Berliner Schätze

Paul Marcus und sein Heimweh nach dem Kurfürstendamm

In der Weimarer Republik kannte ihn ganz Berlin, heute ist er fast vergessen: Der Schriftsteller Paul Marcus, genannt Pem. Seine Briefe zeigen manisches Interesse am Kulturbetrieb und einen großen Stilisten.

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Es ist der Albtraum eines jeden Archivars: Im Sommer 1972 fährt bei Pems Wohnung – „Pem“ steht als Kürzel für Paul Marcus; Journalist, Schriftsteller und Sammler – in London ein Lastwagen vor. Pem lebte damals nicht mehr, er starb wenige Monate zuvor. Seine Ehefrau Hildegard will nun offenbar schnell mit diesem Kapitel ihres Lebens abschließen, sie ist damals 61 Jahre alt, da kann man noch mal durchstarten.

Also entsorgte sie kurzerhand das Archiv ihres Mannes – viele Kartons und Aktenordner voller Zeitungsschnipsel, Notizen und Dokumente. Vielleicht war es ihre Art zu trauern. Aber was da für immer im Müll verschwand, war das unvergleichliche Archiv eines jüdischen Exilanten, der nie seine Wurzeln wirklich gekappt hatte.

Pems große Zeit waren die Weimarer Jahre in Berlin. Damals kannte er alle, alle kannten ihn. Billy Wilder – oder „Billie“ wie Pem den Vornamen schrieb – Fritz Lang, Marlene Dietrich, Remarque, Alfred Kerr. In diesem kulturell ungeheuer produktiven Jahrzehnt vor der NS-Zeit war er mittendrin. 1933 flieht er sofort aus Deutschland, weil er genau weiß, wer jetzt an die Macht kommt.

Man kennt sich aus dem Nachtleben. Den ewig klammen Hermann Göring traf man manchmal im Lokal „Flotte“ an, wo er mit einer Tänzerin anbandelte. „Man hauste irgendwo in einem Zimmer am Kaiserdamm.“ Und auch Goebbels ist stadtbekannt. Seine neue Kampfzeitung „Angriff“, die ab 1927 erschien, funktionierte nicht gleich. „Das Blatt fing kläglich an. Beim Anblick der ersten Nummer weinte Goebbels vor Wut.“ So notiert es Pem.

Tempo, Betrieb und Tamtam

Wo er es notiert? In seinem Buch „Heimweh nach dem Kurfürstendamm“, das 1952 zum ersten Mal erschien. Es ist ein Erinnerungsbuch, ein Sehnsuchtsbuch, geschrieben in der Nachkriegszeit, rund 1000 Kilometer entfernt in London – aber es taucht tief in die goldenen 20er-Jahre der Reichshauptstadt ein. Ursprünglich war es nur als Zeitungsserie für die „Münchner Illustrierte“ gedacht; Untertitel: „Berlin zwischen den zwei Weltkriegen. Ein Tatsachenbericht von Pem, dem Reporter, der überall dabei war.“ Der Haupttitel ist einem populären Schlager entliehen, der 1949 großen Erfolg hatte: „Heimweh nach dem Kurfürstendamm“. In den 60er Jahren wird ihn Hildegard Knef covern, mit ihrer tiefen melancholischen Stimme besingt sie vor einer künstlichen Trümmerkulisse „Berliner Tempo, Betrieb und Tamtam“.

Pem konnte mit dieser Liedzeile sicherlich viel anfangen. Denn das Tempo der Stadt kriegt er sofort zu spüren, als er im Januar 1948 zum ersten Mal – nach über fünfzehn Jahren Exil in Prag, Wien und London – in das zerstörte Berlin zurückkehrte. Nach der Entrümpelung durch seine Frau sind nur wenige Originalbriefe von Pem übrig geblieben, einige davon lagern im Filmmuseum in Berlin. Mit Paul Kohner beispielsweise, dem Hollywood-Agenten von Marlene Dietrich und Greta Garbo, stand er viele Jahrzehnte im Briefkontakt.

