Kindesmissbrauch

Pädophilie-Debatte erreicht einmal mehr Berliner Grüne

Auch in Berlin wurde Pädophile einst offen verteidigt. „Ein Herz für Sittenstrolche“, heißt eine Streitschrift der damaligen West-Berliner „Alternative Liste“ von 1980, die nun wiederentdeckt wurde.

Foto: Reto Klar

Jochen Esser kann sich noch gut an diese Debatten bei Grünen-Parteitagen erinnern. „Da standen Männer und Kinder auf dem Podium“, sagt er, „und verteidigten ihre sexuelle Beziehung.“ Das sei für ihn schon damals schwer erträglich gewesen und er habe sich auch mit anderen Mitgliedern der Grünen darüber sehr aufgeregt. Das müsse man doch Abgrenzen von der Beziehung, die zwei Erwachsene haben. „Aber heute muss ich damit leben“, sagt Esser weiter, „dass ich damals auch nichts gesagt habe oder sogar zu den Behörden gegangen bin.“ Er hätte das eigentlich tun müssen, das weiß er. Damals sei man eben noch staatsfern gewesen, die Grünen misstrauten den alten Institutionen.

Die aktuelle Debatte um die Entstehungsjahre der Grünen und ihren Umgang mit Pädophilen während dieser Zeit hat seit diesem Wochenende einmal mehr die Parteizentrale der Berliner Grünen erreicht. Im Nachrichtenmagazin „Spiegel“ wird eine Streitschrift aus dem Jahr 1980 der damaligen West-Berliner „Alternative Liste“ (AL) zitiert. Aus dieser Gruppierung sind 1993 die Berliner Grünen entstanden.

Diese 32-seitige Schrift hat den Titel „Ein Herz für Sittenstrolche“ und werde, so das Magazin, noch heute häufig zitiert, wenn Pädophile für ihre Sexualität öffentlich auftreten. Darin auch der Satz, der die Ursache für sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern „in der Mehrheit der Fälle beim Kind“ sieht.

Grüne-Landesvorsitzende reagiert gelassen

Der Generalsekretär der CDU Berlin, Kai Wegner, erklärte sich „fassungslos“ über die Versäumnisse der Berliner Grünen beim Umgang mit früheren pädophilen Aktivisten in den eigenen Reihen. „Das Bedürfnis von Kindern nach Schutz und Zuwendung schamlos auszunutzen, ist unerträglich“, sagt er und forderte daher umgehend rückhaltlose Aufklärung, absolute Transparenz sowie personelle Konsequenzen. „So lange hier keine Fakten geschaffen werden, sind die bisherigen Distanzierungsversuche nichts als billige Lippenbekenntnisse.“

Bettina Jarasch, die Landesvorsitzende der Grünen in Berlin, reagiert am Sonntag gelassen auf die Veröffentlichung dieser Broschüre im Magazin. Sie kenne diese Schrift bis heute nicht, doch sie verändere auch nicht diese bereits seit mehreren Jahren geführte Debatte. Schon seit dem Jahr 2010 setze sich die Partei sehr transparent und selbstkritisch mit diesem Kapitel der Parteigeschichte auseinander.

„Die Personen, um die es geht, sind schon seit sehr langem nicht mehr in unserer Mitgliederkartei drin“, sagt sie, „und viele leben auch nicht mehr von ihnen.“ Es stimme, dass einige Pädophile bei Sitzungen ihre Meinung geäußert haben und die Grünen aus einer falsch verstandenen Toleranz diese geduldet haben. Als Mutter von zwei Kindern und gläubige Katholikin versichere sie, dass sie nicht zu falsch verstandener Toleranz neige.

„Es gab so etwas wie eine schrankenlose Diskussion“

Wie diese Toleranz ausgesehen hat, daran kann sich der 62-jährige Jochen Esser noch genau erinnern. „Aber es gab eben damals so etwas wie eine schrankenlose Diskussion“, sagt er. „Wir dachten, man muss doch über alles reden können.“ Das betraf natürlich die Homosexualität, das betraf Sex vor der Ehe, die Stellung der Frau und ging dann eben auch so weit, mit Pädophilen ganz offen über ihre Neigungen zu sprechen. Im Zuge der Abschaffung des Homosexuellen-Paragrafen 175 hatten die Pädophilien damals den Wunsch, auch 174 und 176 zu überarbeiten, die Missbrauch von Kindern und Jugendlichen unter Strafe stellen. „Uns war damals unklar, wie man damit umgehen sollte“, sagt Esser.

Das blieb auch in der Berliner Partei noch eine ganze Weile so, wie Thomas Birk weiß, der sich bei den Grünen intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt hat. „Als ich im Jahr 1992 der Partei beitrat, habe ich noch die letzten Mohikaner der Pädophilen-Truppe getroffen“, sagt er. „Aber schon drei Jahre später war keiner von denen mehr da.“

Auch er habe diese „Streitschrift“ nicht gekannt, will sich aber nicht den Vorwurf gefallen lassen, schlecht recherchiert zu haben. „Wir haben für den Beschluss von 2010 zu dieser Frage wirklich alles ausgewertet, was ausgewertet werden muss.“ Hätte er dieses Schreiben gekannt, hätte er wohl in dem Beschluss noch eine Entschuldigung bei den möglichen Opfern dieser falschen verstandenen Toleranz angefügt. „Aber wir konnten nicht finden, von dem wir nichts wussten.“ Es habe sehr viele Schriften in den 80er-Jahren gegeben. „Die Grünen wollten damals zum Beispiel auch die Ehe abschaffen“, sagt er. Davon sei heute auch keine Rede mehr. Die Landesvorsitzende Bettina Jarasch geht davon aus, dass nicht noch mehr Dokumente zu diesem Thema auftauchen.

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