Tödliche Gefahr

Legionellen-Alarm - Mieter dürfen nicht mehr duschen

In einer Wohnanlage in Prenzlauer Berg ist ein Auftreten von Legionellen oberhalb des Grenzwertes gemessen worden. Das Gesundheitsamt hat den Bewohnern ein Duschverbot erteilt.

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Eigentlich sollte es eine Routineprüfung der Trinkwasseranlage sein, wie sie derzeit in Hunderten Wohnungen durchgeführt wird. Doch seit einigen Tagen hängt im Hausflur der Rosenthaler Straße 61 in Mitte eine für die Mieter beunruhigende Mitteilung. Leider sei bei der Überprüfung ein Auftreten von Legionellen oberhalb des Grenzwertes festgestellt worden, heißt es da. Eine gesundheitliche Gefährdung bestehe jedoch zurzeit nicht, informiert die Hausverwaltung.

Bis zum Ende des Jahres sind Vermieter mit Warmwasseranlagen ab einem Fassungsvermögen von mindestens 400 Litern im Haus verpflichtet, die Anlage auf Legionellen untersuchen zu lassen. Das sieht die neue Trinkwasserverordnung vor, die vor knapp einem Jahr in Kraft trat. Legionellen sind kleine Stäbchenbakterien, die im Süßwasser vorkommen. In höheren Konzentrationen können sie Lungenentzündungen verursachen, wenn sie beim Duschen eingeatmet werden. Das Trinken des Wassers ist ungefährlich.

Der Grenzwert, bei dem die Hausbesitzer Gegenmaßnahmen ergreifen müssen, liegt schon bei 100 koloniebildenden Einheiten (KBE) pro 100 Milliliter. Eine akute Gesundheitsgefährdung besteht ab 10.000 koloniebildenden Einheiten. Dann müssen die Gesundheitsämter ein Duschverbot für Bewohner und Nutzer verhängen, bis das Problem gelöst ist.

Statistischer Überblick fehlt

In der Wohnanlage an der Fröbelstraße/Ecke Ella-Kay-Straße in Prenzlauer Berg ist genau das eingetreten. Nach Informationen des „Berliner Kurier“ wurden hier 16.300 KBE pro 100 Milliliter Wasser gemessen. „Wir wurden per Brief benachrichtigt“, bestätigt ein Mieter, der seinen Namen nicht nennen will, auf Nachfrage der Berliner Morgenpost. „Mein Haushalt ist nicht betroffen, aber für insgesamt sechs Mietparteien wurde vorübergehend ein absolutes Duschverbot erteilt.“ Häufige Ursache für Legionellen ist, dass das Wasser nicht ausreichend heiß wird oder lange in der Leitung steht.

Allein im Bezirk Neukölln hat es bereits zehn solcher Duschverbote gegeben. Auch in Charlottenburg-Wilmersdorf waren schon mehrere Wohnhäuser von der Maßnahme betroffen. Nach Angaben von Techem, einem der großen Unternehmen, das die Überprüfung in den Häusern durchführt, wurde in 16 Prozent der Proben ein Legionellenbefall oberhalb des Grenzwertes festgestellt. Doch die Gesundheitsämter der Bezirke sind überfordert. Tausende eingeschickte Befunde müssen bearbeitet werden. Wird ein Befall festgestellt, sind Nachprüfungen fällig.

Die Hälfte der Anlagen wurden schon getestet

Die Mitarbeiter allerdings kommen nicht hinterher, denn zusätzliches Personal hierfür gibt es bisher nicht: „Die Bearbeitungszeiten sind eigentlich zu lang“, sagt Matthias Brockstedt vom Gesundheitsamt Mitte. Gebe es beispielsweise einen Masernausbruch, sei das Gesundheitsamt gezwungen, die Wasserproben erst einmal liegen zu lassen. So bestehe die Gefahr, dass jemand durch Legionellen erkranke, obwohl der Bericht möglicherweise schon seit Wochen bei der zuständigen Behörde gelegen habe.

In Neukölln gibt es nach Schätzungen des Gesundheitsamtes 12.000 Warmwassergroßanlagen, die überprüft werden müssen. Dabei müssen jedes Mal Proben von mehreren Zapfstellen genommen werden. Etwa die Hälfte sei bereits auf Legionellen getestet worden. Doch genaue Zahlen gibt es nicht. „Wir erfahren es nicht mal, falls ein Hausbesitzer einen Legionellenbefall nicht meldet. Denn eine Auflistung, wie viele Anlagen es wo gibt, hat das Gesundheitsamt nicht“, sagt Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU).

8609 Proben wurden entnommen

Dabei sei die Hygienekontrolle durchaus wichtig, das hätten die Befunde sowie die bisher zehn Duschverbote im Bezirk gezeigt. Auch Liecke fordert deshalb, schnell das nötige Personal zur Verfügung zu stellen. „Es gibt zwar die politische Absichtserklärung, dass zusätzliche Hygieneaufseher eingestellt werden sollen. Doch bisher ist nichts passiert.“ Im Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf wurden bis August 1321 Häuser überprüft. Insgesamt 8609 Proben wurden hier genommen. „Die Hälfte aller untersuchten Häuser hatte einen Legionellenbefall über dem Grenzwert, doch nicht immer waren alle Wohnungen betroffen“, sagt Carsten Engelmann (CDU), Gesundheitsstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf.

Noch im Frühjahr hatten die Behörden erwartet, dass nur 15 Prozent der zentralen Warmwasseranlagen in Berlin die Trinkwassertests nicht bestehen würden. Öffentliche Gebäude wie Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser müssen schon seit dem Jahr 2001 ihre Leitungen untersuchen lassen. Seit einer Novellierung der Trinkwasserverordnung 2012 müssen Warmwasseranlagen alle drei Jahre getestet werden.

Eigentümer kann Kosten auf Mieter umlegen

Wird eine Grenzwertüberschreitung festgestellt, sind sogenannte thermische Desinfektionen nötig. Das Wasser wird erhitzt, um die Bakterien abzutöten. Dann müssen die Ursachen für den Legionellenbefall gefunden werden. Manchmal sind technische Neuerungen nötig. Der Hausverwalter der Rosenthaler Straße hat bereits erste Gegenmaßnahmen ergriffen. „Wir haben die Anlage hochgeheizt und analysieren jetzt die Ursache“, sagt Davis Lapawczyk von der Hausverwaltung. Eventuell werde die gesamte Heizanlage erneuert. Ein Duschverbot sei nicht nötig gewesen. Die Konzentration der Legionellen habe im mittleren Bereich gelegen. Die Hausbewohner reagierten gelassen: „Wir hatten eigentlich mit mehr Nachfragen gerechnet“, sagt Lapawczyk.

Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) hält die ganze Verordnung für übertrieben. „Das ist ein großer Aufwand“, sagt BBU-Sprecher David Eberhart. Es gebe schließlich nur wenige Fälle, in denen Legionellen gefunden würden. Der Verband fordert, zumindest die vorgeschriebene Folgeuntersuchung nach drei Jahren abzuschaffen oder den Zeitraum zu verlängern. Die Kosten für die Überprüfung können Hauseigentümer auf die Mieter umlegen.