Prozess

Sein Freund Can hielt den sterbenden Jonny K. im Arm

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Michael Mielke

Nach der Prügelattacke am Berliner Alexanderplatz lag Jonny K. reglos in den Armen eines Freundes. Der Student beschrieb nun die erschütternde Szene vor Gericht.

Can L. hatte seinem Freund Jonny K. nicht helfen können. Der 26-Jährige war in der Nacht zum 14. Oktober 2012 losgerannt, um für Jonny K., Gerhardt C. und einen dritten, stark angetrunkenen Freund ein Taxi zu holen. Als er erfolglos zurückgekommen sei, habe Jonny K. schon reglos auf dem Boden gelegen, sagt der Student sichtlich bewegt vor einer Moabiter Jugendkammer aus.

Er sei sofort hingelaufen, habe sich über Jonny K. gebeugt, ihm – einem Zuruf eines Passanten folgend – die Zunge weggeschoben, damit dieser nicht erstickt. Can L. wird das nie mehr vergessen. „Ich war aufgewühlt und im Schockzustand“, sagt Can L. „Ich hielt den sterbenden Jonny in meinen Armen.“

Was genau geschehen war, hatte Can L. in dieser Nacht gar nicht wissen wollen. Es reichte ihm, von Gerhardt C. erzählt zu bekommen, dass dieser und Jonny von einer Gruppe Männern angegriffen worden seien.

Er habe sich anschließend sogar ganz bewusst von Jonny K.s Familie ferngehalten. Weil er selbst so unter dem Tod von Jonny K. gelitten hatte und nicht gewusst habe, wie er jetzt mit den Familienangehörigen des Opfers umgehen solle.

Tina K. beginnt zu weinen

Er sei sogar für einige Wochen zu seiner Familie nach Japan gefahren, mit dem Versuch, Abstand zu gewinnen. Und er habe auch nach seiner Rückkehr keinen Wert auf Details gelegt.

„Das mag ich mir gar nicht so genau anhören, wie ein Mensch zu Tode getreten wird“, beantwortet Can L. die Frage eines Anwaltes, ob ihn das nicht interessiert habe, was genau in seiner Abwesenheit mit Jonny K. passiert sei.

Als er gefragt wird, ob er damals wirklich „Was ist passiert mit meinem Bruder“ geschrien habe, nickt er und erwidert: „Das war ja auch so, Jonny war für mich wie ein Bruder.“

Es ist beklemmend ruhig im Verhandlungssaal. Jonny K.s Schwester Tina, in dem Prozess ansonsten immer sehr konzentriert und gefasst, beginnt bei diesen Worten zu weinen.

Die sechs Angeklagten im Alter zwischen 19 und 24 Jahren müssen sich wegen gefährlicher Körperverletzung oder Körperverletzung mit Todesfolge verantworten. Im Prozess hatten sie Schläge oder Tritte eingeräumt, aber einer Verantwortung für den tragischen Tod des jungen Berliners zurückgewiesen.

„Das war kein Treten, das war ein Stampfen“

Es gab weitere Zeugen an diesem Verhandlungstag. Polizisten, die schildern, wie aufgeregt Gerhardt C. gewesen sei. Ein 21 Jahre alter Barkeeper, der in der Nacht etwa 50 Meter vom Tatort entfernt gestanden hatte, gab zu Protokoll, dass er den Angriff gegen Jonny K. beobachtet habe.

Ein Mann habe mehrfach mit der Faust gezielt gegen Jonny K.s Kopf geschlagen. Ein Zweiter habe den zu Boden gestürzten Jonny K. mit den Füßen attackiert. „Das war kein Treten, das war ein Stampfen“, sagte der Zeuge. „Als ob man einen Spaten in den Boden rammt.“

Der Zeuge ließ sich von dieser Einschätzung auch nicht abbringen, als ihm der Vorsitzende Richter Helmut Schweckendieck vorhielt, dass die äußerlich sichtbaren Verletzungen in Jonny K.s Gesicht nicht für diese stampfenden Tritte sprechen. „Ich habe gesehen, wie der Junge aus dem Mund blutete“, so der Zeuge.

Er habe geahnt, dass es schlimm um Jonny K. stand. „Die Rettungssanitäter kamen so langsam“, sagte er. „Ich habe ihnen noch zugerufen: Beeilt euch, der stirbt hier weg.“

Eine Kamera liefert Bilder vom Tatabend

Beeindruckend waren dann auch die während der Verhandlung gezeigten Aufnahmen der Überwachungskamera eines Zigarettengeschäfts. Es befindet sich unmittelbar neben dem Klub „Cancun“. Die Kamera war auf die Eingangstür des Geschäfts gerichtet, erfasste aber auch, was sich im Umfeld abspielte.

Zu sehen war zunächst, wie Can L. eiligen Schrittes in Richtung Taxistand lief. Ihm folgten der groß gewachsene Gerhardt C, der auf dem Rücken den total betrunkenen Freund schleppte. Hinter den beiden lief Jonny K. und versuchte Gerhardt C. beim Tragen zu helfen. Sie kamen von einer Geburtstagsfeier im Restaurant „Mio“. Es war noch zu erkennen, wie Gerhardt C. unter der Last unsicher wurde und den korpulenten Betrunkenen auf einen Stuhl bugsierte.

Erfasst wurde von der Kamera ebenso eine Gruppe von sechs Männern, die vor dem „Cancun“ herumlungerte und sich offensichtlich langweilte. Es handelte sich dabei mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um die Angeklagten. „Sie können uns hier ruhig mitteilen, falls sich einer von Ihnen in dem Film erkennt“, sagte Richter Schweckendieck dann auch in Richtung der sechs Männer auf der Anklagebank – eine Aufforderung, die jedoch ohne Ergebnis blieb.

Zu erkennen ist dann weiterhin, wie sich die sechsköpfige Gruppe langsam in Bewegung setzte, in Richtung des Stuhles, auf dem der Betrunkene saß – noch immer begleitet von Jonny K. und Gerhardt C.

Den Tatort selbst konnte die Kamera nicht erfassen. Es verging etwa eine Minute. Dass in dieser Zeit etwas Schlimmes passiert sein musste, wurde durch weitere Sequenzen deutlich: Die Aufnahmen der Überwachungskamera zeigen etwa 30 Personen, die plötzlich losrannten, aufgeregt schrien. Da lag Jonny K. vermutlich schon reglos auf dem Boden.

Für Tina K. war das erneut eine unendlich quälender Moment. Sie war in dieser Nacht des 14. Oktober zu Hause geblieben, hatte den kleinen Bruder und ihren Lebensgefährten Gerhardt C. nicht – wie eigentlich üblich – zu der Geburtstagsfeier des Freundes ins „Mio“ begleitet. Und die Aufnahmen sind für sie die letzten Bilder ihres kleinen Bruders, der einen Tag nach der Schlägerei im Krankenhaus Friedrichshain an den Folgen von Hirnblutungen verstarb.