Berlin

Bahnreise nach München so schnell wie im Flugzeug

Bislang dauert eine Fahrt von Berlin nach München mindestens sechs Stunden. Die Bahn will die Zeit ab 2017 auf unter vier Stunden drücken.

Foto: Frank Kniestedt/Deutsche Bahn AG

Mit der Bahn von Berlin nach München zu fahren, das ist nicht unbedingt die beste Empfehlung. Selbst die schnellen Intercity-Express-Züge (ICE) brauchen meist mehr als sechs Stunden für die 711 Kilometer lange Strecke. Kommen baubedingte Umleitungen dazu, dauert die Reise schnell mal eine Stunde länger. Doch das soll sich in einigen Jahren spürbar ändern.

Der ICE-Sprinter, der ohne Zwischenstopp die beiden Hauptstädte verbindet, soll nach den Plänen der Deutschen Bahn ab Ende 2017 die Strecke in drei Stunden und 45 Minuten zurücklegen. Mit dem Flugzeug dürfte die Reise inklusive An- und Abfahrt dann kaum schneller gehen. Ingulf Leuschel vom Bahnkonzern für Berlin sagte: „Der Zug ist dann auch für diejenigen, die es ganz eilig haben, eine echte Alternative.“

Möglich wird der deutliche Tempogewinn durch das derzeit aufwendigste und zudem teuerste Infrastrukturprojekt in Deutschland. Für insgesamt zehn Milliarden Euro wird die 500 Kilometer lange Eisenbahnverbindung Berlin-Nürnberg umfassend modernisiert und teils neu gebaut. Jeder Streckenmeter hat den Preis eines neuen Kompaktwagens.

Auch nach Nürnberg schneller

Kernstück des Vorhabens ist der Bau einer komplett neuen, 230 Kilometer langen Gleistrasse, die südlich des Bahnknotens Halle/Leipzig beginnt und bis ins oberfränkische Ebensfeld führt. Über die Neubau-Strecke sollen die ICE-Züge mit bis zu 300 Kilometern pro Stunde fahren. Über die derzeit genutzten Schienenwege durch das Saaletal und den Frankenwald können die Züge wegen der vielen Kurven und großen Steigungen oft nicht einmal halb so schnell fahren.

Bereits zum Fahrplanwechsel 2015 soll der Bahnverkehr auf der wichtigen Nord-Süd-Achse beginnen – dann erst einmal nur auf der Neubautrasse von Halle/Leipzig bis nach Erfurt. Zwei Jahre später soll dann die komplette Strecke bis Nürnberg nutzbar sein.

Die von Berlin 500 Kilometer entfernte Franken-Metropole könnte dann mit dem Zug schon nach zwei Stunden und 40 Minuten erreicht werden. Doch ein Zwischenstopp ist für die ICE-Sprinter nicht vorgesehen. Ein ICE mit sogenanntem Unterwegshalt wird nach dem Stand der Planungen von Berlin bis Nürnberg drei Stunden und zwölf Minuten (über Halle/Saale) oder drei Stunden und 19 Minuten für die etwas längere Strecke über Leipzig benötigen. Von dort aus braucht der Schnellzug dann noch einmal eine weitere gute Stunde bis zum Münchner Hauptbahnhof.

Längste Brücke Deutschlands kurz vor der Fertigstellung

Ihren Plänen ist die Bahn schon ein großes Stück näher gekommen. Gerade wurde an der Saale-Elster-Talbrücke – ein paar Kilometer südlich von Halle/Saale – das letzte Stück Beton gegossen. Lediglich eine kleine Stahlkonstruktion fehlt noch, um die mit 8,6 Kilometern dann längste Brücke Deutschlands fertig zu stellen. Zuvor waren bei Karsdorf (Sachsen-Anhalt) die 2668 Meter lange Überbrückung des Unstruttals und bei Buttstädt (Thüringen) der Durchbruch des 6970 Meter langen Finnetunnels gefeiert worden. „Die Strecke ist damit im Rohbau fertig, wir liegen bis heute voll im Zeitplan“, sagte Marcus Schenkel, Projektleiter für die Neubaustrecke Halle/Leipzig-Erfurt.

Bis Ende kommenden Jahres sollen auf der 123 Kilometer langen Neubaustrecke die Gleise liegen, im September 2014 sollen dann die Oberleitungen unter Strom genommen werden. Zwei Monate später wird die Signal- und Sicherungstechnik installiert. „Im Januar 2015 wollen wir dann mit den Testfahrten beginnen“, kündigte DB-Projektleiter Schenkel an.

Die Strecke sollte schon 2000 in Betrieb gehen

Nach den ursprünglichen Plänen sollte die Neubaustrecke bereits zur Jahrtausendwende in Betrieb gehen. Sie war Teil der besonders stark geförderten Verkehrsprojekte Deutsche Einheit (VDE), die in der Euphorie der deutschen Wiedervereinigung Anfang der 90er-Jahre beschlossen worden waren. Für die Projekte gab es extra Geld, zudem halfen besondere Gesetze die notwendigen Plan- und Baugenehmigungsverfahren deutlich schneller als sonst abzuschließen.

Auch an der Strecke Leipzig/Halle-Erfurt konnten die Arbeiten bereits im Oktober 1996 gestartet werden. Doch die 1998 gewählte erste rot-grüne Bundesregierung setzte kurz darauf andere Prioritäten und wollte mehr Geld für bereits bestehende Strecken ausgeben. Der damalige Verkehrsminister Franz Müntefering (SPD) stoppte 1999 das Vorhaben. 2003 kam es dann zum Sinneswandel, auch weil das Projekt Teil des Konzepts Transeuropäische Netze (TEN) ist und damit von der EU finanziell gefördert wird. Brüssel will den stetig wachsenden Güterverkehr stärker von der Straße auf die Schiene verlagern.

Kritiker sprechen von der „längsten U-Bahn der Welt“

Die Verantwortlichen der Bahn verweisen auf die Vorteile der nun realisierten. „Wir passieren den Thüringer Wald an seiner schmalsten Stelle“, sagte Sprecher Frank Kniestedt. Auch die Trasse durch den Frankenwald sei kürzer als bei anderen Routen. Dennoch führt die insgesamt 230 Kilometer lange Neubaustrecke zwischen Leipzig und Ebensfeld auf einer Länge von 26 Kilometern über Brücken und 56 Kilometer durch Tunnel. Kritiker sprechen deshalb auch gern von der „längsten U-Bahn“ der Welt.

Führt die Gleisstrecke mitten durch Naturschutzgebiete können die Kosten rasch explodieren. So wird die 8577 Meter lange Talbrücke, die auf insgesamt 216 Pfeilern durch die auch ökologisch bedeutsame Saale-Elster-Aue führt, allein 150 Millionen Euro kosten. Und für den 6970 Meter langen Finnetunnel sind weitere 249 Millionen Euro veranschlagt. Für den Bahn-Bevollmächtigten Leuschel ist das gut angelegtes Geld. Er sagt: „Die Generationen nach uns werden es uns danken.“

Die Teilnahme an einer Reise entlang der Strecke wurde unterstützt von der Deutschen Bahn AG. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie in den Leitlinien der journalistischen Unabhängigkeit bei Axel Springer.

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