Robert Löhr

Berliner Autor wagt Blick hinter Kulissen der Piratenpartei

Der Autor Robert Löhr hat einen Roman über das Innenleben der Piratenpartei geschrieben. Ein Gespräch über die Entstehung des Buchs, Nerd-Klischées und seine mit der Partei gesammelten Erfahrungen.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Der Berliner Schriftsteller und Drehbuchautor Robert Löhr hat den ersten Roman über die Piratenpartei geschrieben („Erika Mustermann“, Piper Verlag, 224 Seiten, 16,99 Euro).

Zentrale Figur des Romans ist Friederike, eine grüne Abgeordnete, die die Piraten als Ansammlung von Raubkopierern und Rollenspielern verabscheut. Sie beschließt sich in die Partei einzuschleichen, um sie von innen zu unterwandern.

Löhr, 40, hat neben zahlreichen Drehbüchern vier historische Romane verfasst, darunter auch „Der Schachautomat“, der in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurde.

Berliner Morgenpost: Herr Löhr, Sie haben bislang vier historische Romane geschrieben, jetzt haben Sie den ersten Roman über die Piratenpartei vorgelegt. Warum?

Robert Löhr: Ich wollte einen Gegenwartsroman schreiben und mich an einem aktuellen Thema ausprobieren.

Und warum die Piraten?

Tatsächlich aus politischem Interesse und Neugier. Aber auch, weil es vor zwei Jahren das heißeste Thema im Land war. Nach der Berliner Wahl 2011 war es das Thema, über das alle gesprochen haben. Es gab später viele Sachbücher und Erfahrungsberichte darüber. Das brachte mich auf die Idee, mich den Piraten fiktional zu nähern und die Dinge – auch unsachliche – auszusprechen, die viele Leute über die Piraten denken.

Die Frage, die sich bei solchen Romanen immer stellt ist, was ist wahr und was nicht?

Es ist tatsächlich mehr wahr, als man denken würde. Es sei denn, man ist Pirat. Die wissen, dass das meiste wahr ist. Ich habe viel recherchiert, war bei Sitzungen, Parteitagen und Stammtischen dabei. Große Teile des Romans sind meine bearbeiteten Erlebnisse. Von da aus habe ich extrapoliert, was noch passieren könnte.

Ziemlich am Anfang des Romans stellt ein Pirat ein vernichtendes Urteil über die eigene Partei aus. Es ist von „Raubkopierern, Rollenspielern, Stotterern, Lisplern und besserwisserischen Fachidioten“ die Rede, die eine Sprache mit „peinlichen Amerikanismen, Codes und Abkürzungen“ verwenden...

...Ja! Es gibt eine heftige Hasstirade von ihm, die wollte ich eigentlich auf den Klappentext des Buches haben, das hat sich aber nicht durchgesetzt, weil es zu negativ gewesen wäre.

Aber hat sich dieses Urteil während Ihrer Recherche bestätigt?

Nein. Er sagt das ja auch ein wenig selbstironisch. An diesem Nerd-Klischée ist natürlich auch in der Wirklichkeit etwas dran. Man muss auch sagen, dass die Öffentlichkeit sich natürlich gerade auf diese Nerds stürzt. Es gibt all diese schrägen Typen, aber die Piraten sind meiner Erfahrung nach viel vielschichtiger. Gerade die ganzen Frauen bei den Piraten lassen sich nicht unter diesem Nerd-Schema zusammenfassen.

Weite Teile Ihres Buches lesen sich aber dennoch so, als ob sich die 15 Piraten im Abgeordnetenhaus immer noch eher auf Klassenfahrt befinden als in einem Parlament?

Ist das so? Was wirklich spannend ist – und die Wenigsten haben ja wirklich damit gerechnet – ist, dass das Piratenprojekt so ein großer Erfolg wurde. Die Leute sind zwar schon alle politisch interessiert und sehen das nicht als Spaßveranstaltung an. Sie mussten sich ja auch auf Parteitagen durchsetzen. Trotzdem waren sie von dem Erfolg überrascht und wurden ins kalte Wasser geworfen. Das fand ich spannend zu beobachten, gerade weil die Piraten nicht aus den typischen Berufen stammen, die sonst im Parlament vertreten sind wie Lehrern, Juristen und Kaufleuten.

Wie viel Enttäuschung gibt es inzwischen bei den Piraten? Die Anfangseuphorie scheint doch sehr verflogen zu sein?

