Kaisergeburt

Berliner Arzt senkt beim Kaiserschnitt das Tuch

Professor Wolfgang Henrich, Direktor der Geburtsmedizin der Charité, hat eine neue Methode des Kaiserschnitts eingeführt. Dabei können die Eltern zusehen, wie das Kind auf die Welt geholt wird.

Foto: Charité

Schon drei Stunden nach der Geburt liegt das Baby von Franka Böhm auf der Brust seiner Mutter. Einen Namen hat das Mädchen noch nicht, aber sie sucht schon zielsicher nach der Brustwarze. Der große Bruder Timo sitzt neben dem Bett in der Geburtsklinik der Charité und schaut staunend zu. Obwohl Franka Böhm gerade einen Kaiserschnitt hinter sich hat, strahlen ihre Augen. Fasziniert erzählt sie von „dieser unerwartet guten Erfahrung“, die sie gerade gemacht hat.

Seit etwa einem Jahr praktiziert Professor Wolfgang Henrich, Direktor der Geburtsmedizin der Charité, eine neue Methode des Kaiserschnitts und ist damit bundesweit Vorreiter. Henrich nennt sie Kaisergeburt. Sie soll den Familien dieses positive Glücksgefühl ermöglichen, das sich in der Regel bei einer natürlichen Geburt einstellt und die weitere Entwicklung des Kindes positiv mit beeinflusst. Eigentlich sind es nur wenige Details im Ablauf der Operation, doch diese Details bedeuten einen radikalen Bruch mit jahrelangen Traditionen: Mutter und Vater können dabei zuschauen, wie das Kind aus dem Bauch geholt wird.

Henrich stieß mit seinem Vorgehen zunächst auf Gegenwehr innerhalb der Ärzteschaft. Doch inzwischen verbreitet sich die Methode auch in anderen Kliniken. Die Bensberg-Klinik, bekannt durch die Einführung der Wassergeburt, praktiziert die Kaisergeburt ebenso wie die niederrheinische Klinik Viersen.

Der Berliner Professor Henrich hat die neue Methode nicht erfunden. In einer Fachzeitschrift hatte er gelesen, wie der Australier Nick Fisk seit 2008 den Kaiserschnitt durchführte. Und Henrich wollte ausprobieren, ob es möglich ist, dieses positive Geburtserlebnis auch bei einer OP zu vermitteln. „Bis dahin hatte ich 23 Jahre lang den Kaiserschnitt so praktiziert, wie ich es gelernt habe“, sagt Henrich. Nun verändert er den Ablauf, wenn die Eltern es wünschen.

Der entscheidende Moment kommt, nachdem Bauchdecke und Gebärmutter geöffnet sind. Nachdem die Eltern noch einmal ihr Einverständnis gegeben haben, wird das OP-Tuch, das bis dahin den Blick der Eltern vom Bauchbereich trennt, langsam gesenkt. Das Licht wird gedimmt. Die Eltern können zusehen, wie das Kind aus der Mutter geborgen wird. Erst kommt der Kopf zum Vorschein, dann die Schultern, bis das Baby ganz zu sehen ist und den Eltern direkt in die Augen blickt. „Der geöffnete Bauch ist aus der Perspektive der Mutter nicht zu sehen“, sagt Professor Henrich. Auch viel Blut auf der Haut des Babys, wie einige befürchten, gebe es bei diesem Vorgang nicht.

„Operation als positives Familienerlebnis“

Dieses sogenannte Entwickeln des Neugeborenen erfolgt langsamer als sonst üblich. Die Lunge wird vom Fruchtwasser befreit und der Vater kann, wenn er möchte, die Nabelschnur durchtrennen. So wie es ist, wird das Baby der Mutter auf den Bauch gelegt. Während die Eltern über das Wunder staunen, wird das Tuch wieder hoch gezogen und die OP zu Ende geführt.

„Der unmittelbare Hautkontakt und die Freude der Mutter führen dazu, dass vermehrt Glückshormone produziert werden“, sagt Henrich. Das erleichtere die Stillphase und die Rückbildung. Bei der Mutter gebe es seltener Übelkeit während oder nach der OP, und auch die nach einem Kaiserschnitt häufig auftretende Niedergeschlagenheit scheine seltener. Sogar die Sprachentwicklung des Kindes könne positiv beeinflusst werden, weil der erste Schrei nach Hilfe, unmittelbar durch Blick und den Hautkontakt mit der Mutter beantwortet werde.

„Wenn ein Schnitt medizinisch notwendig ist, sollte man die Operation als positives Familienerlebnis gestalten“, sagt Henrich. Es gehe nicht um eine Steigerung von operativen Entbindungen. „Wenn die Zeichen für eine normale Geburt günstig sind, ist sie einem Kaiserschnitt ohne medizinische Begründung vorzuziehen“. Es gebe aber genug zwingende Gründe, die einen Kaiserschnitt nötig machen würden und dann sei es wichtig, ein Geburtserlebnis zu ermöglichen, auch als Trost für die versäumte Spontangeburt.

„Ein Kaiserschnitt muss das bleiben, wofür er da ist“

Das sehen nicht alle so. Eine Operation dürfe man nicht als Lifestyleprodukt verkaufen, sagt Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes. Es sei schon verharmlosend, die OP Kaisergeburt zu nennen. „Hier wird den Frauen vorgegaukelt, dass eine OP sanft und natürlich sein kann“, so Klenk. Durch solche Illusionen könne der Trend zum Wunschkaiserschnitt weiter zunehmen. „Ein Kaiserschnitt muss das bleiben, wofür er da ist: Eine Operation, um im Notfall das Leben von Mutter und Kind zu retten“, sagt die Präsidentin des Hebammenverbandes. Jedes dritte Kind komme inzwischen durch eine Operation zur Welt.

Unterstützung erhält Henrich von Professor Ulrich Gembruch von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. „Bei einem Kaiserschnitt können nicht die gleichen Kriterien wie bei anderen Operationen gelten“, sagt Gembruch, der die Geburtshilfe der Universitätsfrauenklinik Bonn leitet. Schließlich sei es eines der wichtigsten psychosozialen Momente der Familie, wenn ein Kind zur Welt kommt. Auch er habe schon das Tuch beim Entwickeln des Kindes gesenkt. Wichtig sei es, den Vorgang zu verlangsamen, damit sich das Kind besser anpassen könne. Auch den unmittelbaren Hautkontakt mit der Mutter stelle er für eine bessere Mutter-Kind-Bindung bei einem Kaiserschnitt her, sagt Gembruch. Allerdings wisse auch er, dass das noch lange nicht Standard in den Kliniken ist.

Franka Böhm hätte ihre Tochter gern auf natürliche Weise entbunden, so wie schon ihren Sohn Timo. Doch wegen ihres Herzfehlers wäre das zu riskant gewesen. „Ich habe mir den Kaiserschnitt traurig vorgestellt, in einem gekachelten Raum unter grellem Licht und mit Ärzten, die nur das Nötigste sagen“, erzählt sie.

Als sie über die Möglichkeit der Kaisergeburt aufgeklärt wurde, hatte sie zunächst Bedenken, sie würde in den geöffneten Bauch schauen. „Die Ärzte haben mir versichert, dass es nicht so ist und es war auch nicht so. Ich habe tatsächlich nur das Baby gesehen, ganz ohne Blut“, sagt sie. Dennoch sei sie sich bewusst, dass auch die Kaisergeburt ein Schnitt sei. „Die Schmerzen kommen nach der Geburt, dann, wenn sie bei einer Spontangeburt vorbei sind“, sagt sie.