Filmprojekt

Eine Berliner Brennpunkt-Schule versucht die Kehrtwende

Die Sekundarschule an der Skalitzer Straße in Kreuzberg war die erste Berliner Schule ohne deutsche Schüler. Als Problemfall abgetan, kämpfen die Schüler nun in einem Film um ihren Ruf.

Foto: Massimo Rodari

Fünf Schüler ziehen durch die Schule. Angeführt von einem Mädchen aus der 8. Klasse hänseln sie einen schwächeren Mitschüler, schubsen und stoßen ihn. Einem anderen nehmen sie das Geld weg. In der Pause zetteln sie eine Schlägerei auf dem Schulhof an.

Szenenwechsel: In einem leeren Klassenzimmer wartet ein Lehrer auf seine Schüler. Die kommen erst kurz vor dem Ende der Unterrichtsstunde. Einer nach dem anderen, jeder mit einer haarsträubenden Entschuldigung.

Normaler Schulalltag oder alles nur Fiktion? Die Geschichten sind Teil eines Films, der am Donnerstag im Eiszeitkino an der Zeughofstraße in Kreuzberg Premiere hatte, alle Mitwirkenden Schüler der Sekundarschule Skalitzer Straße 55. Auch den Plot haben die Siebt- und Achtklässler sich ausgedacht.

Eigene Erlebnisse spielen dabei eine große Rolle. Bei der Umsetzung ihrer Ideen half ihnen allerdings ein professionelles Team. Filmemacher Sebastian Grobler gehörte dazu, der Musiker DJ B-side und die Schauspielerin Anja Scheffer.

Hilfe von einer Kulturagentin

„Respect“ heißt der Film, der in verschiedenen Sequenzen vom Alltag an der Kreuzberger Sekundarschule erzählt. Taha aus der achten Klasse ist einer der Protagonisten. „Wir haben uns die Schulordnung angeguckt und überlegt, wie man daraus einen Film machen kann“, sagt er. Das klingt nüchtern und langweilig. Doch der Film ist alles andere als das. Die Filmemacher provozieren, sie gucken genau hin, stellen Fragen, zeigen aber auch, dass Veränderungen möglich sind.

Genau das brauchen sie alle hier. Schüler wie Lehrer. Die ehemalige Hauptschule, die im Zuge der Schulreform vor zwei Jahren mit der kleineren Carl-Friedrich-Zelter-Schule zur Sekundarschule fusionierte, hat seit Jahren ein Image-Problem. Sie gilt als Auffangbecken für alle Schüler, die an anderen Schulen keinen Platz bekommen, aber auch für die, die es am Gymnasium nicht schaffen. Vor acht Jahren schrieben die Zeitungen über sie als die erste Berliner Schule ohne deutsche Schüler. Von Gewalt und demotivierten Jugendlichen war die Rede.

Das hat sich inzwischen zwar wieder geändert, den schlechten Ruf aber ist die Schule noch immer nicht los. Diesbezüglich hat auch die Umwandlung in eine Sekundarschule nicht viel geholfen. Die Anmeldezahlen sind unverändert gering. Auch für das laufende Schuljahr hatten sich zu wenig Siebtklässler beworben. Die Schule musste erneut viele Schüler aufnehmen, die an ihrer Wunschschule nicht untergekommen waren.

Die Schule hatte einen mehr als schlechten Ruf

Silke Ballath kann sich noch genau daran erinnern, wie im Kiez über die Schule geredet worden ist, „Schön war das nicht“, sagt sie. Auch an den umliegenden Grundschulen hörte sie nicht Gutes über die „Skalitzer“. Das war vor zwei Jahren, Ballath hatte damals gerade ihre Arbeit als Kulturagentin an der Schule begonnen.

Sie hatte große Lust auf diesen Job und viele Illusionen. In der Schule traf sie dann aber auf frustrierte Lehrer und Schüler. „Ich bin nur auf Ablehnung gestoßen. Niemand hatte Interesse an etwas Neuem, geschweige denn irgendwelche Visionen“, sagt sie. Viele Lehrer seien überarbeitet gewesen. „Die haben guten Unterricht gemacht, mehr aber nicht geschafft.“

Ballath, studierte Kulturwissenschaftlerin und Kunstvermittlerin, hat nicht locker gelassen. Zusammen mit einigen Schülern hat sie erst einmal eine Bestandsaufnahme gemacht. „Wir haben uns angeschaut, welche Arbeitsgemeinschaften es an der Schule gibt, Interviews und kleine Filme dazu gemacht“, sagt sie. Aus dem Material haben sie eine Show entwickelt und die in der Schule aufgeführt. Erfolgreich. Das hat Silke Ballath ermutigt, mit dem Filmprojekt zu beginnen. Mehr als 70 Schüler wollten dabei sein.

In den schüchternsten Schülern stecken große Talente

Während der Dreharbeiten wurden viele Talente entdeckt. Vanessa zum Beispiel, die den Titelsong des Films gerappt hat, als hätte sie nie anderes getan oder Taha mit seinem hintergründigen Humor. Eigentlich ein schüchterner Junge, hat er im Film als Schauspieler und Moderator überzeugt. Gut gespielt hat auch die zwölfjährige Edanur, ein zierliches Mädchen mit Kopftuch. Sie alle haben Selbstvertrauen gewonnen und entdeckt, wie viel Kraft eine gute Gemeinschaft jedem einzelnen geben kann.

An 30 Berliner Schulen sind seit zwei Jahren zehn Kulturagenten im Einsatz. Ziel des Modellprogramms, das von der Merkator Stiftung und der Kulturstiftung des Bundes gefördert wird, ist es, bei den Schülern Neugier für die Künste zu wecken, mehr Kenntnisse über Kunst und Kultur zu vermitteln und ihnen zu ermöglichen, selbst künstlerisch zu arbeiten. Die Kulturagenten betreuen jeweils ein lokales Netzwerk von drei Schulen. Silke Ballath arbeitet deshalb auch noch an der Fichtelgebirge Grundschule und der Sekundarschule Bergmannstraße.

Für die Schule an der Skalitzer Straße ist der Film ein Meilenstein, vielleicht sogar der Beginn einer neuen Ära. Schließlich soll es auch in kommenden Schuljahr künstlerisch weiter gehen. Silke Ballath und Anja Scheffer werden mit den Schülern der siebten und achten Klassen Theater spielen. Sie wollen ein Theaterprofil für die Schule entwickeln. Nach dem Erfolg des Films ist Ballath sicher, das das gelingt.

Theater spielen für den Umgang mit der Sprache

Gleich nach Schuljahresbeginn wird eine siebte Klasse einen Monat lang Theater spielen. Schulleiter Bernd Böttig ist froh über das Engagement der Kulturagentin. „Ich denke, dass die Schüler bei solchen Projekten sehr viel mehr lernen, als oft im Unterricht“, sagt er. „Auch Disziplin, Konzentration und die deutsche Sprache.“

Als die Schule an der Skalitzer Straße vor zwei Jahren zur Sekundarschule wurde, haben die Lehrer darum gekämpft, dass sie eine gymnasiale Oberstufe bekommt. Sie haben sich davon eine Aufwertung des Standortes versprochen, zumal es im Kiez kein Gymnasium gibt. Die Bildungsverwaltung hat dem aber nicht zugestimmt und darauf verwiesen, dass die Schule kaum nachgefragt sei. Das könnte sich jetzt ändern. Das Filmprojekt hat vielen Mut gemacht und gezeigt, dass mehr in den Schülern steckt, als sie selbst und ihre Lehrer oft denken.

www.schule-skalitzer.de

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