Enttäuschung gibt es vor allem über die derzeitigen Umfragewerte. Das würde auch mich enttäuschen. Die Piraten sind die Partei, die die aktuellen Themen auf den Tisch gebracht haben, aber es hilft ihnen nicht. Das ist frustrierend. Diese Snowden-Abhör-Geschichte ist doch das Fukushima der Piraten. Aber sie machen es nicht dazu. Sie können kein politisches Kapital daraus schlagen. Die andere Sache ist die Frustration der vernünftigen Piraten über diese Trolle, Querulanten und Querschläger, die das Bild der Partei torpedieren und in den Orkus ziehen.

Was sind die Unterschiede beim Schreiben eines historischen und eines aktuellen Romans?

Dass man tatsächlich auf den Straßen Berlins recherchiert und nicht in der Staatsbibliothek. Man kann viel schneller loslegen, weil man sich nicht erst in eine vergangene Zeit reindenken muss. Das aktuelle Berlin kenne ich einfach besser als das Weimar im Jahr 1805. Allerdings kann jeder alles nachprüfen.

Fürchten oder Freuen Sie sich auf die Reaktion der Piraten?

Ich freue mich drauf, weil ich glaube, sie werden Spaß daran haben. Obwohl ich hart mit ihnen ins Gericht gehe, ist das Ende ja doch versöhnlich. Ich wünsche jedenfalls allen Piraten Spaß beim Lesen. Das Buch wird ein bisschen so als Abrechnungsbuch vermarktet. Das ist es aber nicht. Es ist eher eine Inspektion.

Der Roman ist auch sprachlich eher im Duktus der Internet-Generation verfasst. Haben Sie das bewusst als Stilmittel verwandt oder ist das notwendig, um die Welt der Piraten angemessen zu beschreiben?

Das ist lustig: Als ich meine Goethe-Romane geschrieben habe, habe ich unheimlich viel Literatur aus der Zeit gelesen, so dass ich automatisch in diese antiquierte Sprache verfallen bin. Das ist bei den Piraten ähnlich gewesen, weil ich so viel im Netz recherchiert habe. Diese schnelle Sprache von Twitter und in irgendwelchen Foren hat mich angesteckt und ich habe diese ganzen neuen Medien in den Roman eingebaut. Ich hoffe aber, es ist nicht zu anbiedernd. Es soll kein ‚Roman 2.0’ sein.

Schmerzt es als Autor eigentlich, sich mit dieser oft rudimentären Sprache auseinandersetzen zu müssen?

Viele Beiträge im Internet schmerzen schon. Nicht nur wegen der Rechtschreibung, sondern auch wegen der wirren Gedankengänge. Tweets, wenn sie gut formuliert sind, haben ja etwas von Aphorismen oder japanischen Haikus. Das finde ich dann schon großartig. Dieser schnellen Kommunikation in Chats kann ich auch etwas abgewinnen. Ich bin wirklich kein Freund von Emoticons oder anderen Zeichen, aber auch das hat was. Ich bin da nicht besonders kritisch.

Ein Roman ist ja bestenfalls für die Ewigkeit geschrieben, die Internetkommunikation oft nur für Sekunden. Ist das eine neue eigene Form der Kommunikation?

Bei so vielen Sachen, die mit dem Internet zu tun haben, fragt man sich ja, ob das jetzt bleibt oder gleich wieder verschwindet. Muss man sich jetzt auf Twitter und Facebook einstellen, oder kommt da bald etwas Neues? Die Vergangenheit hat ja eher gezeigt, dass so etwas relativ schnell wieder ersetzt wird. Als es Pager gab, dachte man, dass wäre das neue Ding und es war dann ganz schnell wieder weg. Das Internet wird bleiben, aber bis sich eine Kommunikationsform durchgesetzt haben wird, dauert es bestimmt noch Jahrzehnte. Insofern glaube ich, dass mein Roman in fünf Jahren schon vollkommen antiquiert sein wird und ein Update braucht.

Wird Erika Mustermann ein Ausflug in die Aktualität bleiben oder haben Sie Gefallen daran gefunden?

Ich habe noch keine Ahnung. Ich warte erst einmal ab, wie der Roman aufgenommen wird. Meine historischen Romane sind sehr genau durchdacht, Erika Mustermann ist dagegen eher flott hin geworfen. Das hat mir beim Schreiben Spaß gemacht. Andererseits fehlt mir der Manierismus der historischen Romane.