Integration

Gekommen, um zu lernen - Roma in Berlin

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Regina Köhler und Florentine Anders

Foto: Marion Hunger

Die Suche nach einem besseren Leben treibt viele Roma nach Berlin, vor allem in den Bezirk Neukölln - für Schulen eine Herausforderung.

Die Kinder sind zapplig. Sie haben eigentlich schon Unterrichtsschluss. Für ein Foto mit Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) bleiben sie dann aber doch noch im Klassenraum. Die meisten sind sechs oder sieben Jahre alt, alle haben schwarze Haare und dunkle Augen. Es sind Roma-Kinder. Seit August besuchen sie eine Spezialklasse der Neuköllner Hans-Fallada-Grundschule. Anfangs konnten sie kein Wort Deutsch, inzwischen verstehen sie schon eine ganze Menge. Auch, dass man jeden Tag zur Schule kommen muss und dass es dort bestimmte Regeln gibt, haben sie schon gelernt.

Bildungssenatorin Scheeres will sich vor Ort ein Bild davon machen, wie die Schulen es schaffen, die Roma-Kinder zu integrieren und wie sie dabei unterstützt werden können. „Neben zusätzlichen Lehrkräften brauchen wir Kultur- und Sprachmittler, die sich um diese Kinder kümmern“, sagt sie. „Und zwar nicht nur in Neukölln, sondern auch in Bezirken wie Mitte oder Reinickendorf.“ Sie wolle sich für eine landesweite Lösung einsetzen, sagt Scheeres.

Die Spezialklasse der Fallada-Schule besteht aus nur 17 Schülern. Sie werden von zwei Lehrkräften betreut. Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) sagt, dass diese Konstellation wünschenswert, bisher aber die Ausnahme sei. „Gegenwärtig haben wir in Neukölln für 31 betroffene Schulen nur elf zusätzliche Lehrkräfte.“ Das sei viel zu wenig, zumal immer mehr Roma-Familien in den Bezirk kämen und ein Ende dieses Zuzugs nicht absehbar sei. „Allein an der Hans-Fallada-Schule sind 90 der 400 Schüler rumänischer oder bulgarischer Herkunft. Bald werden es mehr als 100 sein“, sagt Giffey. Insgesamt würden zurzeit 700 Roma-Kinder an Neuköllns Schulen lernen. Tendenz steigend.

"Europäische Armutswanderung"

Doch es fehlen nicht nur Lehrer. An den Oberschulen fehlen auch freie Plätze. „50 rumänisch- und bulgarischstämmige Schüler stehen bereits auf einer Warteliste“, sagt Giffey. Dabei hätten sie ein Recht darauf, zur Schule zu gehen. Die Politikerin spricht von einer dramatischen Lage. Die Schulen müssten besser mit Personal ausgestattet werden, fordert sie. „Das Ganze ist aber nicht nur ein Problem der Bildungsverwaltung. Wir haben es mit einer europäischen Armutswanderung zu tun, auf die wir angemessen reagieren müssen.“

Die Zahl der in Deutschland gemeldeten Rumänen und Bulgaren ist seit 2007 – in diesem Jahr sind beide Länder der EU beigetreten – um 125 Prozent gestiegen. Sie dürfen in Deutschland selbstständig arbeiten und ein Gewerbe anmelden. In Berlin sind derzeit 20.000 von ihnen gemeldet. Besonders betroffen von den Zuzügen sind neben Neukölln die Bezirke Reinickendorf, Mitte und Tempelhof-Schöneberg. In Reinickendorf sorgte jüngst ein öffentlicher Hilferuf von Lehrern einer Grundschule für Aufsehen. Die Pädagogen fühlten sich allein gelassen mit den Schülern, die kein Deutsch verstehen und bisher kaum eine Schule oder Kita besucht haben. Daraufhin wurde ihnen sowie weiteren betroffenen Schulen zusätzliches Personal gestellt, damit sie kleine Teilungsgruppen einrichten konnten.

Derzeit gibt es in Reinickendorf vier solcher Gruppen mit zehn bis 15 Kindern an Grundschulen und vier an Oberschulen. Neukölln hat vier Spezialklassen an Grundschulen, drei weitere sollen an Oberschulen gebildet werden, sobald zusätzliche Lehrkräfte da sind. Reinickendorfs Bildungsstadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU) gibt allerdings zu bedenken, dass es schwer sei, „Pädagogen zu finden, die auch die Sprache der Roma sprechen“. Fremdsprachenlehrer etwa für Französisch könnten zwar Deutsch vermitteln, aber es sei auch wichtig, mit den Eltern zu kommunizieren, so Schultze-Berndt.

Die ersten Schwierigkeiten würden sich schon ergeben, wenn die Kinder an der jeweiligen Grundschule angemeldet werden. Dann sei es zum Beispiel sehr schwer, den Eltern zu erklären, wann, wo und warum sie mit ihrem Kind zur Schuleingangsuntersuchung müssen.

