Honorarverträge

Berliner Musiklehrer fordern bessere Bezahlung

Berlins Musikschullehrer sollen künftig keine Pauschalhonorare mehr erhalten, sondern ihre Stunden einzeln abrechnen. Diese lehnen die neuen Verträge jedoch ab und haben eine Petition gestartet.

Foto: Massimo Rodari

Dirk Strakhof, Lehrer an der Musikschule Steglitz-Zehlendorf, hat seinen neuen Honorarvertrag noch nicht unterschrieben. Stattdessen hat er eine Petition ins Netz gestellt, in der er deutlich macht, warum die neuen Verträge für ihn und seine Kollegen unzumutbar sind und dringend überarbeitet werden müssen. Mehr als 13.000 Menschen haben diese Petition bereits unterschrieben – Musikschullehrer, Schüler, Eltern.

Mit seiner Beschwerde will Strakhof den Senat zu Verhandlungen zwingen. „Wir fordern die Ausarbeitung neuer Verträge und mittelfristig die Aufnahme von Tarifverhandlungen“, sagt er. Auch die Eltern seines Schülers Jonas Bodenburg unterstützen diese Forderungen. Jonas hat seit vier Jahren Kontrabass-Unterricht bei Dirk Strakhof. Seine Eltern befürchten nun, dass es damit bald vorbei sein könnte. Unterschreibt Strakhof seinen neuen Honorarvertrag nicht, wird ihm vom Bezirk gekündigt werden. Für Jonas wäre das schlimm, er mag seinen Lehrer und möchte ihn unbedingt behalten.

Rund 1800 Musikschullehrer haben in den vergangenen Wochen von der Bildungsverwaltung neue Honorarverträge zugeschickt bekommen. Viele haben wie Strakhof dagegen protestiert. Sie wollen nicht hinnehmen, dass sie künftig keine monatlichen Pauschalhonorare mehr erhalten, sondern die gegebenen Unterrichtsstunden einzeln abrechnen sollen. „Bisher gab es ein Jahreshonorar, verteilt auf zwölf Monate, jetzt müssen wir für jede Stunde eine Rechnung schreiben“, sagt Strakhof. Das führe zu Gehaltseinbußen und sei zudem ein riesiger bürokratischer Aufwand.

Auch für sonstige Tätigkeiten wie Prüfungen oder Kurse fordern die Musikschullehrer höhere Honorare. In den neuen Verträgen sind dafür Vergütungen zwischen 7,16 und 10,33 Euro pro Stunde vorgesehen – das sei entschieden zu wenig, sagt Strakhof.

Festanstellungen nicht möglich

Strakhofs Kollege Ulrich Rothe, Gitarrenlehrer an der Musikschule Pankow und Mitglied der Landeslehrervertretung, berichtet, dass etwa 1013 der 1800 Musikschullehrer angekündigt haben, dass sie die neuen Honorarverträge momentan nicht unterschreiben werden. Wer wolle sich schon mit Gehaltseinbußen einverstanden erklären, sagt er. „Unseren Abrechnungen lagen bislang pauschal 39 Schulwochen zugrunde, egal wie lang das Schuljahr tatsächlich war“, erklärt Rothe. Wenn jetzt nur noch Einzelstunde abgerechnet werden könnten, ergebe sich eine Gehaltseinbuße von 3,2 Prozent. Angesichts der ohnehin geringen Honorare von durchschnittlich 22,45 Euro pro Unterrichtsstunde (rund 15 Euro netto) sei das nicht hinnehmbar.

Chris Berghäuser, Leiter der Musikschule Pankow und Sprecher der Musikschulleiter, warnt bereits davor, dass das Berliner Musikschulmodell „gegen die Wand läuft“. „Noch wissen wir nicht, wie viele Lehrer uns wegen der schlechteren Arbeitsbedingungen verlassen werden. Für die Schüler ist das eine Katastrophe“, sagt er. Sie brauchten vor allem Verlässlichkeit.

In der Bildungsverwaltung betont man indes, dass die neue Honorarordnung absolut notwendig war, um die so genannte Scheinselbstständigkeit auszuschließen. Mögliche Gehaltseinbußen würden dadurch ausgeglichen werden, dass die Musikschullehrer künftig zusätzliche Arbeiten wie Prüfungen, Elterngespräche oder Vorspielen in Rechnung stellen können. Bisher seien all diese Tätigkeiten nicht extra honoriert worden, sagt Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD).

Wie die Berliner Morgenpost erfuhr, soll Bildungsstaatssekretär Mark Rackles zudem versucht haben, die Bezirke davon zu überzeugen, an den Musikschulen mehr Festanstellungen zu schaffen. Das gebe den Musiklehrern Sicherheit, hieß es. Berlin ist das einzige Bundesland, dass vor allem Honorarkräfte an den Musikschulen beschäftigt. Hier macht der Anteil der Selbstständigen 95 Prozent aus.

In den Bezirken löste Rackles Vorstoß vor allem Ärger aus. Spandaus Bildungsstadtrat Gerhard Hanke (CDU) weist daraufhin, dass der Senat Personaleinsparungen in Größenordnungen beschlossen habe und die Bezirke gar keine Möglichkeit hätten, zusätzliche Festanstellungen vorzunehmen. „Kern des Problems sind doch die Honorare, die müssen angehoben werden, damit die Musikschullehrer überleben können“, sagt er. An dieser Schraube könne aber nur der Senat drehen, betont Hanke.

Demonstration vor SPD-Parteitag

An der Spandauer Musikschule haben laut Hanke von 130 Honorarkräften bisher erst 20 die neuen Verträge unterschrieben. Viel Zeit bleibe nicht mehr. „Im Juni müssen wir alle alten Verträge kündigen, weil sie dann ungültig sind.“ Um den Musikunterricht zu sichern, werde er dann möglichst schnell andere Lehrer einstellen müssen, wenn die jetzigen die neuen Honorarverträge nicht unterschreiben würden. In Pankow haben bislang nur 20 von 200 Musikschullehrern die neuen Verträge unterzeichnet. Die Frist ist hier bereits abgelaufen. Musikschulleiter Chris Berghäuser hofft dennoch, dass auch die anderen einlenken. „Ich werde eine Nachfrist setzen“, sagt er.

Die Musikschullehrer wollen es offenbar darauf ankommen lassen. Sie sind bereit, weiter für ihre Sache zu streiten. Am Sonnabend wollen sie vor dem SPD-Landesparteitag demonstrieren, der im Estrel-Hotel in Neukölln stattfinden wird. Um 8.30 Uhr soll es losgehen. Ulrich Rothe hofft, dass sich viele Kollegen, aber auch Schüler und Eltern ihrem Protest anschließen werden.

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