Meteorologie

Wie ein Berliner die Leidenschaft für das Wetter entdeckte

Bereits mit 13 Jahren begann der Berliner Stefan Proft, Wetterdaten zu sammeln. Inzwischen unterhält er eine eigenen Website. Dort erfahren Berliner im südlichen Spandau, was Petrus ihnen beschert.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Die Beschriftung auf dem Schulheft ist akkurat. „Temperaturbeobachtungen I“ steht da, darunter Jahr und Name, alles bemüht gleichförmig per Hand notiert. Vielleicht muss man so penibel sein als Meteorologe.

Und doch ist da ein Detail, das irritiert: Diese Schreibschrift, die in ihrer Kindlichkeit nicht zum thematischen Anspruch passen will. 13 Jahre alt war Stefan Proft, als er 2004 seine täglichen Aufzeichnungen über Temperatur, Bewölkung und Niederschlag begann.

Inzwischen sind aus dem einen Heft viele geworden, und längst protokolliert der gebürtige Berliner das lokale Wettergeschehen im südlichsten Ortsteil Spandaus nicht mehr auf Papier. Seit 2012 kann jeder auf seiner Internetseite wetter-kladow.de abfragen, welches Wetter die Kladower erwartet.

Unterstützung von den Eltern

Dass ihr Sohn sich für Wettererscheinung begeisterte, war Margitta Proft schon früh aufgefallen. „Zehnmal am Tag hat er als Kind den Wetterbericht verfolgt“, erinnert sich die 59-Jährige und zuckt die Schultern: „Mir hätte ja ein Mal gereicht.“

Später mussten Thermometer am laufenden Band gekauft werden, angefangen mit einem kleinen Digitalgerät, später folgten größere Exemplare für draußen. Er verschandele den ganzen Garten, beschwerte sich die Mutter gelegentlich augenzwinkernd.

Das Thermometer neben der Terrasse ragt brusthoch aus dem Beet auf. An der Rasenkante steht ein Regenmesser, Sensoren stecken im Boden. Auch im Baum und hinter dem Zaun hat Stefan Proft Temperaturmesser angebracht, einer Marke Eigenbau mit Ventilator und Solarantrieb. Der Windmesser steht in zehn Metern Höhe über dem Dach, Luftdruck misst die Basisstation im Haus.

In weißen Wintern ist Margitta Proft endgültig nicht mehr Herrin ihres Gartenreichs. „Sobald hier Schnee fällt, darf man nicht laufen, wegen der Schneehöhe.“ Sie sagt es gespielt vorwurfsvoll, und man kann ihr ansehen, wie stolz sie im Grunde auf den angehenden Meteorologen ist. Obwohl — vielleicht auch weil — dessen wissenschaftliche Passion so selbstverständlich in das Alltagsleben eingesickert ist. Obwohl — oder weil — Fenster nicht immer geöffnet werden dürfen, sondern nur dann, wenn Luftdruck, Luftfeuchte und Temperatur für das Raumklima gut sind. „Am Wochenende, wenn ich Wäsche aufhängen will, frage ich ihn vorher, was der Regenradar sagt“, erzählt Margitta Proft. Und das habe noch immer gestimmt.

Lob vom ARD-Wetterfrosch

Fuhr der Sohn in die Ferien, sammelte Vater Jürgen Proft die Daten ein und passte auf, dass sich im Protokoll keine Lücken auftaten. Als Stefan, inzwischen Meteorologiestudent an der Freien Universität (FU), 2012 seine Internetseite freischaltete, halfen die Eltern beim Verteilen von gut 1000 Infoflyern in Kladower Briefkästen. Jürgen Proft schaute in seiner aktiven Zeit als Bauleiter vor Baustellenbesuchen gewohnheitsmäßig auf die Seite. „Wenn das Wetter ungünstig war, bin ich noch eine halbe Stunde im Büro geblieben“, sagt der 61-Jährige.

Über mangelnde Aufmerksamkeit kann Stefan Proft nicht klagen. „Das ist eine tolle Seite mit vielen guten Infos! Da freut sich auch der ARD-Wetterfrosch drüber. Prima!“, schrieb Sven Plöger, bekannt aus den Tagesthemen, am 18. April in Profts Gästebuch. Und Thomas Globig, früher beim Meteorologischen Institut der FU und später Kollege Plögers im Kachelmann-Team, vermerkte: „Es kann nicht genug Wetterstationen in Berlin geben. Leider sind die Daten vieler anderer Stationen nicht kompakt abrufbar, und somit schließt deine Station eine große Lücke.“

Wassersportler nutzen das Angebot

Detailinformationen finden sich tatsächlich zuhauf unter wetter-kladow.de: Neben Niederschlagsmenge, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit, Taupunkt und Windrichtung, Wolkenuntergrenze und Horizontsichtweite bietet Proft fünfminütlich aktualisiert die Temperatur, gemessen an fünf verschiedenen Punkten über sowie unter der Erde. Am 19. Juni um 13.30 Uhr waren demnach in Kladow selbst 20 Zentimeter tief im Boden noch 22 Grad Celsius. In zwei Metern Höhe wurden 31,9 Grad gemessen.

Am heißesten war es fünf Zentimeter über der Erde mit 42,7 Grad. Meteorologisch keine unerlässlichen Daten, sagt Proft. Im Frühjahr aber könnten unterirdische Temperaturwerte den Gärtnern in Kladow helfen. Nutzen bringt seine Wetterseite den Wassersportlern: „Auch für Segler sehr interessant“, so das Lob eines Pichelsdorfers im Gästebuch.

„Sonne ist kein Wetter“

Die Wettervorhersage lädt Proft vom Deutschen Wetterdienst auf seine Seite. Neben Diagrammen zur Wetterstatistik kann man auf wetter-kladow.de außerdem die Kladower Wetterhistorie recherchieren. Alle seit 2009 gesammelten Daten hat Stefan Proft im digitalen Archiv aufgelistet. Dass das Quecksilber Mitte Juli 2010 die 38-Grad-Marke knackte, lässt sich dort nachlesen, oder dass die Schneehöhe im Dezember 2010 bei rund 35 Zentimetern lag. Nein, er verdiene nichts mit der Seite, meint Proft. „Aber wenn ich das schon mache, dann auch richtig.“

Dabei ist er alles andere als orthodox. „Viele der Bauernregeln stimmen durchaus. Da haben Leute, die aufs Wetter angewiesen waren, das halt lange beobachtet.“ Einfacher geworden sei die Wetteranalyse durch die Wissenschaft gleichwohl. Einen Moment blickt der Student im vierten Semester in den Himmel und konstatiert „eine Wolkenhöhe zwischen sieben und acht Kilometern“. Wolken, Gewitter, Temperaturumschwünge – meteorologisch gesehen sind das die spannenden Ereignisse. „Nur Sonne und blauer Himmel ist kein Wetter“, sagt Proft. „Auch wenn ich das in meiner Freizeit natürlich gern habe.“