Neuberliner

Berlin ist für Amerikaner ein Kinderparadies

Viele Amerikaner kommen, um sich auszuprobieren - und bleiben länger als ursprünglich geplant, um hier Kinder zu bekommen. Krankenversicherung, Kindergeld und Elternzeit sind stärker als Heimweh.

Foto: Massimo Rodari

Ein Jahr in Prenzlauer Berg genügte, und der Amerikaner Jason Levis (37) fing an, sich Kinder zu wünschen. „Irgendetwas liegt hier in der Luft. Die Nachbarschaft verleitet einen richtig zum Kinderkriegen“, sagt der Komponist und Perkussionist, der seit fünf Jahren mit seiner Frau, Emily Olman (37), in einer hellen Zweizimmerwohnung wenige Minuten vom Kollwitzplatz entfernt wohnt.

Ursprünglich zog das Paar 2008 von Kalifornien nach Berlin, als Olman einen Platz im Stipendienprogramm der Robert Bosch Stiftung zur Förderung von amerikanischem Führungsnachwuchs bekam. Doch nach Ende des Programms verlängerte es seinen Aufenthalt, da Levis gerade mit seiner Band „Susie Asado“ ein neues Album aufnahm. „Wir sind meinetwegen gekommen, dann für ihn geblieben, und jetzt sind wir hauptsächlich ihretwegen hier“ sagt Olman und nickt in Richtung ihrer dreijährigen Tochter, Talea, die vergnügt auf dem Boden vor ihrer Mutter spielt.

Sozialleistungen kontra Heimweh

In Berlin sind rund 12.000 Amerikaner gemeldet. Viele planen anfänglich, nur kurz zu bleiben, etwa, um sich hier als Künstler auszuprobieren. Eine kleine Gruppe bleibt jedoch länger, um – wie Olman und Levis – hier Kinder zu bekommen. Dabei spielen sowohl Amerikas mangelnde sowie Deutschlands attraktive familienpolitische Leistungen eine Rolle. Jedes Jahr werden bis zu 200 Milliarden Euro in Deutschland als familienfördernde Anreize gezahlt. Zu viel Geld angesichts rückläufiger Geburtenraten, sagen Kritiker.

Für Levis stand wegen der staatlichen Zahlungen schnell fest, dass es zu dritt in Berlin für sie besser sein würde, als das jüdische Paar 2009 schwanger wurde. Doch Olman sehnte sich nach ihrer Familie, wollte zurück in die Vereinigten Staaten. „Je mehr ich mich jedoch informierte, desto klarer wurde mir, dass das eine total verrückte Entscheidung gewesen wäre“, sagt Olman, die bei der Berlin School of Creative Leadership Leiterin des Zulassungsbüros ist.

2009 war die von Präsident Barack Obama eingeführte Gesundheitsreform noch nicht vom Kongress beschlossen. Rund 47 Millionen Amerikaner waren unversichert (15 Prozent der Bevölkerung). Versicherungsfirmen konnten sich ihre Patienten aussuchen. Wer eine sogenannte „pre-existing condition“ oder Vorerkrankung hatte, wurde oftmals abgelehnt. So auch die werdende Mutter Olman, denn Schwangerschaft war als Vorerkrankung eingestuft. Sie stand also vor der Wahl, in Kalifornien die Sozialleistung Medicaid zu beantragen, als unversicherte Person zurückzuziehen, oder in Berlin zu bleiben. Die Entscheidung fiel Olman nach einem einprägsamen Gespräch mit der Krankenversicherungsfirma Kaiser Permanente leichter als erwartet. „Die haben mir tatsächlich geraten, während der Geburt mit den Ärzten den Preis der Entbindung zu verhandeln. Da wurde mir schlagartig klar, wie viel besser es meiner Familie hier gehen würde.“

Erschwingliche Kitas - und sogar mehrsprachig

Erst später erfuhr Olman von vielen anderen Vorteilen, die es in Berlin gibt: Elterngeld, Elternzeit und finanziell erschwingliche Kitaplätze, selbst in zweisprachigen Kindergärten, wie dem in Friedrichshain, den Talea besucht. „Aber auch für uns ist Berlin passend, weil ich hier als Musiker arbeiten und Emily in einem internationalen Umfeld arbeiten kann“, sagt Levis. Auch viele ihrer amerikanischen Freunde haben sich in Berlin wegen der Annehmlichkeiten für Jungfamilien langfristig niedergelassen.

Berlins einzigartige Atmosphäre spielt dabei eine entscheidende Rolle. So kam für die aus dem US-Bundesstaat New Jersey ausgewanderte Afro-Amerikanerin, Nicole Blake (34), eine Rückkehr in die USA nie in Frage, als sie vergangenen September schwanger wurde. „Als ich vor vier Jahren aus London hierher gezogen bin, wusste ich quasi nichts über Berlin. Aber es hat nicht lange gedauert, bis mir klar wurde, dass für jemanden wie mich, die gerne Spaß hat und leider nur wenig Deutsch spricht, Berlin die einzige Stadt ist“, sagt Blake.

