Elektrofahrräder

E-Bike – Warum Fahrer immer ein Lächeln im Gesicht haben

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Jens Anker (mit Benno Koch)

Foto: Massimo Rodari

Während der Markt bei Fahrrädern in Deutschland stagniert, wächst er bei E-Bikes kontinuierlich. Der Trend zeigt sich auch in Berlin - ein Besuch bei Herstellern und begeisterten Nutzern.

Robert Winckler ist zufrieden. Rund 200 Euro wöchentlich spart er ein, seit er auf einem Lasten-Elektro-Fahrrad zur Arbeit fährt. Vor einem Jahr hat sich der Raumausstatter dazu entschieden, auf die Autofahrten zu verzichten und sich das Lastenrad angeschafft.

„Es hilft unwahrscheinlich“, sagt Winckler. Keine lästige Parkplatzsuche mehr, keine Knöllchen und keine Benzinkosten. Nur beim Einrichten einer Baustelle nutzt er noch den Lastwagen, sonst fährt er mit dem Rad, das Werkzeug vor sich in der Kiste verstaut.

Dabei hatte er zunächst gar kein Rad im Sinn. „Ich brauchte ein neues Auto und habe die Kosten berechnet“, sagt der 45-jährige Handwerker aus Wilhelmsruh im äußersten Norden Berlins. „Anschaffung, Unterhalt, Kraftstoff, Wartung – und das alles für ein Auto, das 23 Stunden am Tag rumsteht.“

30 Prozent weniger Kunden – durch Elektromobilität „irritiert“

Also suchte er nach Alternativen und stieß auf das Lastenrad der Firma Urban-e aus Berlin. Rund 3800 Euro kostete das Lastenrad. Seine Erfahrungen sind fast ausnahmslos positiv. „Es ist super und hilft, die Transportwege zu verkürzen.“ Parken kann er kostenfrei direkt vor der Baustelle.

Aber eine Negativerfahrung hat Winckler mit seinem Rad dann doch gemacht. „Ich habe 30 Prozent der Kundschaft verloren“, sagt er. „Dass ein Handwerker mit dem Fahrrad zur Arbeit erscheint, irritiert die Leute.“

Trotz aller Reden um die Zukunft der Elektromobilität sei die Realität noch anders. „Die Elektromobilität wird schwer akzeptiert.“ Manche Kunden denken, er stehe kurz vor der Pleite und könne sich kein Auto leisten.

Deutsche See plant Fisch-Auslieferung per E-Bike

Erfahrungen wie diese bringen Frank Müller in Wallung. „Diese Leute haben nicht begriffen, dass wir im 21. Jahrhundert leben“, sagt der Geschäftsführer von Urban-e. Seit vier Jahren besteht seine Firma am Euref-Campus, seit anderthalb Jahren vertreibt er E-Bikes, vor allem Lastenräder an Firmenkunden.

Neben dem Raumausstatter Robert Winckler versorgte er den Berliner Botendienst Messenger mit Rädern, aber auch Botendienste in Boston, der Schweiz und Spanien. In diesem Sommer beginnt die Deutsche See damit, in Berlin ihren Fisch per Lastenrad an die Restaurants auszuliefern.

Auch ein Fotograf aus Düsseldorf hat inzwischen das Auto gegen ein Lastenrad von Urban-e eingetauscht. Mehr als 100 der selbst entwickelten Räder namens iBullit hat Müller im ersten Jahr verkauft. Auf vielen von ihnen klebt ein Schriftzug: „Ich ersetze ein Auto“.

Müller: „Berlin ist hinterwäldlerisch“

Die Fahrgestelle aus Aluminium stammen aus Dänemark, die Technik aus Berlin. Die Lastenkiste – optional mit einem Photovoltaik-Element auf dem Deckel – kann bis zu 100 Kilogramm schwere Güter fassen und ist zwischen Vorderrad und Lenker angebracht. Der Motor steckt in der Nabe des Vorderrades und verleiht dem Rad eine Höchstgeschwindigkeit von 25 Stundenkilometern.

Es sei rätselhaft, wie teilnahmslos die Gesellschaft sich mit der gegenwärtigen „Öl-Sklaverei“ abfinde, sagt Müller. Statt den Scheichs das Geld hinterherzuwerfen, könne man doch vielmehr hier vor Ort den Strom erzeugen. Öl werde immer teurer, deshalb werde die Elektro-Mobilität in zehn Jahren unser Leben bestimmen, ist sich Müller sicher.

Umso unverständlicher sei für ihn daher die allgemeine Unwissenheit über die Elektro-Mobilität und das noch weit verbreitete Desinteresse der Berliner Politik. „Berlin ist hinterwäldlerisch“, empört er sich. „Und Deutschland ein Entwicklungsland.“ Anders sei es nicht zu erklären, warum gerade in Städten die Elektro-Mobilität nicht viel konsequenter gefördert werde.

1,3 Millionen E-Bikes in Deutschland unterwegs

Zumal die Treibstoffkosten im Vergleich zum Benzin- oder Dieselmotor geradezu lächerlich gering ausfielen. Der Strom für eine Ladung des Akkus für das Lastenrad koste 27 Cent, der Preis für eine Kilowattstunde. Die Reichweite beträgt rund 100 Kilometer. Getankt werden kann wie mit allen E-Bikes an jeder Steckdose, die Akkus sind austauschbar.

