U-Bahnbau

Der 800-Tonnen-Kran vom Spreeufer beeindruckt Berlin

Ein 800-Tonnen-Kran entlädt ab Montag die Tunnelbohrmaschine für die neue Linie U5. Transport und Aufbau der beiden gigantischen Maschinen sind ein logistisches Großunternehmen zu Wasser und zu Lande

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Gerhard Rockert ist mit seinen 1,89 Metern beileibe kein Zwerg. Doch neben seinem Arbeitsgerät wirkt er winzig. 800 Tonnen schwer und 72 Meter hoch, steht der Kran seit Freitag fertig montiert am Spreeufer. Allein die Raupen, auf denen sich das knallrote Ungetüm im Schneckentempo fortbewegt, sind mannshoch. Der nüchterne Name des Giganten lautet LR 1600/2. Allein der Aufbau des Krans, europaweit einer der Größten seiner Art, hat fast eine Woche gedauert. Auf 45 Lastern, viele davon Schwerlasttransporter, wurde er von Mainz, dem Sitz von Rockerts Arbeitgeber Riga, nach Berlin gekarrt. 170 baumlange Holzbohlen, jede für sich 1,2 Tonnen schwer, mussten am Marx-Engels-Forum verlegt werden, um die gewaltige Masse der Maschine aufzunehmen.

Jetzt steht sie da, und neben ihr steht Gerhard Rockert, der 51 Jahre alte Kranführer, und schaut hinauf zu seiner Führerkabine. Was er zu dem noch fast fabrikneuen Kran des Herstellers Liebherr zu sagen hat, passt in ein Wort: „Megageil.“ Was dieses Gerät von gewöhnlichen Baukränen unterscheidet, dafür braucht er ein paar Worte mehr: „Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.“

2019 sollen die ersten Züge rollen

Seit der Riesenkran seinen Ausleger über die Spree streckt, ist er für Passanten und Schaulustige in Berlins historischer Mitte unübersehbar. Es geht vorwärts beim größten innerstädtischen Infrastrukturprojekt. Voraussichtlich 2019 sollen die ersten U-Bahn-Züge der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auf der verlängerten Linie U5 vom Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor fahren. Zusammen mit dem bereits fertiggestellten Teilstück (bisher U55 genannt) soll die neue U-Bahn-Strecke eine Anbindung des Hauptbahnhofs an die östlichen Stadtbezirke herstellen. Zum Projekt U5 gehören auch drei neue Bahnhöfe, die Kreuzungsstation Unter den Linden, wo ein Umstieg von der U5 zur U6 möglich wird, der Bahnhof Museumsinsel und die Station Berliner Rathaus.

Kernstück des 433-Millionen-Euro-Vorhabens der BVG ist aber der Tunnel unter der historischen Mitte der Stadt hindurch. Und den Tunnel kann es ohne den Kran nicht geben. Seine beeindruckende Hubleistung von maximal 600 Tonnen ist nötig, um den nicht minder mächtigen Tunnelbohrer in den Berliner Untergrund zu befördern.

Maulwurf auf Schiffen

Das Ganze ist ein Großunternehmen zu Wasser und zu Lande. Verantwortlich ist Logistikchef Marcus Wruck. Auf drei Schiffen sind die Einzelteile der sogenannten Schildvortriebsmaschine bereits in Berlin eingetroffen – von Schwanau in Baden-Württemberg über Kehl am Rhein und diverse Wasserwege bis zum Berliner Westhafen. Dort werden sie Anfang kommender Woche neu verladen, diesmal auf insgesamt fünf kleinere Schiffe, die die Spree befahren können. Kleinteile kommen außerdem auf Lastern zu Wrucks Baustelle.

Am Montagabend gegen 22 Uhr beginnt dann der Einsatz für Kranführer Rockert und seinen Kollegen Markus Knabe. Stück für Stück kommen die 14 großen Teile des Riesenmaulwurfs am eigens für den U5-Neubau geschaffenen Hafen an. Binnen einer Woche sollen sie entladen und auf dem Baustellengelände zwischengelagert sein. Gearbeitet wird vor allem nachts: eine Sicherheitsauflage, um den Verkehr mit Ausflugsschiffen nicht zu gefährden.

Dass ernstlich etwas schiefgehen könnte, wenn die Mainzer Facharbeiter ihre Kabine besteigen, daran mag niemand glauben. Fünf Kameras, Computer- und Funktechnik unterstützen die Kranführer. Jahrzehntelange Arbeitserfahrung bringen beide außerdem mit. „Und hier ist alles so gut geplant. Da kann nichts passieren“, versichert Rockert im gemütlichen Tonfall seiner rheinhessischen Heimat.

Acht Meter pro Tag durch das Erdreich

Sind die Schiffe erst einmal entladen, wird es abermals spektakulär. Dann nämlich wird der 800-Tonnen-Kran zu seinem neuen Standort am Startschacht für den Tunnelbau fahren. Knapp drei Tage wird er für die Strecke benötigen, die zu Fuß in wenigen Minuten zu bewältigen ist. Rampen werden dafür gebaut, die tonnenschweren Holzbohlen Stück für Stück neu verlegt. Erst dann beginnt der kniffligste Teil der Arbeit. In vormontierten Einzelteilen muss die Tunnelbohrmaschine mit der nicht minder nüchternen Typenbezeichnung S788 passgenau in ihren Startschacht am Marx-Engels-Forum abgesenkt werden. Die Endmontage erfolgt schließlich unter Tage.

Etwa Mitte Juli sollen alle Vorarbeiten abgeschlossen sein. Dann setzt sich die Maschine des badischen Herstellers Herrenknecht in Bewegung. Mit einer Tagesleistung von etwa acht Metern wird sie sich unter dem Zentrum hindurchgraben – 1,6 Kilometer bis zum Brandenburger Tor und wieder zurück. Gerhard Rockert wird dann schon längst wieder unterwegs sein, auf einer anderen Baustelle, irgendwo in Europa, mit seinem LR 1600/2.