Deutsche Bahn

Berlins Hauptbahnhof weist gravierende bauliche Mängel auf

Der Berliner Hauptbahnhof wird immer mehr zum Problemfall. Bahnexperten entdeckten weitere Schwachstellen an einem der vier Festlager, die die Glaskuppel über den Ost-West-Bahnsteigen tragen.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Der wegen seiner Architektur vielfach gerühmte Berliner Hauptbahnhof wird für die Deutsche Bahn immer mehr zum Problemfall. Erst im April war bekannt geworden, dass Teile der Brückenkonstruktionen an dem erst 2006 eröffneten Kreuzungsbahnhof so schadhaft sind, dass sie bei mehrmonatigen Streckensperrungen erneuert werden müssen. Nun haben Bahnexperten eine weitere gravierende Schwachstelle entdeckt. Bei einer der regelmäßigen Kontrollen stellten sie fest, dass eines der vier Festlager, die die ebenso imposante wie teure Glaskuppel über den Ost-West-Bahnsteigen tragen, „auffällig“ sei. Einzelne Lagerteile hätten sich gegeneinander verdreht, bestätigte ein Bahnsprecher.

Die Gründe dafür seien bisher völlig unklar und würden nun gesucht. Ein Risiko für die Standsicherheit der Dachkonstruktion und damit für die täglich rund 300.000 Reisenden und Besucher im Hauptbahnhof bestehe nicht, versicherte der Unternehmenssprecher. Ende Mai wurde das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) über das Problem informiert. In Abstimmung mit der Aufsichtsbehörde installierte die Bahn Messgeräte, um die Problemstelle ständig zu überwachen. Zudem wird nun häufiger als zuvor der Zustand der Festlager kontrolliert.

Dreitägige Sperrung

Lösen soll das Problem nun eine sogenannte Lagerkorrektur, bei der die ursprüngliche Position der Lagerteile wiederhergestellt wird. Um die Reparatur überhaupt ausführen zu können, muss ein Behelfsrahmen aufgebaut werden, der das Dach abstützt und damit die Lagerteile entlastet. Die Arbeiten sind vom 20. bis zum 22. August vorgesehen. In dieser Zeit wird das Gleis 11 für den Zugverkehr gesperrt. Damit steht auf der Stadtbahnebene des Hauptbahnhofs eines von insgesamt sechs Gleisen nicht zur Verfügung. Auswirkungen soll dies jedoch nur für den Regionalverkehr haben. Die Fernzüge sowie die S-Bahn können weiter planmäßig fahren.

Laut Bahn fahren jedoch auf der RB21 (Berlin–Potsdam–Wustermark) und der RB22 (Berlin–Potsdam–Schönefeld) die Züge nur bis Zoologischer Garten statt bis nach Friedrichstraße. Die Fahrgäste müssen zur Weiterfahrt in die S-Bahn umsteigen. Die beiden Regionallinien werden vor allem von Studenten genutzt, die zwischen Berlin und dem Potsdamer Universitätsstandort Golm pendeln. Doch die Studierenden sind im August noch in den Semesterferien, sodass die Auswirkungen nicht so groß sein dürften.

Hauptbahnhof nicht zum ersten Mal Sorgenkind

Stärker betroffen sind hingegen die Nutzer der RB14, die im Stundentakt von Nauen über Berlin bis zum Flughafen Schönefeld fährt. Die Züge, die aus Nauen kommen, werden an den drei Sperrtagen jeweils in der Zeit von fünf bis 22 Uhr über Gesundbrunnen und Lichtenberg umgeleitet. Die planmäßigen Zwischenhalte in Charlottenburg, Zoologischer Garten, Alexanderplatz, Ostbahnhof und Karlshorst entfallen in dieser Zeit. Die Züge in der Gegenrichtung fahren jedoch planmäßig,

Der vom Architekten Meinhard von Gerkan gestaltete Berliner Hauptbahnhof ist nicht zum ersten Mal ein Sorgenkind. Kurz nach seiner Eröffnung löste sich am 18. Januar 2007 während des Orkans „Kyrill“ in 40 Meter Höhe eine Strebe aus der Gitterkonstruktion, mit der Teile des Gebäudes verkleidet sind. Der fast zwei Tonnen schwere Stahlträger schlug auf einer Treppe am Bahnhof auf, nur durch viel Glück wurde damals kein Passant getroffen, lediglich ein paar Fahrräder wurden zerschmettert. Wie sich herausstellte, waren die Stahlteile nur aufgelegt und sollten durch ihr Eigengewicht halten. Um das Herauslösen weiterer Träger zu verhindern, wurden später kleine Haltebleche angeschweißt.

Züge müssen Geschwindigkeit verringern

Im Dezember 2011 wurden schließlich undichte Stellen im Glasdach entdeckt. Als Ursache wurde vermutet, dass Krähen aus Spieltrieb die Dichtungen aus den Fugen picken würden. An Regentagen bildeten sich große Pfützen auf den Bahnsteigen. Als deutlich gravierender erwiesen sich indes die erstmals 2007 entdeckten Baumängel an Übergängen der Gleisbrücken innerhalb und außerhalb des Bahnhofs. Dort hatten sich Befestigungsschrauben gelockert oder waren unter der Last der darüberfahrenden Züge regelrecht weggesprengt worden. 2011 versuchte die Bahn, die Verbindungen zunächst aufwendig zu sanieren – allerdings ohne Erfolg. Seither dürfen die Züge nur noch mit verringerter Geschwindigkeit auf der kurvenreichen Strecke zwischen Hauptbahnhof und Friedrichstraße fahren.

Im April entschied die Bahn schließlich, mit einem Kostenaufwand von mindestens 25 Millionen Euro alle 37 Fahrbahnübergänge durch Neukonstruktionen zu ersetzen. Dafür müssen allerdings die Schienenstränge der Stadtbahn mehrere Monate lang unterbrochen werden. Zunächst werden die Gleise für den Fern- und Regionalverkehr für 86 Tage gesperrt – voraussichtlich von August bis November 2015. Anschließend folgt Anfang 2016 eine zweimonatige Unterbrechung des S-Bahn-Verkehrs auf den Ost-West-Linien.