Diplomatie

Wowereit verabschiedet US-Botschafter Murphy aus Berlin

Nach vier Jahren muss US-Botschafter Philip D. Murphy jetzt seinen Posten in Berlin verlassen. Doch für den bekennenden Hertha-Fan ist es kein Abschied für immer.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Für Philip D. Murphy war es der letzte große Auftritt als Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Berlin. Im Botschaftsgebäude am Pariser Platz feierte er zusammen mit seiner Frau Tammy sowie rund 300 Gästen den 237. Unabhängigkeitstag der USA. Es war zugleich auch eine Abschiedsparty, denn die Familie Murphy verlässt am Sonnabend Berlin, um zurück in ihre Heimat im US-Bundesstaat New Jersey zu ziehen. Dieser Abschied falle ihm schwer, so Murphy.

Vier Jahre lang war Philip D. Murphy der oberste Repräsentant Amerikas in Berlin. Viermal hat er hier den Unabhängigkeitstag gefeiert. Und jede diese Feiern sei „etwas ganz Besonderes gewesen“, so Murphy. Er bedankte sich für die Freundschaft und Unterstützung. Kurz ging der US-Botschafter auch auf den Verdacht ein, dass amerikanische Geheimdienste im großen Stil Daten in Deutschland abgefangen haben sollen. Politiker und Medien hatten darauf empört reagiert. „Die letzten Tage waren kompliziert“, sagte Murphy.

Aber in solchen Tagen würde sich zeigen, wer „wahre Verbündete“ seien. Für ihn steht jedenfalls fest: Die Partnerschaft mit Deutschland gründe nicht auf der Vergangenheit, sondern sei „eine Partnerschaft der Gegenwart und der Zukunft.“

Fußball werden sie vermissen

Für Gary Smith, Direktor der American Academy, sind die Beziehungen beider Länder „trotz der Irritationen stärker als je zuvor“. Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen, sieht dagegen „große Probleme im transatlantischen Verhältnis“ und fordert, wegen der vermeintlichen Spähaktivitäten über einen Untersuchungsausschuss auf europäischer Ebene nachzudenken.

Im Innenhof der Botschaft sang ein Chor zuerst die deutsche und dann die amerikanische Nationalhymne. Soldaten präsentierten wie am Unabhängigkeitstag üblich das Sternenbanner. Die Gäste spazierten während des Empfangs auf dem Rasen herum. Auf den Stehtischen lagen Walnüsse aus Kalifornien und Cranberries – beides typisch amerikanische Knabbereien.

Am 4. Juli 1776 verabschiedete der Kongress die Unabhängigkeitserklärung von der britischen Krone. Es war somit der Gründungstag der Vereinigten Staaten. Denn durch die Loslösung von Großbritannien waren die 13 Kolonien erstmals frei und konnten sich zu einem eigenen Staatenbund zusammenschließen. An die Bedeutung dieses Tages erinnerte US-Präsident Barack Obama in seiner Rede, die von Philip D. Murphy vorgetragen wurde.

In Amerika wird dieser Tag oft mit einem großen Barbecue gefeiert, zu dem Familie und Freunde eingeladen werden. Viele Amerikaner ziehen sich an dem Tag Kleidung in den Nationalfarben an. So auch das Botschafts-Ehepaar. Philip D. Murphy trug einen blau-weiß gestreiften Anzug, rote Socken und eine Krawatte in den US-Farben. Tammy S. Murphy verzichtete auf das Rot, trug aber ein Cocktail-Kleid in Blau und Weiß.

Vormittags war Philip D. Murphy bei Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), um sich zu verabschieden. Wowereit überreichte ihm zum Abschied eine Zeichnung des Brandenburger Tors mit einem kickenden Berliner Bären im Hertha-Trikot. Murphy sei ein guter Freund der Stadt geworden, sagte Wowereit.

Das Ehepaar Murphy hat bereits angekündigt, dass sie zusammen mit den Kindern Josh, Emma, Charlie und Sam regelmäßig zurückkehren werden. Aus dem Grund hat die Familie auch ein Haus in Berlin gekauft. Die vier Jahre in der deutschen Hauptstadt hätten das Leben der Familie zum Besseren verändert, sagte Murphy vor Kurzem. Seine vier Kinder sprächen inzwischen alle Deutsch. Am meisten würden sie wohl die Menschen und den deutschen Fußball vermissen. Letzteres ist für eine amerikanische Familie außergewöhnlich, da sich Fußball als Sport in den USA nie richtig durchgesetzt hat.