Doch es gibt Anzeichen dafür, dass sich im Bewusstsein etwas ändert. In den drei Jahren bis Ende 2012 wurden in Deutschland 890.000 E-Bikes verkauft, allein im vergangenen Jahr waren es 370.000 Stück. In diesem Jahr werden es nach Prognosen der Zweirad-Industrie mehr als 400.000 sein.

Insgesamt sind hierzulande 1,3 Millionen Elektrofahrräder unterwegs. Bereits seit 1999 werden jene Elektrofahrräder auch Pedelecs genannt – eine Abkürzung für „Pedal Electric Cycle“. Mehr als 95 Prozent aller Elektrofahrräder in Deutschland entsprechen dieser Kategorie und gelten als ganz normale Fahrräder. Einziger Unterschied: Bis Tempo 25 wird man mit bis zu 250 Prozent zusätzlich zur eigenen Trittkraft unterstützt.

Probefahrt per Smartphone-App vereinbaren

„Ohne staatliche Förderprogramme hat die deutsche Fahrradindustrie das Ziel der Bundesregierung übertroffen, bis zum Jahr 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen zu bringen“, sagte Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV), in diesem Frühjahr auf der Fahrradmesse Velo Berlin. Ein wenig Stolz schwang dabei mit, der Ärger über die fehlende Unterstützung sei Vergangenheit.

Massiv staatlich gefördert wurde dagegen die Elektromobilität auf vier Rädern. Mit 500 Millionen Euro allein aus dem Konjunkturpaket II kam die Entwicklung und der Verkauf von E-Autos jedoch kaum voran. Laut Kraftfahrt-Bundesamt waren zum 1. Januar 2013 genau 7114 Elektroautos in Deutschland zugelassen. Hinzu kommen 64.995 Hybrid-Fahrzeuge, die abwechselnd mit Strom und Benzin betrieben werden.

Nur einen Steinwurf entfernt von Urban-e in Schöneberg haben gerade Christian Schindler und Frank Rosmann ihr neues Büro bezogen. Die beiden Unternehmer haben den E-Bike-Finder „sinCo2“ entwickelt. Seit April dieses Jahres ist er online, seit wenigen Wochen gibt es die dazugehörige App für Smartphones. Interessenten können aus 1500 verschiedenen Modellen das für sie passende E-Bike auswählen, sich beraten lassen oder eine Probefahrt vereinbaren.

Preis für E-Bikes schreckt noch viele Käufer ab

„Es gibt derzeit noch drei Kaufhemmnisse für E-Bikes“, sagt Schindler. „Der Preis, Angst vor Diebstahl und die Kosten für den Akku.“ An diesen Hürden arbeiten die beiden und wollen demnächst eine Lösung präsentieren. Viele Interessenten werden durch den im Vergleich zu herkömmlichen Fahrrädern hohen Kaufpreis abgeschreckt.

1000 Euro sollten Interessenten schon investieren, sagt Schindler. Ein vernünftiges E-Bike gebe es ab 1500 Euro, die meisten der 1500 Modelle beim E-Bike-Finder kosten zwischen 2000 und 3000 Euro. Als Folgekosten kommt auf Käufer rund alle drei Jahre ein Akku-Neukauf zu. Nach etwa 1000 Ladungen sind die meisten Akkus verschlissen. Kostenpunkt: 500 bis 1000 Euro.

Dennoch glauben auch die beiden Geschäftsmänner an die Zukunft der E-Bikes. In den Niederlanden sei der Umsatz inzwischen bei E-Bikes höher als bei herkömmlichen Rädern. Während in Deutschland der Markt bei Fahrrädern stagniere, wachse er bei E-Bikes kontinuierlich.

Akku aufladen funktioniert an jeder Straßenlaterne

Die Firmen von Frank Müller und Christian Schindler sind nur zwei Beispiele für Unternehmen, die einen Sitz auf dem Euref-Gelände haben. Hier schlägt das Berliner Herz der Elektromobilität.

Die Technische Universität Berlin, das Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ), das European Institute of Innovation and Technology (EIT) und das Kompetenzzentrum Kritische Infrastrukturen (KKI) sind hier ebenso vertreten wie ein Klimaprojekt der EU und Unternehmen wie DB Mobility, Gasag AG und die Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg. Sie alle testen Ideen und Konzepte im Verbund eines branchen- und disziplinenübergreifenden Netzwerks.

Zuletzt wurde hier die „Green Garage“ eröffnet, ein Gebäude für Gründer, die an Klima-Innovationen arbeiten und von der Europäischen Union gefördert werden. Schindler und Rosmann gehören mit ihrem E-Bike-Finder dazu, gleich nebenan sitzt die Firma dreier Berliner, die ein System entwickelt haben, mit dem jedes Elektro-Auto oder -Fahrrad an einer Straßenlaterne aufgeladen werden kann.

Von hier aus wird der Siegeszug der E-Bikes auch in Berlin funktionieren, ist sich Christian Schindler sicher. Denn: „Jeder, der nach seiner ersten Testfahrt von einem E-Bike steigt, trägt ein Lächeln im Gesicht.“

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