Baustart

Blaue Wand soll an Opfer der „Euthanasie“-Morde erinnern

Hinter dem Wort „Euthanasie“, was so viel wie „schöner, leichter Tod“ bedeutet, versteckten die Nazis den Mord an rund 3000.000 Menschen. Jetzt startete der Bau eines Mahnmals in Berlin.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Die Bundeshauptstadt will mit einem weiteren Mahnmal einer fast vergessenen NS-Opfergruppe gedenken: Am Montag war offiziell Baustart für die Gedenkstätte für die von den Nazis ermordeten psychisch kranken und behinderten Menschen.

An der Tiergartenstraße 4 nahe der Berliner Philharmonie im Bezirk Mitte soll eine 30 Meter lange blaue Glaswand künftig an die Opfer erinnern. Verschiedene Initiativen hatten über Jahre für eine solche Stätte gekämpft.

Nach den Denkmälern für die ermordeten Juden, Homosexuellen und Sinti und Roma ist es das vierte große Mahnmal im Berliner Zentrum für eine Gruppe, die von den Nationalsozialisten systematisch verfolgt wurde.

Todesurteil für rund 300.000 Menschen

Seinen Anfang nahmen die Gräueltaten im Oktober 1939. Damals hatte Hitler – rückdatiert auf den Kriegsbeginn am 1. September – ein fatales Dokument unterzeichnet: den sogenannten „Euthanasie“-Erlass. Demnach konnte „nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden“.

Es war das Todesurteil für rund 300.000 psychisch kranke und behinderte Menschen. Sie fielen daraufhin der systematischen NS-Tötungsmaschinerie zum Opfer, weil ihr Leben nach Maßstäben der Nazi-Ideologen nicht lebenswert war. Versteckt wurden die Verbrechen hinter dem Wort „Euthanasie“, was aus dem Griechischen übersetzt so viel wie „schöner, leichter Tod“ bedeutet.

Der Deckname der Aktion lautete „T4“ – benannt nach der Adresse der Gründerzeitvilla an der Berliner Tiergartenstraße 4, in der die Morde organisiert wurden. Dutzende Ärzte waren daran beteiligt. Während des Zweiten Weltkriegs war die Organisationszentrale beschädigt und schließlich in den 1950er-Jahren abgerissen worden. Lange blieben der Massenmord an Behinderten und die rund 400.000 Zwangssterilisationen durch die Nationalsozialisten weitgehend ein Tabu-Thema.

Schließlich entstand an der Zentrale des Terrors Anfang der 1960er Jahre die Philharmonie – das Villengrundstück bildet den Vorplatz. Erst Ende der 1980er-Jahre wurde dort zum Gedenken an die „Euthanasie“-Opfer eine bronzene Bodenplatte eingelassen. Eine Initiative von Mahnmals-Stiftungen erreichte, dass 2008 für rund ein Jahr ein „Denkmal der grauen Busse“ auf dem Platz aufgestellt wurde. Es sollte an die Busse erinnern, mit denen die Opfer zu den Vernichtungsanstalten deportiert wurden. 2011 beschloss der Bundestag den Bau eines Denkmals.

Ein Zeichen „gegen Hass, Verblendung und Kaltherzigkeit“

Zum Baustart erklärte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU), das Mahnmal solle ein Zeichen „gegen Hass, Verblendung und Kaltherzigkeit und für Toleranz, Mitgefühl und Achtung vor dem Leben“ setzen. Weiter betonte er bei der Feierstunde, an der auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD), der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe (CDU), und Berlins Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) teilnahmen, das Besondere an dieser Gedenkstätte sei, dass sie an einem authentischen Täterort errichtet werde.

Die Einweihung soll voraussichtlich im Herbst 2014 erfolgen. Neumann erinnerte zudem daran, dass nur wenige Kirchenvertreter diese Gräueltaten der Nazis anprangerten. Dabei hob er besonders den damaligen Bischof von Münster, Clemens August von Galen, hervor, der die „Euthanasie“-Morde in seinen Predigten verurteilt hatte.

Integrationssenatorin Kolat rief zur Wachsamkeit auf, wenn Wissenschaftler heute den „perfekten Menschen“ kreieren wollten. Die vergifteten Ideen der Nazis dürften sich nicht wieder einschleichen, so Kolat. Auch Angriffe auf Behinderte müssten scharf verurteilt werden. Eine der Hauptinitiatorin des Mahnmals, Sigrid Falkenstein, die ein Buch über ihre im Zuge der „Euthanasie“-Morde umgebrachte Tante geschrieben hat, hob die Bedeutung des Gedenkortes für künftige Generationen hervor. Nie wieder dürfe es eine Einteilung in wertes und unwertes Leben geben.