Literatur

Wenn ein Buch im Berliner U-Bahnhof mit Passanten flirtet

Nadia Gorchakova und Piotr Drozd wollen Bücher mit Menschen „verkuppeln“. Um deren Aufmerksamkeit zu wecken, greifen sie zu originellen Mitteln: Sie verstecken Bücher in Berlin.

Foto: Amin Akhtar

Wenn ein Buch winken, zwinkern und Luftküsse versenden könnte, dieses Buch würde das tun. Es liegt auf einer Bank in der zweifarbig gefliesten U-Bahnstation Senefelder Platz. Weiß auf Schwarz steht auf der Verpackung: "Hey, schöner Fremder, nimm mich mit!" Wem das noch nicht zu eindeutig zweideutig ist, liest ein Gehauchtes: "Wer weiß? Wir zwei könnten gleich loslegen miteinander!" Und zur Erklärung noch ein Lippen leckendes: "Ich bin dein Blind Book Date." Auf einem Zettel an der Schleife steht in geschwungener Schrift: "LOVE".

Der letzte große Kampf um die Aufmerksamkeit der Leser hat begonnen und er wird mit allen Mitteln der Schrift hier geführt, auf dieser Bank, in dieser U-Bahnstation in Berlin. Aber auch an anderen Orten der Stadt wird in den kommenden Wochen das Projekt "Bookflaneur" noch aktiv werden und solche "sexy" verpackten Bücher ablegen.

Mit guten Büchern Menschen zum Lesen bringen

Die beiden "Aktivisten" Nadia Gorchakova und Piotr Drozd verraten auf der Online-Plattform Twitter, wo am kommenden Tag eines ihrer Bücher-Dates zu finden ist. Dann legen sie es dorthin und hoffen, dass sie jemandem damit eine Freude machen. "Es geht darum mit guten Büchern Menschen zum Lesen zu bringen", sagt Piotr Drozd. "Gleichzeitig wollen wir, dass diese gebrauchten Bücher wieder eine Heimat finden."

Damit aber sind sie nicht allein. Gerade in Berlin werden an vielen Straßenecken gebrauchte Bücher günstig oder kostenlos angeboten. Es gibt "Bücherbäume" wie am Kollwitzplatz, oder "Giveboxen" in der Steinstraße, es gibt berlinweit zehn "Medienpoints", an denen jeder seine gebrauchten Bücher abgeben kann – und kostenlos mitnehmen, ebenso im Eingangsbereich vieler Bibliotheksfiliale.

BSR sammelt stehen gelassene Bücher ein

Und seit Kurzem liegen auf 18 Parkbänken in Moabit ebenfalls Gratis-Bücher. Es sind so viele Gratisbücher im Umlauf, dass Flohmärkte nur noch selten gebrauchte Bücher anbieten. Vor allem im Sommer machen es sich Buchbesitzer einfach und stellen Kisten mit alten Büchern an den Straßenrand. Ein Zettel dabei: "Zum Mitnehmen" oder "Viel Spaß beim Lesen".

Wer aber nicht den Krimi "Silkwood" in der Ausgabe vom "Readers Digest" oder die Folge "Wo bitte geht's zum Strand" aus der 90er-Jahre-Buchreihe "Beverly Hills 90210" lesen will, der verdammt diese Bücher zu einem Schicksal der Röhrenfernseher und Doppeldecker-Kassettenradios am Straßenrand: Das Ordnungsamt ruft die Berliner Stadtreinigung (BSR) und die Bücher werden mitgenommen. Genauer: Weggeworfen.

Wenn das Buch zu Müll wird

Thomas Klöckner von der Berliner Stadtreinigung sagt es so: "Auch wenn es das spannendste Buch der Welt ist, wenn es in einer Kiste auf der Straße liegt, ist das Müll und Müll ist in der Regel magnetisch." Liege erst einmal eins da, würden bald noch mehr Bücher abgelegt werden. Sobald die Ordnungsämter also die BSR informieren, werden diese Kisten abtransportiert. "Da Bücher aus Papier sind, kommen sie in die Papiersammlung."

Das ist auch das Schicksal, was den Blind-Date-Büchern droht, das weiß nicht nur Thomas Klöckner, sondern das wissen auch die beiden Aktivisten von Bookflaneur genau. Deswegen haben sie sich bei den ersten Büchern noch auf die Lauer gelegt, wollten wissen, auf welche Reise die Bücher gehen.

Guerilla-Aktion im Café

Nadia Gorchakova und Piotr Drozd hatten am vergangenen Sonnabend zwei Bücher in dem Café "Antipodes" in Mitte versteckt. Auf Twitter hatten sie ein "Double-Date mit einem Buch" angekündigt – und nur ein paar Minuten später kam ein junges Pärchen in das Café und fand die verpackten Romane.

"Sie haben beide mitgenommen", sagt Nadia Gorchakova, "das war fast etwas schade, denn nur kurze Zeit später kam eine Frau in das Café, schaute sich um und fragte dann sogar nach die Kellnerin nach dem Buch-Date." Diese wusste aber nichts von der Guerilla-Aktion, die an ihrem Arbeitsplatz noch eben stattgefunden hatte. Sie folgt offenbar nicht "@Bookflaneur" bei Twitter.

