Wannsee

Anwohner fürchten verbauten Seeblick durch neuen Massivbau

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Katrin Lange

Foto: Amin Akhtar

Auf einem Uferstreifen am Wannsee entsteht ein vom Amt genehmigter Massivbau. Anwohner halten das für unangemessen und haben gegen die Entscheidung Widerspruch eingelegt. Die Antwort steht noch aus.

Schon von Weitem ragt am Wannsee-Ufer der Rohbau aus der Reihe mit kleinen Wochenendhäuser heraus. Er ist höher, massiver und nimmt einen Großteil des Grundstücks ein. Als das zweite Geschoss hochgezogen wurde, fingen die Anwohner an, sich zu wundern. Dafür gab es mehrere Gründe: Der Bau entsteht auf einer Grünfläche, die nicht bebaut werden sollte.

Im Bebauungsplan wurde der schmale Streifen am Wasser für einen öffentlichen Uferweg reserviert. Die Anwohner waren irritiert, dass das Massivhaus gebaut werden darf, dort, wo sonst nur flache Holzhütten erlaubt sind. Auf Nachfrage beim Bezirksamt erhielten sie die Auskunft, dass „von der Festsetzung ‚öffentliche Grünfläche‘ eine Befreiung erteilt wurde“, also alles rechtens sei. Das sehen die Anwohner anders. Sie haben gegen die Entscheidung Widerspruch eingelegt. Die Antwort steht aus.

Warten auf eine Entscheidung

Die Fälle der Baustreitigkeiten in Steglitz-Zehlendorf häufen sich in jüngster Zeit. Immer wieder geht es um dasselbe Thema: Die Anwohner sorgen sich um den Erhalt ihrer historisch gewachsenen und charakteristischen Ortsbilder, die durch zu moderne oder überdimensionierte Bauten zerstört werden könnten. So kam es kürzlich zu Protesten in der Lückhoffstraße in Nikolassee wegen eines Neubaus mit viel Glas zwischen alten Villen. In einem anderen Fall stoppte das Verwaltungsgericht den Bau einer sechsgeschossigen Villa neben dem Yachtclub am Wannsee. Laut Bebauungsplan dürfen dort nur Häuser mit zwei Geschossen gebaut werden.

Jetzt ist der dritte Fall in der Verhandlung: Mehr als 30 Anwohner fanden sich bei einem Vor-Ort-Termin des Verwaltungsgerichts vor dem Rohbau an der Straße Am Großen Wannsee 12d ein. Die Anwohnerin, die auch den Widerspruch eingelegt hat, wollte schnellstens einen Baustopp erreichen. Sie argumentierte, dass sie sich als Nachbarin von dem Neubau beeinträchtigt fühle. So sei ihre Sicht auf den Wannsee durch die Höhe des Hauses versperrt. Der Vorsitzende Richter am Verwaltungsgericht, Matthias Schubert, sah „nachbarschaftliche Belange“ nicht betroffen. Deshalb wies er den Antrag und damit den Baustopp zurück. Dennoch betonte der Richter während der Besichtigung des Rohbaus mehrfach, dass das Gebäude auf einer „nicht überbaubaren öffentlichen Grünfläche steht“. Die Baugenehmigung stehe unter dem Vorbehalt eines Widerrufs, zudem habe der Neubau keinen Bestandschutz.

Neubau ist als Bootshaus geplant

Rechtsanwalt Björn Jotzo vertritt die Anwohner. Er sieht die Sache noch nicht entschieden, auch wenn der Baustopp abgelehnt wurde. „Ich erwarte von einem politisch agierenden Bezirksamt, dass es im Widerspruchsverfahren die Rechtmäßigkeit dieser Befreiung genau prüft“, sagt Jotzo. Es sei nicht Aufgabe des Bezirksamtes, durch Befreiungen das geltende Planungsrecht auszuhebeln. Der Neubau ist als Bootshaus geplant. Für Jotzo komme es aber einem „Eigenheim recht nahe“. Badewanne, Wohnküche, zwei Toiletten – das alles seien Indizien dafür. Die Eigentümer und auch ihre Rechtsvertreter wollten sich gegenüber dieser Zeitung nicht äußern. Während der Verhandlungen begründeten sie die Höhe des Hauses von mehr als fünf Metern damit, dass sie den Mast des Segelbootes hochkant lagern müssten.

Die Anwohner müssen jetzt abwarten, wie das Bezirksamt entscheidet. „Wir werden uns den Widerspruch sehr genau ansehen und prüfen“, sagt Baustadtrat Norbert Schmidt (CDU). Sein Amt habe die Befreiung nach dem Baugesetztbuch, Paragraf 31, erteilt. Darin heißt es unter anderem, dass von der Festsetzung des Bebauungsplans befreit werden kann, wenn die Grundzüge der Planung nicht berührt werden und die Abweichung städtebaulich verträglich ist. Wenig Hoffnung, dass die neuerliche Prüfung etwas ändert, macht sich Anwohner Christian Grüne: „Die Beschwerde wird von dem Amt kontrolliert, das auch die Befreiung erteilt hat.“ Es müsste eine andere Instanz geben, die objektiv prüfe.

Sensibles Vorgehen

Bürgermeister Norbert Kopp (CDU), er habe viele Beschwerdebriefe bekommen: „In solchen Bereichen muss man besonders sensibel vorgehen, um das ortstypische Bild nicht zu zerstören.“ Deshalb hätten die Bezirksverordneten unlängst eine Satzung zum Erhalt der Villenkolonie Nikolassee beschlossen. Im Streit um den Neubau aber ist das Rechtsamt überzeugt: „Zwar ist das neue Haus in der Höhe etwas unterschiedlich zu den anderen baulichen Anlagen am Ufer. Es fällt aber dadurch nicht unangenehm auf oder unterscheidet sich sehr stark von den übrigen Gebäuden auf diesem Streifen“,so die Erwiderung auf den Eilantrag der Anwohnerin. Von einem Präzedenzfall könne keine Rede sein. „Es ist auch nicht zutreffend, dass nun generell eine zweigeschossige Uferbebauung eintreten wird. Ein Einzelfall gibt anderen nicht das Recht, das Gleiche zu fordern“, so die Erläuterung des Rechtsamtes.

Genau das werden die Anwohner aber fordern. Nachbarin Brigitte Niesche hält den Neubau für „unangemessen“. Zu akzeptieren sei es nur, „wenn wir jetzt alle so bauen dürfen“. Vor allem aber erinnert sie in der Gerichtsverhandlung daran, dass der Grünstreifen Gemeinschaftseigentum sei. Aus diesem Grund hätten die Anwohner gefragt werden müssen. Das wird jetzt noch von den Rechtsanwälten geprüft.

Das Stadtplanungsamt will sich jetzt den Bebauungsplan für das Gebiet rund um den Uferstreifen erneut vornehmen. Neues Planungsziel für den Grünstreifen sei eine Nutzung für den Wassersport, sagt Norbert Schmidt. Das könnte dann bedeuten, dass der gesamte ehemalige Grünstreifen und damit das Seeufer des Wannsees zugebaut wird.