„Die Menschen sind völlig richtungslos“

Diese Briefe sind dank Kohner erhalten geblieben. „Verehrter Paul Kohner“, schreibt Pem also nach Amerika, auf seiner englischen Schreibmaschine, die kein „ä“, „ö“ und „ü“ kennt. „ Berlin war sehr anstrengend und sehr interessant, und ziemlich hoffnungslos. Die Menschen machen dort immer noch einen schrecklichen Betrieb und sind voellig richtungslos.“ Was filmisch dort entstehe, könne man im Moment vergessen. Technisch nicht auf der Höhe. Aber einen Tipp habe er: Hildegard Knef, sie reise gerade in die USA aus. „Sie sieht so außergewoehnlich gut aus, dass ich denke, sie koennte eine Karriere machen.“

Am gleichen Tag im Jahr 1948 schreibt er noch einer anderen Filmgröße, Fritz Lang, dem Regisseur von „Metropolis“. Auch der ist 1933 emigriert, allerdings etwas komfortabler und finanzieller abgesicherter als Pem. „Lieber guter Fritz Lang“, schreibt er jetzt, „der Einfall mit den Zigaretten in den Buechsen war genial, ich danke Ihnen sehr, sehr herzlich. Inzwischen war ich in Berlin – und Sie koennen sich gar nicht vorstellen, wie viel Leute Sie gruessen – von Edith Hamann… aber das ist Ihnen mit Recht schnuppe. Berlin hat immer noch einen Betrieb, der einer besseren Sache wuerdig waere.“ Er selber sei bei seiner Rückkehr unglaublich gefeiert worden – „es war ziemlich zum Kotzen. Die wissen noch nicht, wie tot sie sind.“ Die Stadt sähe unverändert schlimm aus. „Und die Leute haben alles vergessen und nichts dazu gelernt.“ Nein, eine permanente Rückkehr nach Berlin sei für ihn ausgeschlossen. „Man hat mich sehr gelockt, dort zu bleiben, aber ich koennte unter keinen Umstaenden dort mehr leben“, schreibt Pem an Fritz Lang.

Süchtig nach der Hauptstadt

Aber loslassen kann er die Stadt auch nicht. Oft kehrt er zurück, allein für die jährliche Berlinale, die ab 1951 stattfindet. Berliner Freunde und Bekannte wundern sich, wie gut er über alles in der Stadt informiert ist, obwohl er doch in London lebt. Aber Pem, der in seiner Exil-Zeit „Pem’ s Privat-Berichte“ und später „Pem’ s Personal Bulletins“ herausgab (ein Film-Branchenblatt mit Infos und Klatsch), war schon immer Kontaktbörse. In einem Brief nennt er sich selbst scherzhaft einen „jüdischen Umschlagbahnhof“. Wer einen Kontakt braucht, wer eine Adresse sucht, wer eine Vermittlung wünscht, der ist bei Pem richtig.

Sein Berlin-Anker bleiben allerdings die 20er Jahre, das Nachkriegsberlin ist ihm fremd. „Es war, als sei ich in Pompeji“, schreibt er in „Heimweh nach dem Kurfürstendamm“. Er geht durch die Ruinen der Stadt und träumt sich zurück in bessere Zeiten. Mit dieser Nostalgie trifft er genau den Zeitgeist vieler Berliner nach 1945. Dem Chauffeur, der ihn 1948 „in einem Volksauto“ durch die Stadt fährt, will Pem klarmachen, warum er so fließend deutsch spricht. „Ich bin zwar hier zur Schule gegangen, aber ich war die letzten 20 Jahre nicht mehr hier…“, sagt er, ganz in der Tradition des englischen Understatements, zu dem Mann. „Woraufhin der nur meinte: „Da haben Sie nichts versaeumt…“ Adolf Hitler, die Nazis, hunderttausendfaches Exil, millionenfacher Mord, eine Stadt in Trümmern – einfach lapidar in einem Satz zur Seite geräumt. „Da haben Sie nichts versaeumt…“ Das sah Pem wohl auch so.

Dank an das Archiv der Deutschen Kinemathek Berlin; das Buch von Paul Marcus (Pem) „Heimweh nach dem Kurfürstendamm“ erscheint jetzt unter dem Titel „Zwischen zwei Kriegen. Aus Berlins glanzvollsten Tagen und Nächten“ in einer Neuauflage beim Transit-Verlag

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