Buch flirtet sogar

Die beiden Buch-Verkuppler treffen jedenfalls einen Nerv. Denn das gedruckte Buch hat seit Jahren mehr und mehr Mühe im Kampf um die Aufmerksamkeit gegen das Internet, die Mobiltelefone und seit neuestem die E-Reader zu bestehen. Jedes zehnte Buch wird heute in Deutschland nicht aus dem Regal geholt, sondern aus der Cloud heruntergeladen.

Pro Jahr werden rund 14 Millionen Hörbücher verkauft und bei beiden Konkurrenzprodukten sind steigende Verkaufszahlen zu erwarten. Zudem ist der Buchmarkt noch intern im Aufruhr: Der renommierte Berlin-Verlag (Heimat von Ingo Schulze und Elfriede Jelinek) wurde an eine schwedische Bonnier-Gruppe verkauft und was im noch renommierteren Suhrkamp-Verlag auf der Pappelallee in Prenzlauer Berg gerade passiert, hat das Zeug zu einem Wirtschaftskrimi.

Nimmt es jemand, oder kommt die Müllabfuhr?

All das hängt letztlich auch mit dem Buch in der U-Bahnstation Senefelder Platz zusammen, denn es kommt auf diesen Moment an: Das gute Buch liegt da auf der Bank, es flirtet sogar. Aber nimmt es jemand mit oder kommt die Müllabfuhr?

Jemand, der diese Entwicklung seit Jahren verfolgt, ist der Berliner Blogger und Kommunikationsberater Leander Wattig. Er betreibt die Internetseite "Was mit Büchern" und hat schon früh von Bookflaneur erfahren. "Ich finde, dass es mehr solcher Experimente braucht", sagt er, "denn die beiden beweisen, dass der Weg zum gedruckten Buch auch über das Internet führen kann."

Mehr Rechte am Werk des Autors

Grundsätzlich gehe es eben darum, dass doch Menschen immer noch Lust darauf haben, ein Buch zu entdecken, um Erlebnisse im Kopf zu schaffen. "Das Gute an dieser Aktion ist noch, dass es zusätzlich noch das Entdecken des Buches zu einem Erlebnis inszeniert." Gerade dieses spielerische Element, auch "Gamification" genannt, das Suchen und Finden inklusive der Liebes-Verpackung, könnten dem gedruckten Buch zum weiteren Erfolg verhelfen.

Zudem, so Leander Wattig, bekomme ich mit dem Papier-Buch viel mehr Rechte an dem Werk des Autors: Einmal gekauft, könne man es verleihen, verschenken, ja sogar vernichten. "Mit einem E-Book kaufen Sie letztlich nur die Lizenz an dem Buch", sagt Wattig, "ich habe deshalb nie verstanden, warum Verlage dann noch erwarten, den gleichen Preis wie für das gedruckte Buch verlangen zu können." Die Veränderung gehe zwar langsam, aber in Berlin sie sei schon jetzt spürbar.

Berliner teilen gern

Doch die Bookflaneur-Aktivisten haben dagegen noch etwas anderes festgestellt in dieser Stadt: Den Drang, Dinge mit anderen zu teilen. Die beiden 26- und 29-Jährigen sind verheiratet und haben vorher in London gelebt. "In Berlin fahren viel mehr Carsharing-Autos und Leih-Fahrräder herum", sagt Piotr Drozd. In Kreuzberg gibt es den Berliner Büchertisch, bei dem über 40 Mitarbeiter vom Handel mit gebrauchten Büchern ihren Unterhalt bestreiten.

Im Internet gebe es zudem Plattformen für das Teilen der Wohnung (www.noknok.de) und sogar von Akku-Schraubern (www.whybuyit.de). "Solche Startups kommen nicht zufällig aus Berlin", sagt Drozd. "Hier sind die Menschen eher bereit, Dinge miteinander zu teilen."

Karl May gegen eine Flasche Rotwein

Selbst die Stadtreinigung wirft nicht gern Bücher weg, sondern bietet auf der Internetseite eine Tauschbörse an: Da könnte man für einen Karl May noch eine Flasche Rotwein bekommen. Bookflaneur hofft wegen dieser Teil-Bereitschaft auf viele Buchspenden.

Für den Berliner Bibliothekswissenschaftler Michael Seadle ist es zumindest kein Wunder, dass Berliner mit dem Kulturgut Buch so vorsichtig umgehen. "Das hat natürlich auch mit der Bücherverbrennung zu tun", sagt er, "die genau vor 80 Jahren am Bebelplatz stattgefunden hat." Deswegen halten selbst minderwertige Taschenbücher in Deutschland länger.

Deutsche Bücher halten am längsten

"Britische Taschenbücher lassen sich maximal fünfmal lesen, bevor sie aus dem Leim gehen." US-Taschenbücher seien qualitativ noch besser und halten sieben oder acht Mal Lesen aus. "Am besten sind aber die deutschen Taschenbücher", sagt Seadle, "die können bis zu zehn Besitzer haben."

So ist denn die Zukunft des kleinen Taschenbuches vom Senefelder Platz noch nicht zu Ende erzählt. Niemand hat gesehen, wer es genommen hat. Eine Stunde später war es zumindest weg. Man weiß nur, was in der Verpackung steckte: "Im Kreis des Wolfs" von Nicholas Evans. Der Brite wurde mit dem "Pferdeflüsterer" bekannt. Wenn dem Beschenkten das Buch nicht gefällt, dann kann er es in einen Umschlag stecken und an "Buchflaneur" zurückschicken. Damit es nicht im Müll landet.

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