Museen

In Charlottenburg soll Haus für Außenseiterkunst entstehen

In einem früheren Heizhaus auf dem Gelände der Schlosspark-Klinik in Charlottenburg sollen dauerhaft Kunstwerke von Psychiatriepatienten ausgestellt werden. Doch noch sucht der Trägerverein Sponsoren.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Viele tausend Blätter dürften es schon wieder sein, die in einer Ecke des Zehlendorfer Arbeitszimmers von Vanda Vieira-Schmidt aufgeschichtet sind. Es ist ein neues Weltrettungsprojekt, das da heranwächst, die beiden höchsten Stapel reichen der 62-Jährigen bis zur Stirn. Ihr erstes Monument aus friedenstiftenden Zeichnungen umfasste mehr als 20 übermannshohe Stapel und gehört unter dem Oberthema „Krieg und Gedächtnis“ zur Dauerausstellung im Militärhistorischen Museum in Dresden.

Auch das aktuelle Werk von Vieira-Schmidt könnte demnächst öffentlich zu sehen sein — im Haus für Außenseiterkunst, das der Verein „Außenseiterkunst in Berlin“ in einem denkmalgeschützten ehemaligen Maschinenhaus auf dem Gelände der Schlosspark-Klinik in Charlottenburg einrichten möchte. Werke von Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung sollen dort ausgestellt werden, offene Ateliers, Begegnungsräume und Platz für Kunsttherapie sowie Diskussionsforen entstehen. Auch ein Café ist geplant. „Outsider Art spielt seit einigen Jahren im Kunstbetrieb eine immer größere Rolle“, sagt Psychiater Wolfram Voigtländer. Seit Mai 2011 zeigt der Hamburger Bahnhof in der mehrteiligen Ausstellungsreihe „Secret Universe“ Bilder und Objekte von Künstlern, die im klassischen Kunstdiskurs traditionell keinerlei Beachtung finden. Noch bis Mitte Juni 2013 sind dort die komplexen Zahlenbilder des Amerikaners Georg Widener zu sehen.

Künstlerisches Schaffen als Lebensbewältigung

„Bei diesen Künstlern geht es um Menschen, die ihr Schaffen selbst als Lebensbewältigung ansehen, nicht als Kunst. Auch wenn dabei in den Augen anderer großartige Werke entstehen“, weiß Karin Dannecker, Leiterin des Studiengangs Kunsttherapie an der Kunsthochschule Weißensee. „Beweismittel“, ansich gedacht für das Landgericht Berlin — so sieht der Berliner H. B. seine Tausenden von Zeichnungen, auf denen er sich mithilfe von Symbolen und abstrakten Zeichen mit dem Ursprung der Menschheit beschäftigt und die raumhoch in zahllosen Ordnern entlang der Wände seiner Eineinhalb-Zimmer-Wohnung gesammelt waren.

Dort entdeckte sie Thomas Röske, Leiter der Sammlung Prinzhorn an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, und konnte einen Teil davon für diesen größten Fundus an historischer und zeitgenössischer Außenseiterkunst aus dem deutschsprachigen Raum sichern. Die Sammlung Prinzhorn, die rund 18.000 Werken umfasst, soll mindestens temporär auch den Grundstock für das Berliner Haus für Außenseiterkunst liefern.

„Ich weiß, dass es eine ganze Reihe von spannenden zeitgenössischen Künstlern in Berlin gab und gibt“, sagt Röske, selbst ein treibendes Mitglied im Gründerverein. Zu den bekanntesten zählt Friedrich Schröder-Sonnenstern, der auf der Surrealismus-Exposition 1959 in Paris internationales Aufsehen erregt hatte und zeitweise zum Auftragskünstler wurde. Über die Sammlung Prinzhorn könnten außerdem 91 historische Werke von 12 ehemaligen Berliner Psychiatriepatienten unter anderem aus Charité, Anstalt Herzberge in Lichtenberg oder dem Sanatorium Schweizerhof in Zehlendorf in ihre Ursprungsstadt zurückkehren und hier ausgestellt werden. Weitere Kunstobjekte dürfte das Forschungsprojekt „Kulturen des Wahnsinns“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zu Tage fördern, in dessen Rahmen derzeit 150.000 Patientenakten der Charité aus den Jahren 1890 bis 1945 durchsucht werden. „In einem Prozent der Fälle stoßen wir auf Kunst“, sagt Röske.

Umbau und Sanierung kosten zweieinhalb Millionen Euro

Allerdings soll sich das Haus in Charlottenburg nicht auf Berliner Künstler beschränken. Insgesamt 1.265 Quadratmeter, davon geplant 720 Quadratmeter für Expositionen, bietet das Maschinenhaus, das die Schlosspark-Klinik dem Verein zur Verfügung stellt. Walmdachgedeckt, mit gelber Putzfassade und hoch aufragendem, schlanken Schornstein liegt es derzeit noch verträumt unter Bäumen am östlichen Rand des Parkklinik-Areals.

Bevor Außenseiterkunst einziehen könnte, müssten rund zweieinhalb Millionen Euro in Umbau und Sanierung investiert werden. Ein direkter Zugang zum benachbarten Charlottenburger Schlosspark sei angedacht, so Karin Dannecker. „Für das Gesamtvorhaben brauchen wir aber noch Sponsoren.“ Im Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf kann man zwar nicht finanziell helfen, freut sich aber über den Zuwachs zur kleinen Museumslandschaft rund um Schloss, Bröhan-Museum und Museum Berggruen sowie die Sammlung Scharf-Gerstenberg. „Wir befürworten das Projekt sehr“, sagt Kulturstadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU).

Vanda Vieira-Schmidt hat von der Initiative ebenfalls gehört. Verfolgen kann sie die Fortschritte nicht. Dafür ist die 62-jährige viel zu beschäftigt mit den Zeichnungen und Aquarellen, die sie anfertigt, etwa 150 pro Tag. Gottesschrift sind in ihren Augen die Symbole, die sie mit Bleistift auf jedes Blatt setzt. „Videoclips“nennt Vieira-Schmidt das. „Wenn ich male“, sagt sie, „male ich als Gott.“ Unglücke, Kriege, was immer auf der Welt passiert, spüre sie und wende durch ihr Zeichnen Schlimmeres von der Menschheit ab. Die anderen, bunten Bilder zeugen von guten Gefühlen. Ein vereinter, nie endender Kampf gegen den Weltuntergang. Dass sie vielleicht zukünftig in Charlottenburg ausstellen könne, das wisse sie, sagt Vieira-Schmidt: „Ich muss noch mehr Reklame machen für meine Videoclips.“ Nicht, weil sie auch nur ein Bild verkaufen will, sondern als Akt der Menschlichkeit. Für Vanda Vieira-Schmidt könnte das geplante Haus für Außenseiterkunst vielleicht eine Art künstlerisches Zuhause werden.