Nahverkehr

Wenn die Berliner U-Bahn plötzlich im Kreis fährt

Um die Orientierung zu erleichtern, hat der britische Psychologe Maxwell Roberts die U- und S-Bahnpläne etlicher Städte neu gezeichnet. Auch dem Berliner Netz hat er ein praktischeres Design gegeben.

1933 ist es eine Revolution. Der technische Zeichner Harry Beck fragt sich, ob sich die Linienpläne der Londoner U-Bahn nicht übersichtlicher darstellen lassen. Bisher folgen sie dem klassischen Stadtplan. Weil die Stationen im Zentrum eng beieinander liegen, in den Außenbezirken aber weit auseinander, sind die klassischen Karten schwer lesbar. Beck gibt jeder Linie eine eigene Farbe, die Strecken werden schematisch dargestellt, die Abstände vereinheitlicht und die Linien nur in 90 oder 45 Grad Winkeln eingezeichnet – ein Klassiker ist geboren. Auch andere Städte haben das Prinzip kopiert, Berlin etwa. Doch was einfach scheint, geht noch besser, sagt der Psychologe Maxwell Roberts, Brite wie auch Beck.

Plan hat Symbolcharakter

Jede Stadt brauche ihren individuellen Plan, sagt Roberts, der an der Universität Essex zur menschlichen Orientierung in Räumen forscht. Er veränderte Pläne – auch den von Berlin, der so zu einer runden Sache wurde. Dabei haben Karten und Pläne, im übertragenen Sinne, mehrere Seiten: eine logische, eine ästhetische und eine emotionale. Roberts selbst wuchs in London auf, für ihn war der Plan der dortigen U-Bahn der Weg, um seine Welt zu erkunden. "Ein Plan kann also einen starken Symbolcharakter haben."

Gute Liniennetzpläne ermöglichen es Menschen, Kontrolle zu behalten, sagt der Psychologe: "Städte sind komplizierte Gebilde, und ein gut gemachter Plan ermöglicht es, die Kontrolle über sie zu übernehmen. Deshalb ist es auch so wichtig, wie ein Plan angelegt ist. Denn wenn Menschen überfordert nach Orientierung suchen und als Erstes über eine komplizierte Karte stolpern, können sie darauf mit Panik reagieren." Routenplaner im Computerprogramme mag er dagegen nicht: Sie verhindern, dass man etwas über die Umgebung lernt. Und wenn der Computer mal nicht funktioniert, stehe man mit leeren Händen da.

Hauptsache, der Plan ist einfach

Roberts hat die Grundstrukturen der Liniennetzpläne analysiert und einige nationale Unterschiede. In England stellt eine Linie eine logische, meist parallel laufende Gruppe von Strecken dar. In Deutschland dagegen ist eine Linie immer nur eine einzelne Route: "Wenn man von A nach B fährt, hat die Linie eine Farbe, und wenn man von A nach C fährt, hat sie eine andere Farbe – auch wenn man dabei die meiste Zeit auf der gleichen Strecke unterwegs ist." In Berlin und Frankfurt am Main beispielsweise gebe es mehrere Farbstreifen, wo man zur Orientierung eigentlich nur eine einzige Linie brauche. Das könne Verwirrung stiften.

Um Orientierungsprobleme zu vermeiden hat sich der Psychologe daran gemacht, die U- und S-Bahnpläne etlicher Städte neu zu designen. Fünf Kriterien haben sich dabei als nützlich erwiesen. Erstens Einfachheit: Die Linien müssen möglichst gerade verlaufen, denn Zickzacklinien kann das Auge nicht so einfach folgen. Das Zweite ist die Organisation der Formen insgesamt: "Parallele Linien sind gut, möglichst wenig Winkel sind gut, Symmetrien sind gut." Drittens Harmonie: Bestimmte Kombinationen von Formen und Farben sind einfach zu verarbeiten. 90-Grad-Winkel zweier Linien sind gut, 80 Grad "sieht falsch aus". Viertens "Balance": Stationen sollen sich nicht ballen, nirgends große weiße Flecken entstehen. Und schließlich darf die Geografie nicht zu sehr verzerrt werden. "Die Leute ärgern sich vor allem, wenn Stationen in der Realität eng beieinander liegen, wie ja meist im Stadtzentrum."

Probanden testen die neue Version

Roberts versucht bei einem neuen Plan, sich auf horizontale und vertikale Linien zu konzentrieren sowie auf Linien, die davon im 45-Grad-Winkel abgehen. Das klappt nicht immer, er muss experimentieren. "Ich designe einen neuen Plan erst einmal in allen Varianten, die mir einfallen, meist um die 15." Für Berlin passten die Standard-Designs nicht gut. "Wenn man die einfach so anwendet, kommen dabei lauter seltsame Zickzacklinien heraus", war seine Erfahrung. "Ich wollte die Ringbahn gern rund haben und setzte zunächst Potsdamer Platz ins Zentrum – aber dann purzelten die Stationen der U2 aufeinander, nichts passte." Station Stadtmitte passte als Zentrum besser: "Die Stationen um den Wittenbergplatz waren nicht zu dicht beieinander – es ist dort schwierig, weil die Stationsnamen lang sind –, und es ermöglichte, dass die nördlichen Vororte Platz hatten, damit es nicht aussah, als klebten sie am Zentrum."

Hat Roberts einige für ihn akzeptable Varianten gefunden, lässt er sie von Probanden testen. "Sie sollen eine Station auf dem Plan finden oder eine Route planen. Je schneller sie sind und je weniger Fehler sie machen, desto besser." Dabei hat er allerdings festgestellt, dass der Plan, der einer Versuchsperson spontan am besten gefällt nicht unbedingt der ist, auf dem er sich am besten zurechtfindet. Deshalb sei es keine gute Idee, über einen Plan abstimmen zu lassen. Andererseits: Wenn die Leuten einen Plan hassen, nutzen sie ihn nicht, "und wenn er noch so benutzerfreundlich ist". Wie so oft, sagt der Brite, kann man es nicht allen Recht machen.

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