Neue Honorarverträge

Streit an Berliner Musikschulen geht in nächste Runde

Die meisten Lehrer an den Musikschulen haben die neuen Honorarverträge inzwischen unterschrieben, doch der Protest geht weiter. Für Sonnabend hat Ver.di zu einer weiteren Kundgebung aufgerufen.

Foto: Massimo Rodari

Berlin schmückt sich gern mit seinen großen Orchestern, Opernhäusern und Nachwuchsmusikern. Vor wenigen Tagen erst wurde in Berlin das 50-jährige Bestehen des Wettbewerbs „Jugend musiziert“ gefeiert. Bei der Festveranstaltung spielten auch Preisträger aus Berlin. Aber auch die talentiertesten Musiker haben einmal klein angefangen, häufig in der Musikschule um die Ecke. Die Lehrer an den Musikschulen haben den Eindruck, dass dies gern vergessen wird.

Ihr Frust hat einen Grund: Im Frühjahr bekamen alle Musikschullehrer, die nicht festangestellt sind – das sind mehr als 90 Prozent – neue Verträge zugeschickt. Bislang erhielten sie ein Pauschalhonorar, in Zukunft müssen die Lehrer jede Stunde einzeln belegen und in Rechnung stellen. Nach Berechnung der Landes-Lehrervertretung der Berliner Musikschulen bedeutet diese Neuregelung einen Einkommensverlust von etwa 3,2 Prozent. Er ergibt sich daraus, dass Lehrer an Feiertagen kein Honorar bekommen. Pro Unterrichtseinheit (45 Minuten) gibt es bis zu 23 Euro, inklusive Vor- und Nachbereitung, für sonstige Tätigkeiten wie eine Prüfungsabnahme zwischen sieben und zehn Euro.

Die Musikschullehrer haben gegen die neuen Verträge zunächst den Aufstand geprobt. „Sie sind doch ohnehin von Armut bedroht“, sagt Stefan Gretsch von der Fachgruppe Musik bei Ver.di. Nach einer Erhebung der Gewerkschaft hat ein Musikschullehrer 2012 im Schnitt 1100 Euro brutto im Monat verdient – auch deshalb, weil kaum einer vollbeschäftigt ist. Mehr als 1000 Lehrer haben nach Angaben von Anno Blissenbach von der Lehrervertretung an Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) geschrieben und mitgeteilt, dass sie den Vertrag nicht unterschreiben wollen. Eine Petition im Netz wurde binnen weniger Wochen von 21.185 Lehrern, Schülern und Eltern unterzeichnet und der Senatsverwaltung überreicht.

Lehrer fühlen sich genötigt

Passiert ist nichts. Und die meisten Lehrer haben den Vertrag inzwischen unterschrieben. „Wir fühlen uns genötigt, weil wir doch keine andere Wahl haben“, sagt Imme Kolkmeyer, die seit 25 Jahren an der Musikschule Charlottenburg-Wilmersdorf Geige und Bratsche unterrichtet und auch zwei Orchester, die „Flitzebögen“ und die „Streichhölzer“, leitet. Nach Angaben der Bildungsverwaltung haben bis Mitte August berlinweit 93 Prozent der Musikschullehrer die neuen Verträge unterschrieben. In Charlottenburg-Wilmersdorf haben zum Beispiel nur drei von 248 Lehrern keine Unterschrift geleistet, auch in Pankow sind es drei von 185 Lehrern. In Steglitz-Zehlendorf haben 30 von 327, in Mitte ebenfalls 30 von 230 und in Tempelhof-Schöneberg 16 von 197 Lehrern nicht unterschrieben.

Die Musikschulen sind zuversichtlich, die entstandenen Lücken schließen zu können, dennoch sind viele Eltern verunsichert. „Da ist ein ganz persönlicher Kontakt zwischen Lehrer und Schüler entstanden, der kann doch nicht einfach unterbrochen werden“, sagt Elke Werner, deren beide Kinder bei Imme Kolkmeyer im Orchester spielen. Sollten die Lehrer ihrer Kinder die Musikschule verlassen, würden ihre Kinder die Lust am Instrument verlieren, fürchtet sie. Verstehen kann sie aber den Unmut der Lehrer.

