Biofleisch

Wenn die Leberwurst auf einmal ein Gesicht hat

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Laura Réthy

Foto: Massimo Rodari

Ein Berliner setzt sich für einen verantwortungsvollen Fleischkonsum ein. Über sein Unternehmen vertreibt er „Wurst mit Gesicht“ - auf jeder Verpackung ist das Schwein, aus dem die Wurst gemacht ist.

Ein roter Range Rover zuckelt über die schlammige Wiese. Endlich passiert etwas an diesem verregneten Nachmittag. Schwein 95 reckt den Rüssel in die Luft, nur ein wenig, denn Schweine können ja bekanntlich nicht in den Himmel sehen. Die zarte rosafarbene Nase glänzt feucht im fahlen Licht der Herbstsonne, die sich nun doch ein wenig hervorwagt. Nach und nach tippeln auch Nummer 94, 96 und 97 hinzu. Aufgeregt grunzend stehen sie auf ihren kurzen Beinen im Gras. „Na hallo Muttis“, begrüßt sie Bauer Schulz.

Die Nummer 94 trippelt an ihn heran und reibt ihren Rücken an seiner Hose. „Als sie klein war, hat sie mir mal ordentlich in den Finger gebissen“, erinnert er sich lächelnd und kratzt ihr den borstigen Rücken. Zum letzten Mal in diesem Leben, denn Nummer 94 ist nun nicht mehr klein.

180 Kilogramm bringt das Schwein nach neun Monaten auf die Waage und muss deshalb heute verladen werden. Es geht zum Metzger Zimmermann. Der wird aus ihr 100 Gläser Leberwurst, 60 mit Sülze und 60 mit Blutwurst machen. Der Rest wird zu Mett verarbeitet.

Ohne erhobenen Zeigefinger

Jedes Leben endet irgendwann, auch ein Schweineleben. Wichtig ist nur, wie es gelebt wurde. Das ist die Maxime von Bernd Schulz, dem Bio-Bauern. Und auch die von Dennis Buchmann. Der lebt in Berlin und hat während seines Studiums die Firma „Meine kleine Farm“ gegründet. Über sie vertreibt er „Wurst mit Gesicht“. Nicht die aus dem Supermarktregal, die ziemlich rosa und mit dem Gesicht eines Teddybären darauf jeden Zusammenhang zu einem echten Tier abzustreiten scheint. Schweinewurst in Form eines Teddys.

Nein, die Wurst von Dennis Buchmann zeigt auf der Verpackung, was drin ist. Jedes Glas Leberwurst ziert ein Foto des Schweins, aus dem die Wurst gemacht ist. Die einen finden das makaber, die anderen wittern den Gutmenschen. Aber das Geschäft läuft. Vor zwei Jahren hat Dennis Buchmann die Firma gegründet, mittlerweile hat er rund 4500 Kunden, die über den Online-Shop Wurst bestellen. Und bald soll es auch das erste Rind mit Gesicht geben. Gänse mit Gesicht sind bereits für Weihnachten geplant.

Schwein auf Blumenwiese an der Bürowand

Jetzt sitzt Dennis Buchmann in seinem kleinen Wurstbüro mit angegliedertem Wurstlager in Neukölln. Kisten stapeln sich bis unter die Decke, ein pinkfarbenes Sofa stimmt die Besucher grell auf das Sujet ein: Schweine. Überall sind sie, gebastelt, gemalt, geschenkt und im Glas. An der Wand zwei Bilder, die ihm seine Nichten geschenkt haben: Schwein auf Blumenwiese und Schwein vor rosafarbenem Hintergrund.

„Seit ich die Firma habe, haben meine Freunde ständig das Bedürfnis, mir irgendwas mit Schweinen zu schenken“, erzählt der 36-Jährige. Dabei war das mit den Schweinen eher ein Zufall, das Produkt vieler Spinnereien für ein Projekt an der Universität. Die Studenten sollten sich überlegen, wie sich die Gesellschaft für ein politisches Anliegen engagieren kann. Nicht immer die da oben machen lassen, auch mal selbst anpacken.

