Jugendkultur

JUMA, ein Berliner Exportschlager mit Kopftuch

Über Politik diskutieren und sich einmischen, das wollen die Berliner Jugendlichen vom Projekt JUMA. Für ihre Idee werben sie nun um interessierte Jugendliche in Nordrhein-Westfalen.

Foto: Massimo Rodari

Muslime. Die sind doch ungebildet, mit denen kann man sich nicht anständig unterhalten. Das sei immer ihr Vorurteil gewesen, sagt Betül. Dabei ist Betül selbst Muslima. Sie trägt sogar ein Kopftuch. An diesem Tag ist es gelb und pink und blau gestreift. In ihrem Bekanntenkreis habe es früher aber nie viele Muslime gegeben, sagt Betül. "Mein Bild von Muslimen hatte ich aus den Medien."

Doch dann kam dieses Projekt. Aus Neugier ging Betül vor zwei Jahren mit zu einem Treffen von JUMA. "Ich war total geflasht, wie eloquent und gebildet da alle waren", sagt die heute 24-Jährige, die gerade ihr juristisches Referendariat macht. Also wurde Betül selbst "Jumanerin", wie die Mitglieder sich nennen.

JUMA. Die Abkürzung bedeutet "Jung, muslimisch, aktiv". Der Verein ist von Anfang an für Überraschungen gut gewesen. Nicht nur für Neugierige wie Betül. Statt der erwarteten 50 Teilnehmer kamen zur ersten Veranstaltung im Winter 2010 gut 300 Jugendliche. Und statt sich am erwartbaren Thema Integration abzuarbeiten, wollten diese jungen Leute über Politik diskutieren.

Die jungen Muslime beeindruckten Norbert Lammert

Bundestagspräsident Norbert Lammert war von den jungen Muslimen so beeindruckt, dass er sich gleich noch einmal mit ihnen verabredete. Und jetzt wird das Format zum Berliner Exportschlager. An diesem Freitag reist eine kleine Gruppe "Jumaner" nach Bonn, wo der Startschuss für JUMA in Nordrhein-Westfalen fallen soll. Hamburg und Baden-Württemberg sollen folgen.

Ein paar Tage zuvor sitzen Betül, Sercan, Leila, Serpil, Faten, Jenk und Ali bei Tee und Keksen am Konferenztisch im vierten Stock der Innenverwaltung. Sie wollen ihre Reise vorbereiten. Am Ende des Ganges hat Innensenator Frank Henkel (CDU) sein Büro, er ist Schirmherr von JUMA. Vor drei Jahren wurde das Projekt damals noch als Dialogreihe für junge Muslime unter Henkels Vorgänger Ehrhart Körting (SPD) ins Leben gerufen. Heute wird es finanziert vom Bundesfamilienministerium.

Ehrhart Körting stellte seinerzeit auch Sawsan Chebli als Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten ein. Chebli steht an diesem Nachmittag mit dem Filzstift in der Hand an einem Papierbord und macht Notizen. Sie und Sozialarbeiter Kofi Ohene-Dokyi planen mit den sieben jungen Leuten den Auftritt in Bonn. Dort lädt die Integrationsbeauftragte der Stadt zur Auftaktveranstaltung. Die Jumaner hoffen auf ebenso viel Resonanz wie in Berlin. Aufgabe der Berliner Jugendlichen ist es, den Altersgenossen in Nordrhein-Westfalen zu erklären, was das Ganze eigentlich soll.

Mit Vorurteilen spielen

Leila, 22, will den Bonnern erzählen, warum sie dabei ist. Leila ist sozusagen Gründungsmitglied. Zufällig hatte die Jurastudentin zur Auftaktveranstaltung mit Körting vor drei Jahren eine Einladung bekommen. "Die wollten da eine Dialogreihe aufziehen, in der mit uns gesprochen wird und nicht über uns, das hat mich sofort ergriffen", sagt Leila. Uns. Die jungen Muslime in Berlin. Diejenigen, die sonst oft als "Kopftuchmädchen" und "Integrationsverweigerer" als Problem der Politik betrachtet wurden, jedenfalls nicht als Gesprächspartner auf Augenhöhe. "JUMA haben wir gegründet, um jungen Muslimen eine Stimme zu geben", sagt Sawsan Chebli, selbst Berlinerin mit Wurzeln in Palästina.

In Arbeitsgruppen zu Themen wie Medien, Chancengleichheit und Politik arbeiten die Jumaner an Projekten, planen Veranstaltungen und Dialogabende mit Journalisten, Schriftstellern und Politikern. Ali, 17, soll den Bonnern die Anerkennungskampagne vorstellen, die im Sommer gestartet ist. Sie spielt mit gängigen Vorurteilen über Muslime. "Fanatiker" steht auf einem Plakat. Zu sehen ist darauf ein jubelnder Hertha-Fan im Stadion mit erkennbarem Migrationshintergrund. Ali kam zu JUMA, als die Kampagne gerade entworfen wurde. "Ich habe mich davon sofort angesprochen gefühlt", sagt der Abiturient. Die verbreiteten Stereotypen über Muslime nerven die Jugendlichen. "Gerade über praktizierende Muslime wird oft negativ geredet, da fallen Worte wie ungebildet, fanatisch oder gewaltbereit", sagt Leila.

JUMA gibt Halt und hilft bei der Selbstfindung

Das Projekt ist auch so eine Art Selbstfindungshilfe für die Jugendlichen. Viele Themen befassen sich mit dem Islam, mit dem Glauben, der muslimischen Identität. "Mein Selbstverständnis als Muslima spielt für mich bei JUMA eine große Rolle", sagt Serpil, 24, Lehramtsstudentin. "Ich habe mich hier wirklich entwickelt." JUMA sei keine religiöse Veranstaltung, aber der Glauben sei eine gemeinsame Basis – auch im Gespräch mit Christen oder Juden im sonst eher weltlichen Berlin.

Die Berliner wollen den Bonnern nicht vorgeben, was sie aus dem Projekt machen sollen. Ein Beispiel wollen sie sein. "Wir erwarten dort eine Menge Neugierige, die etwas bewegen wollen", sagt Betül. Doch wie viele und welche Jugendliche zur Auftaktveranstaltung am Freitagabend tatsächlich kommen, weiß keiner. Die Sache mit JUMA startet in Bonn etwas heikler als in Berlin. Hier ist die Zusammenarbeit auch mit vielen muslimischen Gemeinden eng. In Bonn, wo sich eine Art Zentrum des radikalen Salafismus gegründet hat, ist die Angst groß, das staatlich geförderte Projekt könne als eine Art versteckte Präventionsmaßnahme gegen Radikalisierung missverstanden – und abgelehnt werden.

Zum Schluss der Vorstellung in Bonn soll Faten etwas vortragen. Aus JUMA heraus hat sich "i-Slam" gegründet, ein muslimischer Poetry-Slam, ein Dichterwettstreit. Faten, 23, Politikstudentin, soll dafür einen Text über JUMA schreiben. "Fatens Texte sind der Hammer", schwärmt Leila. "Am besten slamt sie über den Nahost-Konflikt."

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