schnell herum, dass Ärzte da sind, die Menschen kommen aus ihren Bretterverschlägen und Kellern. Das Team teilt sie ein in „große Wunde, kleine Wunde“. Nach diesem Sturm, der sogar Regentropfen so durch die Luft wirbelte, dass sie sich anfühlten wie Hagelkörner, ist kaum jemand unverletzt geblieben. Wunden eitern schnell im tropischen Klima.

„In den ersten 80 Stunden meines Einsatzes habe ich vier Stunden geschlafen“, sagt Müller. „Katastrophenmedizin“, das ist der Versuch, geordnet mit dem Unfassbaren umzugehen. In der Not geht es nur um eine Frage: Was ist in diesem Moment verfügbar und was nicht? In Tacloban war nichts mehr verfügbar. Die meisten Überlebenden sind geflohen von dem Ort, den alle „Geisterstadt“ nennen. In der ersten Woche gibt es nicht mal genügend Lastkraftwagen, um die Toten einzusammeln. Es ist wichtiger, Diesel und Fahrzeuge dafür einzusetzen, Wasser und Reis zu verteilen.

Die meisten Leichen sind jetzt in Säcke verpackt

Doch auch in diesen Tagen müssen die Helfer weiter denken als bis zur nächsten Stunde. Sie müssen eine Infrastruktur aufbauen. Ein Gremium der Vereinten Nationen trifft sich jeden Morgen, um die Helfer zu organisieren und zu vernetzen. „Auch Helfer müssen in diesen Konferenzen für ihre Ziele kämpfen“, sagt Müller. So funktioniere es nun mal. Sie war bereits vor zwei Jahren auf den Philippinen im Einsatz und im April nach dem Erdbeben im Iran. Aber ein solches Ausmaß der Zerstörung wie in Tacloban habe sie noch nicht gesehen. Niemand weiß, welchen Platz die Bilder von der Katastrophe in ihrem Kopf finden werden. Immerhin, die meisten Leichen seien inzwischen in Säcke verpackt worden, sagt sie an diesem Freitag eine Woche nach dem Taifun.

„Funktionsmodus“, so nennt sie ihren Zustand und erzählt von dem Geländewagen den sie gesehen hat: Er wurde vom Sturm in einen Baum gepustet. Sie lacht darüber, als sei es ein gelungener Scherz. Eine Überreaktion, gewiss, aber jeder muss einen Weg finden, stabil zu bleiben. „Es bringt niemandem etwas, wenn ich hier stehe und weine“, sagt Müller. Die Philippiner täten das schließlich auch nicht. Viele Menschen hier würden es sogar schaffen, sie anzulächeln.

Sie erzählt von einer Frau, die überlebte, weil sie Kokosnüsse zwischen den Trümmern gesammelt hatte. Die Frau hatte noch kein Telefon gefunden, um ihren Verwandten in den USA zu sagen, dass sie lebe. Müller gab ihr für diesen Anruf ihr Handy. Man kann kaum begreifen, was das für diese Frau und ihre Verwandten für eine Bedeutung gehabt haben muss: dass Müller ihr an diesem Ort zu dieser Zeit ein Telefon geliehen hat.

„Ein Stau, ist das nicht toll?“

In Deutschland werden Bilder gesendet von Soldaten, die im Einsatz sind, um Plündereien einzudämmen. Müller hat einen anderen Eindruck. „Ich empfinde es nicht als gefährlich hier.“ Sie hat Menschen gesehen, die Benzin von der Tankstelle holten, sie standen geordnet in einer Schlange und verhielten sich rücksichtsvoll, sagt sie.

Angst vor anderen Menschen erlebe sie nur, wenn über die Insassen der Gefängnisse gesprochen werde, die freigelassen wurden, damit sie nicht verhungern. Müller hat improvisierte Checkpoints gesehen, wie die einer Bürgerwehr, per Trommelzeichen warnen sich die Überlebenden, wenn Unbekannte in ihre Gegend kommen. Ansonsten aber herrsche Vertrauen. Sie könnte ihre Kamera während des Einsatzes irgendwo hinlegen, glaubt Müller, sie würde nicht geklaut.

Am gestrigen Sonntag telefonieren wir nochmals, die Verbindung steht diesmal bereits beim ersten Mal wählen. Müllers Stimme ist deutlicher zu hören, aber sie klingt auch erschöpfter als am Freitag. Sie sagt: „Es geht uns super.“

Luftbrücke steht inzwischen

Das Humedica-Team baut inzwischen ein Krankenhaus auf, gemeinsam mit vier philippinischen Krankenschwestern, mehr ist nicht geblieben vom Personal. Die ersten Patienten haben sie bereits stationär aufnehmen können, das ist ein Wendepunkt für die Helfer. Katastrophenmedizin entwickelt sich langsam zu normaler Medizin. Auch die Luftbrücke stehe inzwischen.

Nahezu stündlich landet ein Flugzeug. Tacloban wird wieder ein Ort für Lebende. Statt der Stille sind Motoren und Hämmer zu hören, auf einer Straße stehen sogar Autos im Stau, erzählt Müller. Sie sagt: „Ein Stau. Ist das nicht toll?“