Briefzusteller

In Berlin radelt die Post jetzt auf dem E-Trike

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Franziska Birnbach

Foto: Massimo Rodari

Bis September werden 100 Briefzusteller in der Hauptstadt mit einem Elektro-Trike ausgestattet. Brigitte Schwedek erleichtert das Dreirad schon jetzt ihre Arbeit, bei der sie 1700 Haushalte anfährt.

Briefkästen sind unberechenbare Geschöpfe – mal beinhalten sie fröhliche Urlaubsgrüße, ein anderes Mal die nächste Rechnung. Die Postboten, die die Nachrichten überbringen, kennt man selten – von ihrem ausgeklügelten Einwurf-System und Kniffen noch weniger.

Seit vier Wochen sind einige Postzusteller in Berlin mit dem neuen E-Trike unterwegs. Grund genug, eine Postbotin auf ihrer alltäglichen Runde mit dem neuen elektrischen Dreirad zu begleiten.

Die Deutsche Post hat bundesweit insgesamt 1500 Elektro-Dreiräder in der Briefzustellung eingesetzt. Die Räder sollen die körperlich anstrengende Arbeit der Postboten erleichtern und zum Beispiel beim Anfahren helfen. Bis September werden in Berlin rund 100 Boten mit einem E-Trike ausgestattet sein – Auswahlkriterium ist die jeweilige Route. Nicht auf allen Strecken ist das etwas sperrige Rad einsetzbar. In kleineren Gassen kommt es in Schwierigkeiten.

Die Namen lernt sie auswendig

„Für mich ist das Rad schon eine ziemliche Erleichterung. Meine Strecke ist ziemlich weitläufig“, sagt Brigitte Schwedek. Die 43-Jährige ist seit 1999 Briefzustellerin bei der Deutschen Post. „Ich habe Kinder und fand die Arbeitszeiten sehr attraktiv, da entschied ich mich für die Post. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich allerdings auch nur die Briefkästen bei mir zu Hause“, sagt Schwedek und lacht.

Wer einmal die 150 Briefkästen in einem Haus an der Spandauer Straße bestückt hat, weiß, dass dies nicht ohne Vorbereitung geht. Jeder habe sein eigenes System, wie man möglichst schnell die Briefe zum Empfänger bringt.

Auf ihrer täglichen Tour beliefert sie rund 1700 Haushalte mit Post. Die hat sie als Krankheitsvertretung seit Oktober übernommen. Schon nach zwei Wochen kannte sie eigentlich jeden Namen und weiß, wer wo seinen Briefkasten in einem Wohnungskomplex hat. „Bei festen Touren nehme ich auch schon mal eine Namensliste übers Wochenende mit nach Hause, um sie auswendig zu lernen“, sagt Schwedek. Das erleichtere die Arbeit ungemein.

Treppen steigen und 15 Kilometer Radfahren pro Tour

Bevor sie auf ihre Tour geht, sortiert sie die Briefe in der Ladestation vor. Mit dem neuen E-Trike können viele Briefe mit einem Mal transportiert werden. Es kann auf den vorderen und hinteren Gepäckkörben mit maximal 80 Kilogramm beladen werden.

Alles, was darüber hinaus geht, wird in den selten im Stadtbild wahrgenommenen grauen Kästen auf dem Gehweg zwischengelagert. Ohne die Erleichterung durch das E-Trike ist der Job als Zusteller körperlich sehr anstrengend. „Ein Fitnessstudio braucht man eigentlich nicht mehr. Ständig Treppen auf und ab laufen, im Durchschnitt 15 Kilometer Radfahren pro Tour – das reicht“, sagt Schwedek. Lachend gibt sie zu, dass sie privat dann eher weniger Lust auf Sport hat.

Ein weiterer Faktor, der die Arbeit der Zustellerin erschwert, ist das Wetter. An den letzten Augusttagen bei Sonnenschein sieht es fast wie eine fröhliche, wenn auch schwer bepackte Fahrradtour aus, doch im Winter wird es kalt. „Wenn es auf der Tour nur Außenbriefkästen gibt, werde ich eigentlich gar nicht mehr warm“, sagt Schwedek. Da hilft nur eine Thermoskanne mit Tee und Handwärmer in den Taschen.

Umkippen kann das E-Trike nicht

Das Problem Glatteis soll nun durch das E-Trike besser zu handhaben sein. Das Gleichgewicht kann man damit zumindest nicht verlieren, und umkippen kann es auch nicht.

Das Fahren selbst ist sehr unkompliziert. Auch wenn der Selbsttest ein wenig unsicher ausfällt – man könnte sich dran gewöhnen. „Ich musste auch erst einmal etwas Probefahren, doch nach einer halben Stunde kam ich gut klar“, sagt Schwedek. Ohne dass man in die Pedale tritt, lässt sich eine Geschwindigkeit von bis zu sechs Stundenkilometern erreichen.

Ein wenig Vespa-Feeling kommt auf, wenn man den Elektro-Motor durch Drehen am Griff betätigt. Wenn der Postbote zudem noch in die Pedale tritt, geht es schneller. Bei 24 km/h schaltet sich der Motor jedoch ab.

Routine bei der Zuordnung

Wenn Brigitte Schwedek die Post in der Karl-Marx-Allee einwirft, geht es schnell. Die Briefe des jeweiligen Hauses hat sie schon vorher mit Gummis sortiert. Zugang zu den Wohnungskomplexen bekommt sie durch ganz normale Schlüssel. Eigentlich stellt jeder Hauseigentümer der Post einen Schlüssel zur Verfügung.

Im Hauseingang findet Schwedeks Hand die jeweiligen Briefschlitze wie von selbst. Nur einmal kommt sie ins Stocken: „In diesem Gebäude wohnen zwei Personen mit dem gleichen Nachnamen. Das stellt mich immer vor eine kleine Herausforderung“, sagt Schwedek. Wenn der Absender keinen Vornamen angegeben hat und nicht zuzuordnen ist, muss der Brief an den Absender zurückgehen.

Ein Relikt aus früheren Tagen: Das Telegramm

Ob man sich nicht auch irgendwann Gedanken macht, was die Menschen so für Post bekommen? Schwedek winkt ab. „Ich wusste gar nicht, was es alles für Kataloge und Rätselhefte gibt! Das kann man sich gar nicht vorstellen“, sagt sie. Besonders in Häusern, in denen viele ältere Menschen wohnen, gäbe es eine unfassbare Vielfalt an Gazetten.

Letztens hätte sie ein Telegramm zugestellt. Ein Relikt aus früheren Tagen. Da wussten Schwedek und eine Kollegin erst einmal nichts mit anzufangen. Letztlich wird es auch nur wie ein ganz normaler Brief eingeworfen. Als ihre Tour gegen Mittag zu Ende geht, macht sich Brigitte Schwedek beschwingt mit ihrem E-Trike auf den Rückweg. Nach einem Tag mit ihr steht fest: Bis die Post im Kasten landet, erfordert es einiges an Organisation und Gedächtnisleistung.