Hexenkessel Theater

Wenn es sein muss, spielt der Hauptdarsteller mit Schirm

Im Hexenkessel Theater in Berlin-Mitte fürchten sie nur den abendlichen Regen. Denn die überdrehten Komödien von Molière oder Ben Johnson erleben die Zuschauer im Monbijoupark unter freiem Himmel.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

10:00 Die Sonne brennt schon ziemlich heiß am Vormittag. Uli Schirmer hat heute Frühschicht. Er schließt die Bar am Theater Hexenkessel, die Strandbar Mitte, auf. Füllt die Kühlschränke auf, holt Eis aus der Gefriertruhe. Schon muss er die erste Apfelschorle servieren. „With or without a straw?“ Mit oder ohne Strohhalm? Englischkenntnisse sind unerlässlich in Berlin-Mitte.

11:00 Roger Jahnke hat ein Problem: Der Wetterbericht sagt Gewitter voraus für den Abend. Nicht schlimm für die Zuschauer, schließlich sind 200 der 400 Plätze überdacht, der Rest bekäme Regenponchos. Aber auf der Bühne ist man dem Wetter ausgesetzt. Und für die Kostüme wäre es nicht gut, wenn sie nass werden. Der Theaterleiter bestellt fünf Regenschirme. Möglichst jeder in der Farbe eines Kostüms. Keine leichte Aufgabe für Sven Bluhm, den Produktionsleiter. Er macht sich auf den Weg in einen Asia-Supermarkt. Vielleicht gibt es da bunte Schirme.

12:00 „Wo muss ich stehen?“ Claudia Graue ist noch nicht so vertraut mit dem Stück. Für ein paar Abende spielt sie die Alkmene im Molière-Stück „Amphitryon“. Die Umbesetzungsproben laufen aber schon ganz gut. Graue, sonst Teil des Gesangs-Trios „Muttis Kinder“, hat den Text gut drauf. Carsta Zimmermann, die Clea, und Matthias Horn, der Amphitryon, helfen ihr mit den Positionen.

13:00 Die Probe ist noch im Gang, da bauen Sebastian Söllner, Technischer Leiter am Theater, und sein Kollege René Rasch schon das Tor für das Molière-Stück heute Abend wieder auf. Rechten Türflügel unten einrasten lassen, oben festmachen, dann der zweite Türflügel. Beim Aufbau der Seitenteile kippt ihnen die Holzwand fast hintenüber. Sven Bluhm, der gerade mit ein paar Regenschirmen vorbei läuft, springt auf die Bühne und hilft. Später, nach der Aufführung von „Amphitryon“ muss das Tor für das zweite Stück des Abends, „Volpone oder der Fuchs“ nach Ben Jonson, schnell wieder abgebaut werden.

14:00 Oben auf dem Bunker hinter der Bühne an einem Tisch sitzt Melanie Martin y Vonderheid in der Sonne und näht. Für die Aussicht auf den Fernsehturm hat sie jetzt keinen Sinn. Die Halbspanierin ist zuständig für die Kostüme. Stich für Stich befestigt sie den Besatz an einem Kleid. Die Hemden, die sie aus der Waschmaschine geholt hat, sind schon fast wieder trocken. Endlich Sommer. Sie ist glücklich.

15:00 Carsta Zimmermann kommt von der Probe im Amphitheater hoch in eine der alten Blockhütten auf dem Bunker. Wo im Winter täglich Märchen inszeniert werden, befinden sich im Sommer die Kostüm- und Masken-Abteilung. Kostümbildnerin Isa Mehnert hat das Clea-Kostüm etwas enger gemacht. Wenn man jeden Abend spielt, über Wochen, dann zehrt das ganz schön an den Schauspielern. Carsta Zimmermann hat abgenommen und das Kleid soll trotzdem gut sitzen.

