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Hyatt-Chef Hürst verlässt Berlin geht nach 15 Jahren

15 Jahre hat Fred Hürst das „Grand Hyatt Berlin“ am Potsdamer Platz geleitet. Nun wird der Hotel-Chef offiziell mit einer Gala verabschiedet. Mit der Entwicklung Berlins ist er mehr als zufrieden.

Foto: Reto Klar

Ein Wirt, dessen Laden nicht gut lief, bekam von einem Gast ein Kästchen überreicht. „Du darfst es nicht öffnen, aber trag es jeden Tag bis in den hintersten Winkel deines Betriebs“, sagte der Gast. Zwei Jahre später kam er wieder. Das Haus war ein Erfolg geworden. „Was ist drin in dem Kästchen?“, fragte der Wirt. „Nichts“, sagte der Gast. „Aber du warst jeden Tag in jeder Ecke deines Betriebs. Und allein dadurch hast du die Dinge positiv verändert.“

Fred Hürst erzählt diese Geschichte gerne. An diesen Rat hat sich der heute 64-Jährige bei seiner Karriere im Hotelgewerbe auch gehalten. 27 Jahre lang hat er sein imaginäres Kästchen durch die „Hyatt“-Hotels getragen, allein 15 Jahre davon durch das Haus am Potsdamer Platz, das er selbst aufgebaut hat. Am 31. August hört Fred Hürst auf. Dann übernimmt Benno Geruschkat.

Wir sitzen im leicht abgedunkelten Barbereich des Hotels, eine Erneuerung, die Fred Hürst maßgeblich mitgestaltet hat. Der Hoteldirektor hebt den Keksteller, der vor ihm auf dem Tisch steht, an. Erst jetzt sieht man den kleinen Sprung darin. „Ein gutes Hotel erkennt man daran, dass so etwas nicht passiert“, sagt Fred Hürst – und lächelt. Einem Chef wie ihm entgeht nichts. Großen Wind hat er darum nie gemacht.

Als er das erste Mal am Potsdamer Platz war, gab es hier nur das „Weinhaus Huth“ inmitten von Wildnis, erzählt Fred Hürst. „Wir sind aufs Dach gestiegen, um uns einen Überblick zu verschaffen.“ Ganz leicht hört man aus dem Akzent noch seine Schweizer Herkunft heraus. „Ich war überzeugt, dass hier etwas entstehen wird, das Bestand hat.“ Das hat es. Das Fünf-Sterne-Haus hat sich gegenüber der Konkurrenz etabliert – und der Potsdamer Platz ist seit seiner Entstehung Anziehungspunkt.

„Berlin hat sich toll entwickelt“

Wenn Fred Hürst den Potsdamer Platz bewundern will, kann er auf sein eigenes Dach steigen. Den Weg dorthin nimmt er über die siebte Etage, deren Zimmer gerade neu gestaltet werden. „Berlin hat sich toll entwickelt“, sagt Fred Hürst. „Leider auch die Konkurrenz. Wir haben heute in Berlin 10.000 Hotelzimmer mehr als New York, 20.000 weitere sind noch im Bau.“

Man könne dabei zusehen, wie sich die Drei- bis Vier-Sterne-Hotels vermehren. Vor ein paar Jahren hat Fred Hürst mit anderen Hotels eine Gruppe gegründet, sie heißt „Berlin exclusiv“. Billig beherrsche Berlin schon ganz gut, das Luxussegment aber könne noch besser etabliert werden, sagt Fred Hürst. Auf dem Weg nach oben wird deutlich, dass er immer noch häufig sein Kästchen durchs Haus zu tragen scheint.

Die Mitarbeiter scheinen nicht überrascht, dass der Chef auf einmal im Dienstbotenaufzug erscheint. Auf der Baustelle nimmt Fred Hürst diskret einen jungen Mann zur Seite. „Gehen Sie doch schon mal vor.“ Es scheint ihm etwas aufgefallen zu sein. In der Maybach-Suite rückt er ganz beiläufig eine verdrehte Lampe gerade.

Blick für die Details

„Ich sehe sogar, wenn eine zu helle Glühbirne eingeschraubt wurde“, sagt Fred Hürst. Wie man diese Perfektion erreiche? „Mit 100.000 kleinen Schritten, und dabei dennoch nicht den Blick für das Große verlieren.“ Auf dem Flügel in der Suite steht Beethovens Rondo in C-Dur, an der Wand hängt Kunst im Original. Das Haus ist offizieller Partner der Berliner Philharmoniker. Vielleicht hat Claudio Abbado schon auf diesem Baby Grand gespielt, vielleicht hat jemand David Garrett darauf begleitet?

Auch Shakira und Rihanna wohnen im „Hyatt“, wenn sie in Berlin sind. Hürsts Liebe fürs Detail – sie scheint sich auszuzahlen. Gab es einen Gast, vor dem selbst er gezittert hat? Er lächelt. „Nein.“ Natürlich haben gerade bekanntere Gäste besondere Ansprüche. Für die einen muss die Minibar leergeräumt sein, der andere verlange, dass man die Fenster abklebt. Für diese Extrawünsche gebe es aber eine eigene Abteilung im Haus.

Sein Nachfolger, Benno Geruschkat, hat den Job von Fred Hürst übrigens schon mal gemacht. Da war er allerdings noch Kochlehrling beim „Hyatt“ in Köln, und Hürst, der Chef, hatte jedem Mitarbeiter angeboten, einen Tag mit ihm zu tauschen. Damals hat Geruschkat es gut gemacht. Und wenn er jetzt irgendwann nicht mehr weiterwissen sollte, dann könnte er Hürst auch wieder fragen. Der nämlich berät ab jetzt Hoteliers.

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