Seine Rede schloss Philip D. Murphy in der amerikanischen Botschaft mit den Worten: „Auf Wiedersehen, everybody!“. Abends ging die Feier in der American Academy am Wannsee weiter, etwas persönlicher und größer als in der Botschaft und mit Feuerwerk. Zum Wannsee waren rund 2500 Gäste eingeladen worden, darunter 'nur' etwa 30 Botschaftern und sehr viele normale Leute, 'Kontaktpersonen aus der Arbeitsebene', wie es eine Botschaftsmitarbeiterin formuliert, also Mitarbeiter von Firmen, Amerikaner, die in Berlin leben und Berliner, die die USA lieben.

Zu ihnen gehört Mike Hoth. Der 69 Jahre alte Texaner hatte für die 'US-Luftwaffe' in Tempelhof gearbeitet und ist nun Rentner. Gemeinsam mit seiner Frau, einer Berlinerin, wie er betont, ist er häufiger Partygast. 'Ich kenne jeden hier in der Schlange', sagt er, in die er sich als einer der ersten mit Enkeltochter Ellie (10), zu Besuch aus Texas, eingereiht hat.

Anderthalb Stunden für 2500 Gäste - die Murphys umarmen jeden

Dann, kurz nach 19 Uhr, kann er Philip D. und Tammy Murphy die Hand schütteln. Das Botschafterpaar hat eine klare Aufteilung: Er umarmt die Damen, sie die Männer. 'Hi folks, hallo Ladies' – die Anreden sind so lässig wie die Kleidung. Philip D. Murphy trägt eine knielange rote Hose, ein weites, blau-weiß kariertes Hemd und blaue Slipper ohne Socken. Es ist Sommer, der Nieselregen hat sich verzogen. Seine Frau ist ebenfalls in eine rote Hose geschlüpft – in Dreiviertellänge-, trägt ein weißes ärmelloses Oberteil und ein Stars-and-Stripes-Tuch als Gürtel. Die Mitarbeiter halten während des Fotoshootings die Taschen der Besucher, der Hausfotograf werde „mindestens anderthalb Stunden unabkömlich sein“ frotzelt Murphy, so lange werde die Begrüßung dauern. Dann schiebt er sich mit einer raschen Bewegung ein Erfrischungsdrops in den Mund.

Aus dem Garten zieht der Geruch von Gegrilltem herauf. Die ersten Hamburger waren schon vor 19 Uhr vertilgt, zu essen gibt es außerdem Hotdogs und Wraps, Backkartoffeln und Cheesecakes - american style fingerfood. Dazu prämierte Weine aus Kalifornien und Berliner Kindl. Die Verpflegung ist gesponsert.

Olav Keith fährt mit einem Einrad über den Rasen, der 40 Jahre alte Artist und zwei Kollegen vom 'Cirque Artikuss' sorgen schon zum dritten Mal beim Unabhängigkeitsfest für Clownerien.

Auf der Bühne unterhalten Keith Tynes – ehemals bei „The Platters“ und Band die Gäste. Tynes singt später die amerikanische Nationalhymne, nachdem Soldaten das Stars and Stripes Banner präsentiert haben.

„Der heutige Abend ist unser vorletzter in Berlin. Er hat einen bittersüßen Beigeschmack“

Schließlich hält Murphy eine Rede. Sie ist, anders als die Rede vom Mittag in der Botschaft, persönlicher und mit viel Herz vorgetragen. Da Murphys Dienst als Botschafter endet, sei es sein vorletzter Abend in Berlin. „Während der vergangenen Wochen habe ich etwas wiederentdeckt, das ich schon wusste: Über die Ideale und die Verpflichtungen, die mit der Freiheit einhergehen, denken viele Deutsche genauso wie ich und so viele Amerikaner. Diese Bande halten uns zusammen. Deswegen haben die vergangenen Wochen, in denen wir uns auf die Abreise vorbereiten, und auch der heutige Abend, einen bittersüßen Beigeschmack.“

Philip D. Murphys Nachfolger in der US-Botschaft wird John Emerson. Der neue diplomatische Vertreter der USA in Deutschland war bislang Präsident der Investmentfirma Capital Group Private Client Services, die das Vermögen von reichen Privatkunden verwaltet.

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