„Ich brauchte eine gute Idee mit einem Augenzwinkern“, erzählt Dennis Buchmann. Und die hatte er. Denn Meine kleine Farm will nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommen.

Besonders der Geschmack zieht viele an

„Ich rede nicht über die Umweltzerstörung und Massentierhaltung. Es geht darum, die positiven Dinge herauszustellen.“ Glückliche Schweine und guter Geschmack sind solche Dinge. Besonders der Geschmack ist es, der viele Leute anzieht, vor allem ältere Menschen, die einen großen Teil seiner Kundschaft ausmachen.

„Sie sind auf der Suche nach dem Geschmack, den sie von früher von ihrem Metzger kennen. Den gibt’s bei uns“, sagt Dennis Buchmann. Das liegt zum einen daran, dass die Tiere, anders als in Massenbetrieben, verarbeitet werden, wenn das Fleisch noch warm ist und zum anderen an der Würzung, die der Metzger noch ganz individuell machen kann.

Dafür zahlt der Kunde mehr, als beim Discounter, doch das erfüllt in zweierlei Hinsicht seinen Zweck: Die Schweine leben ein gutes Leben und das kostet nun mal sein Geld. Die Wurst wird also teurer und der Mensch, der immer auf Sparsamkeit bedacht ist, isst weniger Wurst. Das ist das Motto der Firma: Weniger Fleisch, mehr Respekt.

Hinter jeder Wurst steckt ein Tier

Der Plan scheint aufzugehen. Das belegt schon die Zahl der seit der Firmengründung geschlachteten Schweine. Im November 2011 machte Schwein 1 den Anfang, im November 2013 wird die Nummer 100 geschlachtet. 100 Tiere in zwei Jahren. Angesichts von 46 Schweinen, die jeder Deutsche im Laufe seines Lebens verzehrt und einem Pro-Kopf-Fleischkonsum von 60 Kilogramm im Jahr ist das nicht viel.

Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen, als eine Wurst mit Gesicht zu kaufen. Wer Geld übrig oder viele Freunde hat, kann sich für 2000 Euro ein eigenes Schwein kaufen, das „Privatschwein“, und es bis zu seiner Schlachtung begleiten. Der Kunde sucht sich direkt nach der Geburt ein kleines Ferkel aus, gibt ihm einen Namen und besucht es dann so oft er will. Und den Rest der Zeit wird er online mit Texten, Fotos und Videos zu seinem Schwein versorgt.

Am Ende gibt es dann 80 Kilogramm Wurst mit Gesicht. Für viele sicherlich eine merkwürdige Vorstellung: Wie kann ich etwas essen, was ich gekannt habe? Doch eigentlich ist es doch einfach nur die Wahrheit. Hinter jeder Wurst steckt ein Tier, das gelebt hat. Das ein Gesicht und eine Persönlichkeit hatte, und das Respekt verdient. Teddywurst ist respektlos.

„Mörder“ ist kein Argument

Hier stellt sich dann natürlich auch gleich die ganz große, die Fleisch-oder-nicht-Fleisch-Frage. Doch diese Diskussion will Dennis Buchmann nicht führen. Denn sie dreht sich im Kreis, ein Richtig oder Falsch gibt es nicht. Ist es besser, das Schwein würde gar nicht erst geboren werden, damit es am Ende auch nicht gegessen werden kann? Oder ist es nicht besser, wenigstens neun glückliche Monate zu haben, als nie gelebt zu haben?

Auf Facebook sind schon einige Shitstorms über Dennis Buchmann hinweggetost. Darauf reagierte er gar nicht erst. „Was soll ich denn da antworten? ‚Mörder’ ist ja kein Argument.“ Und es gibt sogar auch Vegetarier, die es gut finden, was er da macht. Der Vegetarierbund Deutschland zum Beispiel hat den jungen Unternehmer sogar schon zu einem Vortrag eingeladen.

