Prozess in Berlin

Gilt Ohrenstechen bei Kindern als Körperverletzung?

Nach der Beschneidungsdebatte drückt sich ein Berliner Gericht vor einem wegweisenden Urteil. Nun könnte ein weiteres Verfahren folgen.

Eines hat der Zivilprozess vor dem Amtsgericht Lichtenberg gebracht: Die dreijährige Leonie bekommt 70 Euro für ihr Sparschwein. Dafür hat sie nur im linken Ohr einen Ohrstecker. Und ob sie jemals auch am rechten Ohr einen Ohrstecker trage wird, bleibt abzuwarten. Leonie, hieß es am Freitag während der Verhandlung mehrfach, sei traumatisiert.

Im Dezember 2011 soll Leonie „ihre Eltern immer wieder gelöchert haben“, so der Anwalt der Eltern, sich Löcher für Ohrringe stechen zu lassen. Die Eltern gaben nach und entschieden sich für ein Tattoo-Studio im Stadtteil Lichtenberg. Tattag war der 16. Dezember.

Und es begann schon mit Pannen. Zweimal, steht in den Gerichtsunterlagen, wurden die Punkte für die Löcher falsch angezeichnet. Beim dritten Versuch waren die Eltern zufrieden. Leonie wurde auf den Schoß der Mutter gesetzt. Zwei Mitarbeiterinnen des Tattoo-Studios setzten an jeweils einem Ohr die Lochmaschine an. Ziel war es, gleichzeitig in beide Ohren zu schießen, damit das Kind nur einmal den Schmerz erleiden muss. Der würde ohnehin sehr klein sein, hieß es, weil Leonies Ohren zuvor mit einer Spezialcreme betäubt wurden.

Löcher nicht symmetrisch geschossen

Anschließend weinte das Kind trotzdem. Vielleicht war es auch der Schreck. Wenig später stellte Leonies Vater fest, dass die Löcher nicht symmetrisch waren. Die Mitarbeiterinnen des Tattoo-Studios sahen es ähnlich und erließen sämtliche Kosten. Vermutlich in der Hoffnung, dass die Sache damit erledigt sei. Doch es sollte anders kommen: Leonie war auch nach zwei Tagen nicht bereit, die Eltern an das rechte Ohr heran zu lassen.

Am 19. Dezember suchten sie mit dem Kind einen Arzt auf. Es konnte aber nichts festgestellt werden: keine Entzündung und auch keine anderen sichtbaren Folgeschäden. Dennoch wandten sich die Eltern im Januar wegen des missglückten Ohrloches und der Schmerzen der Tochter an die Inhaberin des Tattoo-Studios und schlugen ihr einen Vergleich vor: 70 Euro für die Tochter und die Erstattung vorgerichtlicher Anwaltskosten in Höhe von 51,78 Euro plus Zinsen. Die Tattoo-Studio-Inhaberin lehnte ab. Und so wurde das – inzwischen längst wieder zugewachsene – Loch im rechten Ohr Thema dieses Prozesses.

Nie zuvor war das kleine Amtsgericht derart von Presse belagert. Das hat viel auch mit der Entscheidung des Landgerichts Köln zu tun, das im Juni die Beschneidung eines vierjährigen Jungen als rechtswidrige Körperverletzung wertete und damit einen Sturm des Protests in muslimischen und jüdischen Gemeinden auslöste. Die Sache mit dem Ohrring, so scheint, scheint ähnlich gelagert. Auch in diesem Fall gab es einen Eingriff an einem Kind, der medizinisch nicht geboten war.

Ein Fall für zukünftige Promotionen

So hatte das Amtsgericht Lichtenberg, die Chance, Rechtsgeschichte zu schreiben. Richter Uwe Kett versuchte das, wie es Eigenart von Richtern ist, ein wenig herunter zu spielen: „Ein normaler Mensch denkt bei diesem Fall, was soll der Quatsch“ sagte er. „Erst sind die Eltern mit dem Kind in das Tattoo-Studio gegangen, haben also eingewilligt, und jetzt klagen sie.“

Er müsse jedoch anders an die Sache heran gehen. „Das Ethische und Moralische an diesem Fall interessiert mich nicht, mich interessiert das Recht.“ Kett deutete einige Schwerpunkte an: die Frage, ob ein Kind in der Lage sei, eine Einwilligung für einen körperlichen Eingriff zu geben.

Oder die Diskussion um Schmerzensgeld – immerhin müsse das Kind, das vermutlich irgendwann auch im rechten Ohr einen Ohrstecker haben will, wegen der fehlerhaften Arbeit im Tattoo-Studio noch einmal einen Schmerz erleiden. Der brisante Fall könnte Grundlage sein für zukünftige Promotionen.

Doch Kläger und Beklagte entschieden sich am Ende für die bequemere Lösung: einen von Kett angeregten Vergleich: Leonie bekommt 70 Euro fürs Sparschwein. Die Gerichtskosten von 25 Euro werden geteilt. Die Anwaltskosten übernehmen die jeweiligen Mandanten.

Vom Tisch ist die Sache nicht. Richter Kett kündigte an, er werde die Akten „wahrscheinlich“ an die Staatsanwaltschaft reichen. „Nachdem ich gebellt habe, muss ich nun auch beißen“, sagte er. Die Strafrechtler werden dann prüfen, ob ein Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung eröffnet wird. Nicht zuletzt wegen des „Beschneidungs-Urteils“ des Landgerichts Köln. Wen es dann treffen könnte, ist offen: de Inhaberin des Tattoo-Studios, ihre Mitarbeiterinnen oder auch Leonies Eltern, alles scheint möglich.