Kalter Krieg

Wie die DDR einen US-Spionagetunnel nutzte

Erstmals sind in Reste der spektakulären „Operation Gold“ entdeckt worden. Sie war eine der spektakulärsten Aktionen der USA.

Die DDR-Staatssicherheit hatte sich gut vorbereitet: 30 Mann, bewaffnet mit Kalaschnikows und Pistolen, Handgranaten und „Kampfstoffen“, standen Anfang 1967 bereit, außerdem drei Spezialisten des „Tunnelzuges“, der zuständig war für das Aufspüren und Zerstören von Fluchttunneln unter der Berliner Mauer. Ihr Auftrag: die „Liquidierung eines vermutlichen Tunnelobjekts“ zwischen Rudow in West- und Altglienicke in Ost-Berlin, nicht weit vom Flughafen Schönefeld entfernt.

Selbst die in der DDR scheinbar allmächtige Stasi wusste nicht, dass auf ostdeutscher Seite der Spionagetunnel des US-Geheimdienstes CIA (Central Intelligence Agency) und seines britischen Verbündeten SIS (Secret Intelligence Service) schon bald nach seiner offiziellen Entdeckung im April 1956 ausgebaggert worden war. Bislang war unklar, was aus den Tunnelsegmenten, die aus starken Wellblech-Elementen bestanden, geworden ist. Jetzt sind mehrere der typischen Bauteile wieder im Kirchenforst in Pasewalk, etwa 120 Kilometer nordöstlich Berlins in Mecklenburg-Vorpommern, wieder aufgetaucht.

Ein merkwürdiger Hohlraum im Waldboden

Aufgefallen war das Relikt des Kalten Krieges Werner Sobolewski, einem ehemaligen Zivilbeschäftigten der NVA und später der Bundeswehr. Anfang August war der 62-Jährige beim Holzschlagen auf einen merkwürdigen Hohlraum im Waldboden gestoßen. Als er seinen Fund genauer untersuchte, bemerkte er die teilweise im Boden vergrabene Metallröhre. Sobolewski vermutete, dass es sich um einen Teil des legendären Spionagetunnels handeln könnte, und verständigte das dafür zuständige Alliiertenmuseum Berlin.

Der Historiker Bernd von Kostka, im Museum zuständig unter anderem für spektakuläre Spionagefälle, konnte bestätigen, dass es sich tatsächlich um mehrere Elemente des Tunnels handelt. Unter anderem die besondere Art der Vernietung und Reste der Befestigungen von Seilzügen im Inneren beweisen das. Bereits 1997 waren Reste des Tunnels auf ehemals West-Berliner Gebiet geborgen worden; sie sind heute neben einer Rekonstruktion des Tunnels im Alliiertenmuseum zu sehen.

Bei der „Operation Gold“, so der populäre Name der in Wirklichkeit bei den westlichen Geheimdiensten „PB Jointly“ genannten Aktion, handelte es sich um die vielleicht frechste, mit Sicherheit jedoch um eine der aufwendigsten Unternehmungen in Berlin, der Hauptstadt der Spione, in den Fünfzigerjahren. Schon in Wien, damals von allen vier Siegermächten gemeinsam verwaltet, hatte der britische Geheimdienst SIS mehrere erfolgreiche Abhöraktionen umgesetzt.

Das Gleiche planten die Briten zusammen mit ihren Kollegen von der CIA für Berlin – ebenfalls eine Stadt unter Vier-Mächte-Status, aber mit getrennten Sektoren. Hier verliefen von den Sowjets genutzte Telefonkabel allerdings nicht durch einen westlichen Sektor – jedoch nicht weit davon entfernt. Man musste sie buchstäblich „angraben“.

Der KGB wusste von dem Projekt

Interessant war vor allem ein Hochleistungskabel der ehemaligen Wehrmacht parallel zur Schönefelder Chaussee in Altglienicke, über das ein Großteil der Informationen der Roten Armee in der DDR flossen. Seit August 1954 wurden die Arbeiten vorbereitet: Auf westlicher Seite wurde eigens eine vermeintliche Radarstation gebaut, die doch nur den Bauarbeiten des Tunnels verdecken sollte. Bis Ende Februar 1955 gruben Spezialisten des Ingenieurs-Korps der US-Armee einen 450 Meter langen Tunnel mit 1,94 Metern Innendurchmesser, abgesichert mit speziellen runden Blechelementen. Rund 3000 Tonnen Erde mussten herausgeschafft werden, 125 Tonnen Stahl wurden verbaut.

Bis Mai 1955 dauerten die Arbeiten an der Innenausstattung unter größter Geheimhaltung, dann gelang das Anzapfen der Telefonleitungen. In den kommenden elf Monaten wurden mehr als 440.000 geheime Gespräche der Roten Armee mitgeschnitten und eine gewaltige Anzahl von Telegrammen kopiert. Erst als im April 1956 ein heftiger Regenguss die angezapfte Stelle frei spülte, flog der Spionagetunnel auf.

In Wirklichkeit wusste der KGB von seinem Top-Spion im SIS George Blake von Anfang an von dem Projekt. Um den Agenten nicht zu gefährden, unternahmen die Sowjets aber nichts, sondern nahmen in Kauf, dass Geheimnisse der Roten Armee in die Hände der Amerikaner und der Briten gelangten. Deshalb war die Operation trotz exorbitanter Kosten letztlich ein großer Erfolg für die CIA: Der erst 1947 gegründete Geheimdienst hatte bewiesen, dass spektakuläre Großoperationen im Spionagegeschäft gelingen konnten.

NVA nutzte die Reste des Tunnels

Nach der offiziellen Entdeckung des Tunnels wurden der auf DDR-Gebiet gelegene Teil ohne Rücksicht auf die Rechte der Landbesitzer abgebaggert: „Fast die Hälfte unserer Obstplantage verschwand, der Mutterboden wurde beiseite gekarrt“, erinnert sich Dagmar Feick ein halbes Jahrhundert später an die Sorgen ihrer Eltern: „Wir hatten dann den Lehmboden oben statt unten.“ Später war das Areal Teil des Todesstreifens um West-Berlin, heute verläuft die neue Autobahn zum künftigen Großflughafen BER nicht weit entfernt.

Vermutlich nutzte die DDR-Armee die auf Ostseite ausgegrabenen Stahlteile zu Übungszwecken, möglicherweise auch als Zementsilos. Daran jedenfalls können sich Zeitzeugen erinnern. Dass die Reste im Pasewalker Kirchenforst liegen, war dem örtlichen Förster bekannt, doch er konnte sie nicht zuordnen. Erst Werner Sobolewski erkannte ihren historischen Wert.

„Dass diese Teile nach 56 Jahre durch Zufall in einem Waldstück bei Pasewalk entdeckt werden, ist schon eine sensationelle Nachricht“, sagt Historiker Bernd von Kostka: „Mit der physischen Existenz von Segmenten aus dem Ostteil der Stadt, kann diese spannende Geschichte des Kalten Krieges jetzt umfassend darstellt werden.“

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