Buchmann selbst hat nie besonders viel Fleisch gegessen. Und seit er sich so intensiv mit der Produktion von Fleisch beschäftigt, ist es noch weniger geworden. Wahrscheinlich hat auch Bauer Bernd Schulz mit seinen Schweinen seinen Teil dazu beigetragen.

„Schwein 90 ist rüpelig bis prollig unterwegs“

Der hatte zunächst gar nicht geglaubt, dass es Dennis Buchmann mit seinem Projekt ernst meint. „Mitten in meiner heiligen Tagesschau hat er mich angerufen. Ich hab’ auch nur mit einem Ohr hingehört“, erzählt Bernd Schulz an das Gatter der Ferkelstalls gelehnt und grinst. „Da haben schon so viele angerufen. Ich hab’ nicht daran geglaubt, dass der kommt.“

Ein Student aus Berlin mit einer Idee von einer besseren Welt, wie sie so viele Berliner Studenten haben. Doch dann stand Buchmann tatsächlich vor dem Tor seines Hofs in Gömnigk, einem 250-Einwohner-Stadtteil im brandenburgischen Brück. Bauer Schulz hatte keine Zeit, er musste zu den Schweinen. Dennis Buchmann kam mit. „Er hat erst mal mit angepackt. Da hab’ ich gemerkt, das ist mehr als nur Gerede.“

Seitdem arbeiten sie zusammen. Bernd Schulz liefert die Schweine, seine Tochter Henriette macht die Fotos und schreibt nette kleine Texte zu den Schweinen – „Schwein 90 ist rüpelig bis prollig unterwegs“ oder „die Nummer 83 ist ein Trödelschwein, immer gemütlich und unaufgeregt unterwegs“ – und Dennis Buchmann koordiniert die Bestellungen, pflegt Kundenkontakt und Website und packt gemeinsam mit seinen „Hilfsferkeln“, studentischen Aushilfen, die Wurstpakete. Die Bestellungen für die Schweine 94, 95 und 96 sind bereits da. Jetzt muss Bernd Schulz liefern.

Der Tod ist eine ernste Sache

Zusammen mit drei Helfern versucht er die Sauen auf einen Anhänger zu treiben. Auf einer Freilandanlage von 35 Hektar Land eine Herausforderung. „Mutmutmut, komm Mutti, komm“, lockt Bernd Schulz. Der Hänger ist mit Stroh ausgelegt und eine Futterspur soll den Weg hinein schmackhaft machen. Doch die Muttis wollen nicht so recht. Es hat wieder angefangen zu regnen. Auf der Wiese nebenan rennen Ferkel durchs hohe Gras, sie sind erst wenige Wochen alt.

Tage wie diese sind für den Bauern, der die erste Freilandanlage Brandenburgs hatte und in Russland einen Bio-Hof aufgebaut hat, Routine. Aber keine, die ihn völlig kalt lässt. „Man hat schon eine Routine, aber ...“, er wiegt den Kopf hin und her und wird ernst, „man verabschiedet sich schon von dem Schwein. Manchmal laut, manchmal leise.

Man hat ja schließlich neun Monate lang gemeinsam verbracht. Und wenn man sie dann für den Metzger vorbereitet, erinnert man sich an die eine oder andere Anekdote, die man zusammen erlebt hat.“ Einer seiner Helfer hechtet über die Wiese, um Nummer 95 den Weg abzuschneiden. „Man Bernd, du hast ja Rennschweine hier“, ruft er. Bernd Schulz lacht nicht. Denn auch wenn jedes Leben einmal enden muss, der Tod ist eine ernste Angelegenheit.

Alle Informationen zu „Meine kleine Farm“ gibt es im Internet unter http://www.meinekleinefarm.org/