Wohnungsbaukonzern

Warum Aktionäre die GSW-Spitze absetzen wollen

Vorstandschef und Aufsichtsrat des Berliner Wohnungsbauunternehmens GSW wird Vetternwirtschaft vorgeworfen. Bei der Hauptversammlung sollen sie abgewählt werden. Nun wehren sich die Beschuldigten.

Foto: Wolfram Steinberg / dpa

Der neue Arbeitsplatz, das Unternehmen selbst – im Grunde alles bestens. Bernd Kottmann, der seit rund sechs Wochen den Berliner Wohnungskonzern GSW führt, muss keine harte Sanierung durchziehen. Die GSW mit ihren 60.000 Wohnungen in der Hauptstadt nimmt profitabel am Berliner Immobilienboom teil. Und sollte Kottmann entscheiden, weitere Wohnungen zu kaufen, wäre Geld da: rund 250 Millionen Euro, was immerhin für 4000 Einheiten reichen könnte.

Doch GSW-Investoren halten Kottmann für jemanden, der nur dank guter Beziehungen einen Job bekam, für den er nicht geeignet sei. Man unterstellt GSW-Aufsichtsratschef Eckart John von Freyend, er habe seinen Protegé Kottmann auf den Posten gehievt. Nun würden Aktionäre die beiden wichtigsten Manager des Konzerns am liebsten wegräumen. Termin und Ort für den Putschversuch: die Hauptversammlung am 18. Juni im IHK-Haus an der Fasanenstraße.

Es sind die heftigsten Turbulenzen bei der ehemals landeseigene GSW seit Privatisierung 2004 und dem Börsengang im Jahr 2011. Die GSW ist mittlerweile im Börsenindex MDax gelistet. Zu den größten Investoren zählen Fonds wie der US-Hedgefonds Blackstone, die amerikanische Versicherung Sun Life, ein Staatsfonds aus Singapur und der Pensionsfonds PGGM aus den Niederlanden.

PGGM, die das Geld von 2,5 Millionen Niederländern für den Ruhestand mehren wollen, stehen hinter der Attacke gegen Kottmann und von Freyend. Drei Prozent an der GSW hält PGGM. Orchestrieren die Niederländer ihre Aktion gegen Vorstand und Aufsichtsrat geschickt, könnten die Verhältnisse an der Unternehmensspitze auf den Kopf gestellt werden.

Misstrauensvotum gegen Kottmann auf GEW-Hauptversammlung

In jedem Fall gibt es für die Hauptversammlung am 18. Juni einen Abwahlantrag gegen Aufsichtsratschef von Freyend und ein Misstrauensvotum gegen Vorstandschef Kottmann. Der Vorwurf: Vetternwirtschaft. Gegenüber der Berliner Morgenpost wehrt sich GSW-Chefaufseher von Freyend erstmals ausführlich gegen die Vorwürfe. „Aus meiner Sicht gab es einen sorgfältigen Auswahlprozess mit klaren Kriterien und genauer Abwägung“, sagt von Freyend. Am Ende dieses Prozesses habe der Name Bernd Kottmann ganz oben auf der Liste gestanden.

Der GSW-Aktionär PGGM bezweifelt genau diese Sorgfalt. Zum einen wähnen sie eine Kungelei, weil von Freyend und Kottmann vor Jahren beim Immobilienkonzern IVG zusammenarbeiteten. Von Freyend war von 1995 bis 2006 Vorstandschef.

Kottmann kam 1997 zur IVG und war in den Jahren vor seinem Ausscheiden 2009 Finanzvorstand. Die IVG-Aktie hat in den vergangenen Jahren eine atemberaubende Talfahrt hingelegt. Das Unternehmen wurde von den Folgen der Pleite von Lehman Brothers 2008/2009 hart getroffen – was nun einige Kottmann vorwerfen, der damals IVG-Finanzvorstand war. „Es ist ungerecht, den Kursverfall der IVG-Aktie Bernd Kottmann anzulasten“, sagt Aufsichtsratschef von Freyend.

Abwahlantrag gegen von Freyend

Zum anderen mutmaßt PGGM Kungelei aufgrund des kurzen Zeitraum zwischen Abgang des alten Chefs und der Bekanntgabe des neuen. Am 11. März wurde bekannt, dass GSW-Chef Thomas Zinnöcker das Unternehmen verlassen wird, um den Berliner Konkurrenten Gagfah zu leiten. Eine Woche später wurde offiziell per GSW-Mitteilung Bernd Kottmann als neuer Vorstandsvorsitzender angekündigt. „Die Unklarheit über das angewendete Auswahlverfahren und dessen Ausführung führen zu unseren Bedenken. Wir sind nicht sicher, ob die Suche nach einem neuen Vorstandsvorsitzenden ausreichend sorgfältig durchgeführt worden ist“, schreiben die Juristen von PGGM in der Begründung ihres Abwahlantrags gegen von Freyend. Überdies empfiehlt der Fonds den Teilnehmern der Hauptversammlung, Vorstandschef Kottmann das Vertrauen zu entziehen.

Eckart John von Freyend zufolge hat der Aufsichtsrat „ein Dutzend Damen und Herren“ als mögliche Zinnöcker-Nachfolger diskutiert. Der GSW-Chefaufseher sagt, er sei von Zinnöcker am 13. Februar erstmals über das Interesse des Konkurrenten Gagfah informiert worden. „Da es schon Abwerbeversuche gegeben hatte, bin ich in Gedanken schon mögliche Nachfolger durchgegangen“, sagt von Freyend. Am 26. Februar 2013 schließlich habe Zinnöcker offiziell um Auflösung seines Vertrages gebeten. Am selben Tag sei der Vorstand informiert worden, zudem das Präsidium des Aufsichtsrates. Dann sei die Suche nach einem neuen Vorstandschef auf Hochtouren gelaufen. Die drei Mitglieder des Präsidiums, unter ihnen von Freyend, erstellten bis zum 7. März eine sogenannte Shortlist mit den besten Kandidaten.

Irritationen bei GSW-Großaktionären als kulturelles Problem

„Ich habe auch erwogen, eine Personalberatung mit der Suche nach dem neuen Spitzenmann zu beauftragen, hatte auch schon jemanden angerufen“, sagt von Freyend. Doch ein Auftrag wäre nur erfolgt, wenn sich das Präsidium des Aufsichtsrats uneins gewesen wäre. „Meine beiden Präsidiumskollegen und ich glauben nach insgesamt über 80 Jahren Branchenerfahrung jeden zu kennen, der für eine solche Tätigkeit in der Immobilienbranche infrage kommt“, sagt von Freyend. Er deutet mögliche Irritationen bei GSW-Großaktionären als kulturelles Problem. Speziell englische und amerikanische Investoren sind es gewohnt, mehr mitreden zu können. „Ich habe unseren 12 größten Investoren die Nachfolge schriftlich erläutert und sie zudem auch persönlich aufgesucht.“

Möglicherweise haben die ganzen Querelen einen ganz anderen, simplen Grund. Im Umfeld der GSW heißt es, die Vorwürfe gegen die beiden Spitzenmanager seien möglicherweise lanciert worden – von Managern, die selber auf den Spitzenposten gehofft hatten.