Festakt

„Vielfalt ist Freiheit. Dafür steht Berlin“

Mit einem Festakt am Brandenburger Tor ist am Abend das Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ zur Machtergreifung der Nazis zu Ende gegangen. Mit Handy-Clips wurde eine Brücke zur Gegenwart geschlagen.

Foto: Reto Klar

Fritz Ausländer, geboren 1885 in Königsberg, war Lehrer. Von 1928 an vertrat er die Kommunistische Partei Deutschland im Preußischen Landtag. 1933, in der Nacht des Reichtagsbrandes, wurde er von der SA festgenommen. Er kam ins Gefängnis, erst nach Moabit, dann nach Plötzensee, später ins KZ Esterwegen. Ausländer kam kurzzeitig frei, doch 1939 wurde er erneut festgenommen und im KZ Sachsenhausen festgehalten. 1943 nahm sich Fritz Ausländer das Leben.

Gitta Alpár, geboren 1903 in Budapest, überlebte den Holocaust. In den 20er-Jahren stand sie auf den großen Bühnen in Wien und Berlin. 1935 brillierte sie in der Verfilmung der Operette „Ball im Savoy“. Paul Abraham schrieb ihr dafür einen eigenen Slowfox: „In meinen weißen Armen“. Noch im selben Jahr verließ Alpár Deutschland. Die Nazis hatten ihr faktisches Berufsverbot erteilt – wegen ihrer „nicht-arischen Abstammung“. Wie schon der Operettenkomponist Abraham suchte Alpár Zuflucht in den USA. Doch beide konnten an ihre früheren Erfolge nicht mehr anknüpfen.

Beispielhafte Biografien

Am Sonntagabend ging mit einem Festakt vor dem Brandenburger Tor das Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ zu Ende. Dabei wurde der Tausenden Menschen gedacht, die Berlin einst zur Kultur-Metropole gemacht hatten.

Coco Schumann war gekommen, schon als Kind hatte er in der Hauptstadt Jazz gespielt, die Nazis deportierten ihn in das damalige Getto Theresienstadt. Später überlebte er das KZ Dachau. Doch er kehrte nach Berlin zurück. Auch die Zeitzeugen Inge Deutschkron und Margot Friedländer berichteten an dem Abend am Brandenburger Tor von ihrem Erleben und ihren Lehren aus der Zeit der Nationalsozialisten.

Die meisten dieser Biografien hatten bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung kaum etwas gemein. Viele, die sich gar nicht gekannt hatten, waren auf einmal durch ein Schicksal verbunden. Sie wurden nicht gewollt in dem neuen Deutschland, das die Nazis sich aufbauen wollten. Sie wurden ausgegrenzt, verdrängt, verfolgt, verhaftet und umgebracht. „Zerstörte Vielfalt“, das Berliner Themenjahr 2013, hat die Gesichter und Geschichten dieser Menschen wieder in die Stadt zurückgebracht.

An mehreren Orten in der Stadt stehen die Säulen mit den großen Porträts und Kurzbiografien von Berlinern, deren Leben durch die nationalsozialistische Diktatur beendet wurde. Nicht alle wurden ermordet, und doch lebte keiner so weiter wie bisher.

Die Aufstellung der Säulen, die „Porträtausstellung“, ist nur eine Aktivität dieses Themenjahres, das mit dem 80. Jahrestag der Machtübernahme der Nationalsozialisten begonnen hat. Es gab zahlreiche weitere Ausstellungen, in den Museen und auf den Straßen, es gab Führungen speziell zum Thema, Lesungen und Theateraufführungen. Mit der Hilfe von über 200 Organisationen erforschten die Berliner die Lebensvielfalt der 20er- und 30er-Jahre neu. So ist dieses Themenjahr nicht nur ein Jahr der Erinnerung geworden, sondern auch eines der Wiederentdeckungen.

Handy-Clip als Statement

Doch es sollte an diesem Abend vor dem Brandenburger Tor auch eine Brücke geschlagen werden zwischen der Geschichte und der Gegenwart: Jugendliche stellten ihre Statements und Filme vor, mit denen sie ihr Engagement gegen Rassismus, Intoleranz und Antisemitismus zeigten. Seit April hatten die Organisatoren dazu aufgerufen, in Handy-Clips und Kurzfilmen einen Bezug zwischen der verlorenen Vielfalt durch den Nationalsozialismus und unserer heutigen Zeit herzustellen. Das Ergebnis waren über 3000 Einsendungen. 300 davon wurden bis spät in die Nacht auf das Brandenburger Tor projiziert.

Einige Beispiele: Die Nationalsozialisten hatten „undeutsche“ Musik bekämpft. Was würde ein Verbot „undeutscher“ Musik heute bedeuten? Gabriela Bertin, Schülerin des John-Lennon-Gymnasiums, hat einen Clip darüber gedreht. Der Heldin wird ihr Handy abgenommen, weil sie „afroamerikanische Musik“ hört. Daraufhin leiht sie sich das Handy ihrer Freundin. Zu hören gibt es darauf nur noch Blasmusik.

Thanh Nguyen, Schülerin des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, hat die Folgen des „Blutschutzgesetzes“ von 1935, das die Ehe zwischen Nichtjuden und Juden sowie außerehelichen Geschlechtsverkehr verbot, in die heutige Jugendkommunikation übersetzt. In einem Chat erfährt Lina, dass sie ihren Freund nicht mehr wiedersehen wird. Er ist auf einmal offline, von ihr bleibt ein „Schatz ...?“. Drei der Arbeiten von den zahlreichen Jugendlichen, die sich an der Aktion beteiligt hatten, wurden vor dem Brandenburger Tor vorgestellt.

Staatssekretär André Schmitz erinnerte an die Aufgabe Berlins. Hier war das Machtzentrum des NS-Regimes, der größte Massenmord der Geschichte, die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden, wurde von dieser Stadt aus geplant, von „Berlin ging der mörderische Zweite Weltkrieg aus, dem 60 Millionen Menschen zum Opfer fielen“.

„Vielfalt ist Freiheit“, sagte André Schmitz zum Abschluss. „Eure Freiheit. Unser aller Freiheit. Dafür steht Berlin.“

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