16:00 Roger Jahnke und Sven Bluhm haben sich mit ihren Laptops in eine Ecke auf dem Bunker zurückgezogen. Meeting unter freiem Himmel heute. Dass sie einen der schönsten Arbeitsplätze in Berlin haben, wissen sie. Aber jetzt geht es um den Besetzungsplan für den nächsten Monat. Da Claudia Graue noch bis zum 3. August mitspielt, muss alles ein bisschen angepasst werden. Und auch die Zweitbesetzung steht noch nicht. Die bunten Regenschirme hat Bluhm übrigens nicht bekommen. Es sind einfache schwarze geworden. Besser als nichts. Aber so wie es jetzt aussieht, wird es nicht regnen. Umso besser.

17:00 Nina Dell und Nora Krätzer kämmen und kämmen. Nina Dell hat schon jede Menge Haare in der Bürste. Morgen wird sie in die Perücke wohl wieder ein paar Haare einknüpfen müssen. Dass die Perücken verfilzen bleibt nicht aus. Die Schauspieler schwitzen, die Haare reiben an den Kostümen. Da müssen die beiden Maskenbildnerinnen dann eben täglich bürsten, neu frisieren und hochstecken.

18:00 Kleine Flügelchen aus Leder liegen vor Stefan Nitzel, dem Requisiteur. Für Merkur. Die aktuellen Flügel an seinen Schuhen halten nicht mehr so gut. Also macht er jetzt neue aus Leder. Mit einem stumpfen Messer zieht er Striche darüber. Es soll ja aussehen wie echte Flügel. Wenn Nitzel nachher fertig ist, werden die Flügelchen lackiert und an die Schuhe genäht.

19:00 Gleich geht’s los. Vor dem kleinen Kassenhäuschen hat sich eine Schlange gebildet. Das angekündigte Gewitter hat sich tatsächlich verzogen. Drinnen bei Heike Wieczorek staut sich die Hitze des Tages. Der Ventilator surrt. Der Kartenvorverkauf für die kommenden Wochen läuft gut. Jetzt hat sie noch 20 Tickets für heute Abend, die sie verkaufen kann. Drinnen im Amphitheater testet Lichttechniker René Scholibor jeden Scheinwerfer. Und tatsächlich. Einer funktioniert nicht.

20:00 Seit 30 Minuten läuft das Stück. Côme Laffay, der eigentlich Regieassistent ist, spielt Trompete. Kaum ist er fertig, huscht er zurück hinter die Bühne und ist wieder Regieassistent und reicht den Schauspielern ihre Accessoires. Wo ist nur dieses Schwert hin?

21:00 Der Applaus ist verklungen, die Zuschauer haben das Amphitheater verlassen. Mona Glaß hat sich den großen Besen geschnappt und fegt. Auch das gehört zum Job einer Regieassistentin: den Zuschauerbereich sauber halten. Und: die nächsten Gäste reinlassen.

22:00 Draußen in der Strandbar Mitte ist noch viel los. Der Abend ist lau, der Blick aufs Bodemuseum beeindruckend in der Abenddämmerung. Franco Chorabi schiebt eine Pizza nach der anderen in den weißen Steinofen. Oft bis Mitternacht ist er im Sommer beschäftigt. Bei dem Wetter will einfach niemand zu Hause sitzen. Auch Chorabi nicht. Da macht er lieber noch eine Pizza Parma und eine Napoli. Rund 400 Pizzen backt er an einem schönen Tag. Gekonnt wirbelt er den Teig zu einem flachen Rad durch die Luft, streicht Tomatensoße darauf, verteilt die Mozzarellawürfel und was sonst noch gewünscht wurde. Dann kommt sein langer Holzspatel zum Einsatz. Fünf Minuten später ist die Pizza fertig. Franco Chorabi ist zwar Tunesier, aber er spricht perfekt italienisch. Und mit seiner Sonnenbrille sieht er sowieso aus wie der beste Pizzabäcker von Rimini.

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