Für Imme Kolkmeyer sind die neuen Verträge ein Schlag ins Gesicht. Die 54-Jährige ist Musikschullehrerin aus Leidenschaft, aber ihr Leben kann sie davon kaum bestreiten. „Überall heißt es, wie wichtig Musik für die Entwicklung der Kinder ist, aber unsere Arbeit wird nicht geschätzt“, sagt sie. Die Musikschule sei doch längst nicht nur eine Vermittlungsstelle für Einzelunterricht. Alle Musikschulen haben viele Ensembles und Orchestern, die den Leitern ein hohes Maß an Organisationstalent, Engagement und pädagogischen Fähigkeiten abverlangt. Bezahlt wird Imme Kolkmeyer für die Orchesterleitung aber genauso wie für den Einzelunterricht. Dazu heißt es in einem Schreiben der Bildungsverwaltung an die Ensembleleiter: „Der Ensembleunterricht setzt aus unserer Sicht keine zusätzlich fachliche Qualifikation voraus.“

Kolkmeyers Kollege Christian Rohloff hat sich darüber so geärgert, dass er sein „ABC-Orchester“ in Charlottenburg nun abgegeben hat. Über den Bezirk hinaus bekannt waren seine Konzerte, bei denen er mit Zehnjährigen anspruchsvolle Stücke wie den „Bolero“ oder den „Karneval der Tiere“ zu Konzertreife gebracht hat. All die vielen Extraproben, die dafür nötig waren, hat er meist nicht vergütet bekommen. „Die neuen Verträge haben das Fass jetzt zum Überlaufen gebracht“, sagt er. Mit seinem Entschluss, die Orchesterleitung niederzulegen, wollte der 50-Jährige ein Zeichen setzen. Den neuen Vertrag hat er trotzdem unterschrieben: „Was blieb mir anderes übrig?“

Millionenschwere Nachzahlungen befürchtet

Doch auch die Senatsbildungsverwaltung zieht sich auf die Position zurück, dass sie keine andere Wahl hatte. Die Rentenversicherung hatte bei einer Überprüfung festgestellt, dass die freiberuflichen Lehrer Scheinselbstständige sind. Um millionenschwere Nachzahlungen zu vermeiden, verständigten sich Senat und Rentenversicherung darauf, die Honorarverträge entsprechend zu ändern. „Aber unsere Arbeitssituation ist doch gleich geblieben“, sagt Blissenbach, „zumindest all diejenigen, die in Kooperationen mit Schulen oder mit Ensembles arbeiten, sind doch weiterhin an feste Stundenpläne und Raumvergaben gebunden“.

Die Musikschullehrer wollen sich nicht mit der neuen Situation abfinden. Für kommenden Sonnabend hat Ver.di um 14.30 Uhr zu einer weiteren Kundgebung vor dem Konzerthaus aufgerufen. Dabei fordert Stefan Gretsch mehr als die Rückkehr zu den alten Pauschalverträgen. An den Berliner Musikschulen sind nicht einmal zehn Prozent der Lehrer festangestellt, in anderen Bundesländern sind es 70 bis 80 Prozent. Die Forderung nach mehr Festanstellungen steht schon seit der Wende im Raum – und auch die Zusage. Im Einigungsvertrag sei festgeschrieben, dass Anpassungen zwischen Ost und West auf das höhere Niveau erfolgen sollten. Tatsächlich sei bei den Musikschullehrern der umgekehrte Weg beschritten worden. Außerdem fordert Ver.di einen Tarifvertrag für die Lehrkräfte.

Landesmusikrat fordert klare Signale von der Bildungssenatorin

Unterstützung bekommen die Musikschullehrer auch vom Landesmusikrat. „Die Situation ist demotivierend“, sagt Hubert Kolland, der Präsident des Landesmusikrats. Er fordert klare Signale von Bildungssenatorin Scheeres. Die Verträge müssten noch einmal überarbeitet werden, mehr Festeinstellungen erfolgen und schließlich auch die Unterversorgung an den Musikschulen gelöst werden. 2012 waren berlinweit 52.071 Schüler an den Musikschulen, weitere 9700 Schüler standen nach Senatsangaben auf den Wartelisten. Und noch etwas sagt Kolland: „Es ist doch entehrend, wenn die Musikschullehrer bei ihrem ohnehin geringen Honorar jeden einzelnen Schritt nachweisen müssen“.

Aus der detaillierten Abrechnung über jede Musikstunde und jede weitere Tätigkeit ergibt sich ein weiteres Problem: Die Honorare differieren in Zukunft bei jeder Lehrkraft von Monat zu Monat. Sie zu berechnen bedeutet auch für die Verwaltung ein ungeheurer Mehraufwand. Eigens wurde zu diesem Zweck zwar eine Software entwickelt, doch die ist gerade erst in der Auslieferung, die Mitarbeiter sind noch nicht geschult. „Das Chaos ist programmiert“, glaubt Anno Blissenbach von der Lehrervertretung. Nach seiner Schätzung müssten pro Musikschule drei bis vier Mitarbeiter zusätzlich eingesetzt werden, um den Mehraufwand zu bewältigen. „Das ist doch absurd, in Zeiten, in denen die Verwaltung schlanker werden soll“. Aus seiner Sicht wäre es sinnvoller, die Energie nicht in die Abrechnung, sondern in den Musikunterricht zu stecken. Damit auch in Zukunft möglichst viele Schüler am Musikunterricht teilhaben können.