Zwangsarbeit

Möbelkette Ikea will Stasi-Vorwürfe prüfen

Vorwürfe gegen den Möbelriesen Ikea: In den 80er-Jahren sollen in der DDR Zwangsarbeiter zum Bau der Produkte eingesetzt worden sein.

Foto: dpa

Jung, bunt, hip und mit den Kunden stets auf Du – das ist das Image von Ikea. Federleicht und supergünstig scheint schickes Wohnen, wenn die Möbelkette mit Slogans wirbt wie „Lebst du noch oder wohnst du schon?“

Doch was ein ums andere Mal aus der Vergangenheit des schwedischen Erfolgshauses ans Licht kommt, hat oft bedrückende Züge. Für diesen Mittwoch hat der schwedische Fernsehsender SVT einen Bericht darüber angekündigt, wie das Unternehmen in den 80er-Jahren in der DDR politische Gefangene als Zwangsarbeiter eingesetzt hat.

Ob dieser Vorwurf stimmt, will der Konzern nun selbst prüfen. Die zuständige Ikea-Sprecherin Jeanette Skjelmose sagte, das Unternehmen habe bereits mit dem Studium von Unterlagen der Berliner Stasi-Unterlagenbehörde begonnen.

„Bisher sieht es so aus, als ob niemand bei Ikea davon wusste“, sagte Skjelmose. Nach ähnlichen Berichten in deutschen Medien habe das Unternehmen dann aber schon im Herbst mit eigenen Nachforschungen begonnen.

Ikea hatte seit den 60er-Jahren Möbel unter anderem in Polen und in der DDR fertigen lassen. Laut SVT fand ein Reporter Belege für die Zwangsarbeit in den 70er- und 80er-Jahren in Stasi-Unterlagen. In der DDR mussten viele Häftlinge für Firmen arbeiten.

Die Insassen wussten oft nicht, an welche Unternehmen ihre Waren gingen und aus welchem Land die DDR die Aufträge bekommen hatte. Auch politische Häftlinge, die wegen „staatsfeindlicher Hetze“ oder „versuchter Republikflucht“ einsaßen, mussten solche Arbeiten verrichten.

Mindestens 65 Werke in der DDR

Der WDR hatte in der Sendung „Markencheck“ bereits im vergangenen Sommer berichtet, dass Ikea in den 70er-Jahren Möbel in der DDR produzieren ließ. Dies belegten Stasi-Unterlagen aus dem ehemaligen VEB Sitzmöbelwerk Waldheim.

In dem Film wurde auch ein Mann zitiert, der als politischer Häftling anerkannt ist und Scharniere und Beschläge für Ikea hergestellt haben will. Unter Berufung auf die Stasi-Unterlagen berichtete der WDR, es habe mindestens 65 Produktionsstätten für Ikea-Möbel in der DDR gegeben.

Den Unterlagen eines Stasi-Spitzels zufolge habe Ikea-Gründer Ingvar Kamprad damals „eine offizielle Erklärung abgegeben, dass er von einer solchen Produktion keine Kenntnis hatte, die aber, wenn es sie gibt, nach Ansicht von Ikea durchaus im gesellschaftlichen Interesse läge“.

Nach dem Ende der DDR sei es Ikea im Osten Deutschlands zu teuer geworden, hieß es im WDR-Bericht. Wenige Jahre später habe das Unternehmen neue Produktionsmöglichkeiten in Nordkorea gesucht. Daraus sei nichts geworden, dagegen habe Ikea lange in Birma produziert, später dann in Weißrussland.

Die angekündigte Dokumentation des schwedischen Senders SVT schlägt im Heimatland des Konzerns nun schon vorab hohe Wellen. Bereits am Wochenende hatte eine Ikea-Vertreterin der schwedischen Nachrichtenagentur TT gesagt, bislang gebe es keine Hinweise darauf, dass Ikea Häftlinge als Arbeiter angefordert oder auch nur davon gewusst habe.

Ikea nehme aber „diese Angelegenheit äußerst ernst“. Es sei völlig klar, dass der Einsatz von politischen Gefangenen als Zwangsarbeiter für Ikea „total inakzeptabel“ gewesen wäre. Eine BStU-Sprecherin in Berlin bestätigte unterdessen, „erste Unterlagen“ aufgrund eines Forschungsantrages an Ikea herausgegeben zu haben.

Milliardär mit Macken

Der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, forderte Ikea auf, ehemalige politische Gefangene in der DDR im Falle einer Zwangsarbeit finanziell zu entschädigen. „Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, dass Ikea von der Häftlingsarbeit in der DDR profitiert hat, dann muss das Unternehmen die Betroffenen auch entschädigen“, sagte Knabe.

Der Historiker sprach sich zudem dafür aus, dass die Stasi-Unterlagenbehörde ein Gutachten erstellen und dafür Einblick in das Firmenarchiv von Ikea bekommen solle. Es reiche nicht, wenn Ikea die Vorgänge in der DDR selber überprüfe.

Das 1943 in Schweden gegründete Familienunternehmen ist der größte Möbelhersteller der Welt und mit knapp 300 Filialen in fast 30 Ländern vertreten. Im vergangenen Jahr machte Ikea einen Umsatz von rund 25 Milliarden Euro.

In den letzten Jahren sorgte das Unternehmen aber immer wieder für Negativ-Schlagzeilen. So musste Ikea Frankreich erst vor kurzem nach dem Vorwurf der Bespitzelung von Mitarbeitern und Kunden schwere Fehler einräumen und kündigte Konsequenzen in seiner Personalführung an.

Vor allem aber Unternehmensgründer Kamprad selbst gerät immer wieder ins Zwielicht. Der 86-Jährige ist einer der reichsten Männer der Welt, gibt sich aber kauzig. Trotz eines geschätzten Vermögens von 20 Milliarden Dollar begnügt er sich mit einem 13 Jahre alten Volvo und auf Flügen mit der Economy Class.

Doch es kursieren Berichte über massive Steuerhinterziehungen, die Kamprad stets zurückweist. Sein Unternehmen soll er indes über eine Stiftung in Liechtenstein kontrollieren. Schwerer noch wiegen politische Vorwürfe: Mitte der 90er-Jahre hatte Kamprad zugegeben, während des Zweiten Weltkriegs einer faschistischen Jugendbewegung in Schweden angehört zu haben. Obwohl er das als „größten Fehler“ seines Lebens bezeichnete, äußerte er auch danach noch Sympathie für die schwedischen Faschisten.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.