Haushaltshilfe nach der Geburt

Mit dem dänischen Vater ihrer mittlerweile sechswöchigen Tochter, Arianna, war Blake fünf Jahre zusammen, bevor das Paar sich entschloss, ein Kind zu bekommen. Doch in ihrer achten Schwangerschaftswoche trennte ihr Freund sich von ihr. Das unerwartete Ende erschütterte Blake. „Aber so etwas hätte mir auch in Amerika passieren können. Nur da hätte ich maximal acht Wochen Elternzeit, keinen Mutterschutz und null finanzielle Unterstützung vom Staat gehabt“, sagt die Amerikanerin.

Anders ihre Erfahrungen in Berlin. Weil sie einen Kaiserschnitt haben musste, bekam sie von ihrer Krankenkasse nach Entlassung aus dem Krankenhaus vier Wochen lang eine Haushaltshilfe, die jeden Tag für die neue Mutter in deren Charlottenburger Wohnung putzte und kochte. Sowieso musste sie während ihrer Schwangerschaft nur 40 Euro ihres eigenen Geldes für zusätzliche, nicht verordnete Tests ausgeben.

„In den Staaten hätte ich bestimmt 20.000 Dollar allein für den Kaiserschnitt und den dazugehörigen Krankenhausaufenthalt ausgeben müssen.“ Denn erst 2014 soll die Gesundheitsreform in Kraft treten. Bis dahin werden schwangere Frauen und Menschen mit „Vorerkrankungen“ weiterhin Schwierigkeiten haben, einen bezahlbaren Versicherungsschutz zu bekommen, müssen deshalb ihre Behandlung selbst bezahlen.

Für Blake waren es nicht nur finanzielle Erwägungen, die ihre Entscheidung, in Berlin zu bleiben, beeinflussten. Auch nachdem ihre Familie in New Jersey ihr anbot, sie nach einer etwaigen Rückkehr zu unterstützen. „Für mich war es auch wichtig, diese Erfahrung des Mutterseins richtig auszukosten.“ Als alleinerziehende Mutter konnte Blake 14 Monate bezahlte Elternzeit beantragen, mit der Möglichkeit, danach weitere zwei Jahre auf Teilzeitbasis zu arbeiten. Dank Mutterschutz bleibt ihre Stelle als Projektleiterin in einer Geoinformationsfirma dabei gesichert. „Wir Amerikaner geraten in das deutsche familienpolitische System wohl eher aus Versehen, aber es ist für uns unglaublich verlockend, hierzubleiben, eben weil wir diese ganzen Unterstützungen in den Staaten nicht haben“, meint Blake. „Bei uns muss alles viel schneller gehen, auch das Kinderkriegen.“

Keine doppelte Staatsbürgerschaft

In der Tat haben die meisten ihrer Freundinnen, die in Amerika wohnen, früher Kinder bekommen. Doch erst mit 32 verspürte Blake zum ersten Mal den Wunsch, ein Kind in die Welt zu setzen. „Davor war ich mit Reisen, Ausgehen und Arbeiten viel zu beschäftigt“, sagt Blake, die ihre Auslandserfahrungen, zum Beispiel in Sankt Petersburg oder beim Stierkampf in Pamplona, in ihrem Blog „Nicole is the New Black“ festhält. Nun freue sie sich auch, die ruhigeren Seiten Berlins zu entdecken, und auf die erste Reise mit ihrer Tochter, vielleicht nach Kopenhagen. „Und Deutsch werde ich irgendwann lernen! Selbst wenn sie es mir beibringt“, sagt sie und lächelt Arianna an. Dass ihre Tochter eventuell mit deutschem Akzent Englisch sprechen wird, stört die Mutter nicht. Sie hätte sich auch gefreut, wenn Arianna einen deutschen Pass zusätzlich zu ihrem amerikanischen hätte kriegen können. Doch in Deutschland bekommen, anders als in Amerika, nur Kinder deutscher Eltern die deutsche Staatsbürgerschaft.

Auch Talea ist eine Amerikanerin, die in Berlin geboren wurde. Die Dreijährige spricht sowohl Deutsch als auch Englisch – wie ihre beiden Eltern. Das war besonders Olman wichtig, die, vor ihrem MBA (Master of Business Administration) an der Elite-Universität Berkeley, ihren Bachelor in Germanistik gemacht hat. Ihr Mann, der an derselben Universität promovierte, beherrscht Deutsch mittlerweile gut. „Ich freue mich, dass meine Familie zweisprachig ist. Aber besonders stolz bin ich auf meine Mutter“, sagt Olman. „Sie kommt uns im September besuchen und hat deswegen extra einen Deutschkurs in Oregon belegt!“