Gewaltexzess

Schlägerei am Alex - Polizei spricht von „nackter Mordlust“

Unbekannte haben einem 20-Jährigen in Berlin-Mitte immer wieder gegen den Kopf getreten. Mediziner geben dem Opfer kaum Überlebenschancen.

Foto: Steffen Pletl

Erneut erschüttert ein Gewaltexzess die Hauptstadt: Eine bislang unbekannte Gruppe arabischer oder türkischer Männer hat in der Nacht zum Sonntag einen 20 Jahren alten Vietnamesen niedergeschlagen und den am Boden Liegenden so stark gegen den Kopf getreten, dass er schwerste Schädelverletzungen erlitt. Er habe keine Überlebenschance, hieß es bei der Polizei. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) und auch die CDU sprachen am Sonntag von einer nicht mehr hinnehmbar sinkenden Schwelle zur Gewalt, erfahrene Kriminalbeamte sogar von „nackter Mordlust“. Die Ermittlungen zu den Tätern und den Hintergründen laufen auf Hochtouren. Die Mordkommission des Landeskriminalamtes hat den Fall übernommen.

Auf dem Heimweg

Gegen 4 Uhr hatte das spätere Opfer zusammen mit zwei 25 und 29 Jahre alten Freunden eine Geburtstagsparty in Mitte verlassen und war an der Rathausstraße unterwegs. Die drei hatten getrunken, nach Polizeiangaben soll der 20-Jährige deswegen Schwierigkeiten beim Gehen gehabt haben. „Seine Freunde setzten ihn auf einen Stuhl, der vor einem Restaurant stand, um anschließend ein Taxi zu suchen“, sagte Polizeisprecher Martin Dams am Sonntag. Wenig später erschien eine Gruppe, einer der noch unbekannten Täter trat dem 20-Jährigen den Stuhl weg, sodass dieser zu Boden ging. Als er wieder aufstehen wollte, wurde er mit einem wuchtigen Faustschlag niedergeschlagen. Anschließend sollen sechs oder sieben Männer über ihn hergefallen sein und immer wieder gegen seinen Kopf getreten haben, berichteten Zeugen. Als ein 29-jähriger Freund des Opfers zu Hilfe eilen wollte, wurde auch dieser geschlagen. Dann flüchtete die Gruppe.

Als die Freunde des Opfers die Polizei und Feuerwehr alarmierten, war der 20-Jährige bereits tot. Den Rettungskräften gelang es, das Opfer noch an Ort und Stelle zu reanimieren und danach in ein Krankenhaus zu transportieren. Die Diagnose der Ärzte war für die Angehörigen und Freunde niederschmetternd: Die Mediziner geben dem Opfer keine Überlebenschance. Nach Angaben eines Freundes muss jede Minute mit dem Tod gerechnet werden. „Wir können nicht verstehen, warum ihm das angetan wurde. Er hat niemandem etwas zu leide getan.“

Nach Angaben der Polizei hat es vor der Attacke keinen Streit zwischen den Tätern und ihrem Opfer gegeben. „Bei dem Angriff selbst wurde auch so gut wie nicht gesprochen. Es hat den Anschein, dass es den Schlägern nur darum ging, jemanden fertig zu machen. Dabei wurde in Kauf genommen, dass derjenige stirbt“, sagte ein Ermittler. „Wer einem am Boden Liegenden gegen den Kopf tritt, und das in Tatbeteiligung mit mehreren Komplizen, dem ist das Leben eines anderen Menschen egal.“ Das sei kein Stressabbau, sondern „nichts weiter als nackte Mordlust“, so der Kriminalbeamte.

Die Polizei hat inzwischen Hinweise darauf, dass sich die Tätergruppe vor der Schlägerei in einem Club am Alexanderplatz aufgehalten hat. Dort wird intensiv ermittelt. Zudem haben Experten der Spurensicherung am Sonntagvormittag den Tatort untersucht, die Auswertungen dauern noch an. Die 1. Mordkommission hat die Ermittlungen übernommen, Hinweise von Zeugen nehmen die Beamten unter der 4664 911 100 sowie jede andere Polizeidienststelle entgegen. Die Chancen, die Täter zu bekommen, stünden nach Einschätzung eines Polizeibeamten nicht schlecht.

Passanten sind schockiert

Anwohner des Alexanderplatzes zeigten sich ob der neuen Gewalttat erschrocken. „Leider sind solche Dinge hier keine Seltenheit mehr“, berichtete eine Rentnerin. „Erst vor kurzem wurde hier am Bahnhof ein junger Mann niedergeschossen, jetzt der Angriff auf den Vietnamesen. Es scheint, dass man nirgendwo mehr sicher ist.“ Zwei Touristen aus der Schweiz dachten zunächst, dass ein Film gedreht wurde: „So dicht am Sitz des Regierenden Bürgermeisters eine solche Tat, Berlin scheint sehr gefährlich zu sein.“

Der brutale Übergriff und auch die anderen Taten in der Nacht zum Sonntag haben die Diskussion über zunehmende Gewalt neu entfacht. Der Vorsitzende des Innenausschusses, Peter Trapp (CDU), bezeichnete die Taten als furchtbar. „Man sieht leider mehr und mehr, dass die Hemmschwelle zum Einsetzen von Gewalt drastisch sinkt.“ Gefragt seien nicht nur die Ermittlungsbehörden, solche Täter schnell zu stellen. „Auch die Justiz muss deutlicher als bisher durch Urteile in den Gerichtsprozessen klarmachen, dass so etwas nicht geduldet wird. Urteile müssen abschrecken.“

Der Geschäftsführer der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Berlin, Klaus Eisenreich, spricht von einem gesamtgesellschaftlichen Problem. „Der Begriff Ordnung ist in Deutschland leider negativ belegt, man gilt als ordentlicher Mensch gleich als Spießer. Das macht sich auch in vielen Familien bemerkbar, oftmals findet Erziehung nicht mehr in dem Maße statt, wie es erforderlich wäre. Dazu gehört auch, den Kindern Gewaltlosigkeit zu vermitteln“, sagte Eisenreich. Auch die Verrohung der Sprache trage dazu bei. „Man muss leider den Eindruck gewinnen, dass sich die Menschen nicht mehr umeinander kümmern. Das führt dazu, dass die Hemmschwelle zur Gewalt sinkt und nicht einmal mehr vor wehrlosen Opfern wie alten und behinderten Menschen halt gemacht wird“, so der Berliner GdP-Vertreter. Es werde in Kauf genommen, dass jemand sterbe. „Auch wenn es abgedroschen klingt, aber die Polizei kann in Berlin nicht mehr präventiv agieren, sondern nur noch reagieren, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist.“ Er kritisierte in diesem Zusammenhang auch, dass der Senat 4000 Polizisten eingespart habe. „Mehr Polizeipräsenz auf den Straßen könnte die eine oder andere Tat verhindern“, zeigte sich Eisenreich überzeugt.