Brustamputation

Das sagen Berliner Experten zum Fall Angelina Jolie

Angelina Jolie hat sich aus Angst vor Brustkrebs vorsorglich die Brüste entfernen lassen. Berliner Ärzte sagen, was sie von diesem drastischen Schritt halten.

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Prof. Michael Untch, Chefarzt und Leiter des Brustzentrums im Helios Klinikum Berlin-Buch: „Die Krankengeschichte von Angelina Jolie hört sich so an, als gehöre sie zu den sogannten BRCA-mutierten Frauen. Das heißt, bei ihnen gibt es eine familiäre Häufung von Brustkrebserkrankungen (und oder Eierstockkrebserkrankungen) und es wurden bei einer Laboranalyse mutierte Gene gefunden. Bei diesen Frauen ist es auch in Deutschland gängige Praxis, prophylaktisch auf Wunsch und nach intensiver Beratung die Brüste zu entfernen. Das kommt in Deutschland etwa 120 mal im Jahr vor und kann durchaus sinnvoll sein. Ich habe diese Operation zum ersten Mal 1994 bei einer Frau mit einer sehr belasteten Krankengeschichte und einer BRCA Mutation in der Familie durchgeführt. Es geht ihr bis heute gut.“

Dr. Dorothee Speiser, Fachärztin mit Schwerpunkt familiärer Brustkrebs an der Berliner Charité: „Eine solche Operation durchzuführen, ist immer eine sehr individuelle Entscheidung. Viele Faktoren spielen dabei eine Rolle. Wie viele Erkrankte gibt es in der Familie und in welchem Alter sind sie erkrankt? Wie geht es der Patientin selbst? Ist sie noch gesund? Erst dann kann eine Entscheidung gefällt werden. Aber natürlich gibt es Frauen, bei denen eine solche prophylaktische Brustentfernung sinnvoll ist. Nicht verhindern kann man dadurch aber leider, dass die Mutation mit einem 50 Prozent Risiko vererbt wird.“

Prof. Andree Faridi, Chefarzt des Zentrums für Brusterkrankungen im Vivantes Klinikum Am Urban: „Wenn bei einer genetischen Untersuchung herauskommt, dass eine Frau eine BRCA 1 und BRCA 2 Veränderung hat, gibt es zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Die erste ist, die Frauen nehmen ab dem Alter von 25 Jahren an einem intensivierten Früherkennungsprogramm teil und werden engmaschig überwacht. Das ist für viele Frauen allerdings nervlich eine ziemliche Belastung. Sie fühlen sich wie auf einer tickenden Zeitbombe, denn immerhin haben sie ein Risiko von etwa 85 Prozent an Brustkrebs und von 30-50 Prozent, an Eierstockkrebs zu erkranken. Die betroffenen Frauen entscheiden sich dann immer häufiger – wie ja auch Angelina Jolie - für Möglichkeit zwei: die prophylaktische Entfernung der Brustdrüsenkörper. Wir führen diese bei Frauen ab dem 25 Lebensjahr durch, meistens mit sofortigem Wiederaufbau der Brust mit Implantaten. Die Entfernung der Eierstöcke wird nach abgeschlossener Familienplanung, nicht jedoch vor dem 35. bis 40. Lebensjahr empfohlen. Allerdings gibt es auch nach der Operation keine 100-prozentige Sicherheit, nicht an Brustkrebs zu erkranken. Denn ein bisschen Gewebe bleibt doch immer übrig. Das Risiko verringert sich allerdings um über 90 Prozent." “

Dr. Anke Kleine-Tebbe, Chefärztin im Brustzentrum der DRK-Kliniken Berlin-Köpenick: „Auf dem Gebiet des erblichen Brustkrebs- und Eierstockkrebs es hat es deutliche Fortschritte gegeben. Seit Entdeckung der beiden Gene BRCA 1 und BRCA 2 (Breast Cancer Gen 1 und 2) in den Jahren 1994 und 1995 haben sich die Deutsche Krebshilfe und zwölf universitäre Zentren der Aufgabe gewidmet, Frauen und Familien bezüglich ihres Erkrankungsrisikos für Brust- und Eierstockkrebs zu beraten. In diesen Zentren arbeiten Gynäkologinnen, Humangenetiker sowie Kolleginnen aus dem Bereich der Psychosomatik und der Radiologie zusammen. Mit der Erstellung eines kompletten Stammbaumes kann ein persönliches Risiko für eine Erkrankung ermittelt werden. Die Entscheidung zum Gentest erfolgt nach ausführlicher Aufklärung. Bei Nachweis einer Mutation wäre eine intensivierte Früherkennung für diese Betroffenen ratsam. Es gibt jedoch auch umfangreiche Daten, die belegen, dass durch die komplette Entfernung des Brustdrüsengewebes (auch der Brustwarze) das Risiko für Brustkrebs nahezu auf Null gesenkt werden kann. Frau Jolie hat diesen mutigen Weg gewählt. Die Akzeptanz einer vorbeugenden Brustdrüsenentfernung ist sehr vom sozialen und kulturellen Umfeld abhängig. Es gibt große Unterschiede zwischen den Ländern. In Deutschland entscheiden sich weniger als 10 Prozent der gesunden Frauen zu dieser vorbeugenden Operation.“

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