Ähnlich stark von Zuzügen aus Südosteuropa betroffen wie Neukölln ist der Bezirk Mitte. „Die Roma und Sinti ziehen dorthin, wo der Wohnraum günstig ist“, sagt Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD). In Mitte seien das vor allem die Quartiere in Moabit, Wedding und Gesundbrunnen. Da die Kinder in die Grundschule gehen müssten, die dem Wohnort am nächsten liegt, gebe es Schulen, an denen ein Viertel aller Schüler aus Roma-Familien kommen, so Hanke.

Mitte hat bereits gemeinsam mit Selbsthilfeorganisationen der Roma Konzepte erarbeitet, um vor allem Kinder und Jugendliche zu fördern. „Wir gehen davon aus, dass die Familien bleiben, betrachten sie also von Anfang an als Einwanderer“, sagt Hanke. Die Schwierigkeiten und Bedürfnisse seien sehr unterschiedlich. Es gebe Familien, die sehr bildungsorientiert seien und gerade deshalb nach Deutschland kämen, so Hanke. Andere müssten besonders betreut werden, weil sie durch die jahrelange Unterdrückung und Ausgrenzung in ihren Heimatländern traumatisiert seien.

Es gebe aber auch Familien, die völlig anders funktionierten, sagt Hanke. „Da haben wir es zum Beispiel mit der Frühverheiratung von Mädchen und Jungen und minderjährigen Eltern zu tun.“ Der Bezirk könne nicht allein auf die Situation reagieren, deshalb sei es gut, dass jetzt eine Steuerungsgruppe vom Senat eingesetzt werde. Zudem erwartet Hanke auch Hilfe von der Europäischen Union.

Eine der beiden zusätzlichen Lehrkräfte, die an der Fallada-Schule arbeiten, ist Charlotte Szabo. Die junge Frau hat in Rumänien eine Lehrerausbildung gemacht, die in Deutschland bislang nicht anerkannt wurde. Nun unterrichtet sie die Kinder der Spezialklasse. Am Schwierigsten sei jedoch die Arbeit mit den Eltern, sagt sie. Die meisten hätten keine Schule besucht, viele könnten weder lesen noch schreiben. „Ich muss sehr viel dolmetschen, werde ständig um Hilfe gebeten.“ Neben der Arbeit in der Klasse sei das alles kaum zu schaffen.

Auch Oana Bauer, eine rumänische Lehrerin an der Neuköllner Eduard-Möricke-Grundschule, kann ihre Arbeit kaum noch bewältigen. „Ich bin an der Möricke-Schule allein für 50 Roma-Schüler zuständig“, sagt sie und hofft nun, dass wenigstens ihre Dreiviertelstelle zum kommenden Schuljahr aufgestockt wird. Bildungssenatorin Scheeres hat bei ihrem Schulbesuch zumindest zugesagt, dass die befristeten Verträge von Lehrkräften wie Szabo und Bauer bis Ende des Schuljahres 2012/13 verlängert werden.

Priester schickt Kinder zur Schule

Nicht nur die Bildung, auch die Unterkunft der vielen zugezogenen Roma ist zunächst oft ein Problem. Fast alle Roma-Kinder, die die Fallada-Grundschule besuchen, leben beispielsweise in einem Wohnblock an der Harzer Straße, nur wenige Meter von der Schule entfernt. Dort sind gerade sämtliche Häuser eingerüstet. Im Juli vergangenen Jahres hat die Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft den Wohnkomplex gekauft. Jetzt wird er saniert. Die Wände werden gedämmt und neu verputzt, die Fenster ausgetauscht. In den Kellerräumen eines der Häuser soll sogar ein Theater entstehen.

An diesem Dienstagvormittag laufen immer wieder Mütter mit Kleinkindern auf dem Arm über den Innenhof. Sie tragen Kopftücher und lange Röcke. Wäscheständer stehen auf dem Hof und in den Hausfluren, es riecht nach Mittagessen. Musik und Stimmengewirr dringt aus den Fenstern. Ein Bauleiter sagt, dass es dort vor einem Jahr noch ganz anders ausgesehen hat. „Alles war total heruntergekommen. In einer Wohnung haben nicht selten bis zu 20 Menschen gelebt.“ Mit dem neuen Eigentümer habe sich zum Glück schon vieles verändert.

Oana Bauer und Charlotte Szabo kennen viele der Familien, die in der Harzer Straße leben. „Die meisten gehören der Pfingstgemeinde an“, sagt Bauer. Sie seien streng gläubig und würden tun, was ihnen der Priester sage. Der schicke die Kinder in die Schule und die Erwachsenen zur Arbeit. Szabo sagt, dass die Eltern inzwischen verstanden hätten, dass Bildung wichtig sei. „Warum das so ist, das wissen sie aber noch nicht.“