Unfallstatistik

Radfahrer leben dienstags in Mitte besonders gefährlich

An Werktagen sind in Berlin laut einer Polizeistudie besonders viele Radfahrer an Unfällen beteiligt. Experte fordert mehr Kontrollen.

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Für Fahrradfahrer ist der Dienstag in der Hauptstadt am gefährlichsten. Statistisch gesehen verunglücken an diesem Tag besonders viele Radler. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte zwischen 16 und 17 Uhr den Berliner Verkehr meiden, denn in dieser einen Stunde sind besonders viele Radfahrer an Verkehrsunfällen beteiligt. Das ist das Ergebnis einer Sonderuntersuchung der Polizei, die auf Grundlage der Verkehrsunfälle im vergangenen Jahr erstellt wurde.

Wie bereits im Februar bei der Vorstellung der offiziellen Verkehrsunfallstatistik bekannt wurde, stieg im vergangenen Jahr die Anzahl der Verkehrsunfälle mit Radfahrern um mehr als 19 Prozent auf 7367. Gemessen an der Gesamtzahl aller Verkehrsunfälle (130.463) machen sie einen Anteil von 5,6 Prozent aller Unfälle aus. In ihrer Sonderuntersuchung mit dem Titel „Radverkehrsunfälle“, die Morgenpost Online vorliegt, zeigen die Experten auf, wann und wo es für Radler am gefährlichsten ist.

Durchschnittlich registriert die Polizei 20 Verkehrsunfälle pro Tag. Die tatsächliche Verteilung ergibt jedoch ein differenzierteres Bild: So verunglückten die meisten Radfahrer an einem Dienstag (1368 Unfälle). Weit weniger krachte es an Montagen (1140) oder Freitagen. An Wochenenden ereignen sich noch nicht einmal 20 Prozent aller Unfälle. Demnach benutzen die Berliner ihr Fahrrad in der Regel, um zur Arbeit zu fahren oder Besorgungen zu erledigen. Die Untersuchung zeigt auch, dass die Berliner vor allem am Nachmittag unterwegs sind.

"Den Höhepunkt erreicht das Unfallgeschehen in der Zeit zwischen 16 Uhr und 16.59 Uhr“, schreiben die Experten in ihrer Untersuchung. Genau 708 Unfälle ereigneten sich in diesem Zeitraum im vergangenen Jahr. Ein „nahezu einheitliches, hohes Verkehrsunfallaufkommen“ gebe es auch zwischen 15 und 18 Uhr. Erst ab 21 Uhr nimmt die Zahl der Unfälle rapide ab.

Unfallbrennpunkte in der Innenstadt

In ihrer aktuellen Unfallstatistik hat die Polizei auch die Unfallbrennpunkte aufgelistet – sie liegen alle in der Innenstadt (siehe Grafik). Demnach ist der Bezirk Mitte am gefährlichsten für Radfahrer. Jeder fünfte Unfall (1491) ereignete sich dort. Besonders viele Verletzte gibt es im Bereich Torstraße, Alte Schönhauser Straße, Schönhauser Allee und Rosa-Luxemburg-Straße. Danach folgen die Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg (1005 Unfälle), Pankow (855) und Charlottenburg-Wilmersdorf mit 755 Unfällen. Dagegen lässt es sich in Spandau, Reinickendorf und Marzahn-Hellerdorf vergleichsweise risikofrei fahren. Hier lagen die Unfallzahlen jeweils zwischen 315 und 259.

Die Experten betonen, dass die hohe Zahl der Radfahrerunfälle auch mit dem relativ milden Winter im vergangenen Jahr zusammenhängt. Laut Polizei startete die Saison bereits im Januar und erreichte im Sommer ihren Höhenpunkt. Im Juni gab es mit 953 die meisten Unfälle, gefolgt vom September (941) und Mai (913). Sogar im Dezember verzeichneten die Statistiker noch 360 Unfälle.

Die Zahlen zeigen auch, dass die Verursacherquote stabil geblieben ist. So waren Radfahrer an jedem zweiten Unfall selbst Schuld. Die meisten Unfälle (1108) ereigneten sich, weil die Fahrer die falsche Fahrbahn benutzten oder auf dem Bürgersteig fuhren. Aber auch das sogenannte „Durchschlängeln“, das bei der Polizei offiziell unter „nicht genügender Sicherheitsabstand“ firmiert, ist eine typische Ursache und steht auf Platz zwei. Es folgen Fehler beim Einfädeln in den fließenden Verkehr und zu schnelles Fahren.

Die Debatte um sogenannte Kampf-Radler, die sich nicht an Verkehrsregeln halten, hatte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) zuletzt wieder angefeuert. Er forderte öffentlich, stärker gegen rüpelhafte Fahrradfahrer vorzugehen. „Manchmal ist die Polizei schlicht und einfach überfordert, der Verrohung dieser Kampf-Radler endlich Einhalt zu gebieten“, sagte Ramsauer in einem Interview.

Auch Berlins Vizepolizeipräsidentin, Margarete Koppers, die selbst häufig mit dem Fahrrad ins Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke nach Tempelhof fährt, kritisierte bereits, dass Fahrradfahrer viel zu häufig die Verkehrsregeln missachteten. „An den zahlreichen roten Ampeln auf meinem Weg zum Platz der Luftbrücke bin ich meist die einzige, die anhält“, sagte sie vor Kurzem. „Die mich überholenden und offenbar ohne jeden Skrupel weiterfahrenden Radfahrer machen eher den Eindruck, dass sie mein Verhalten ,schräg' finden“, so Koppers weiter.

Für Siegfried Brockmann, Unfallforscher vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), könne die Zahl der Unfälle nur durch mehr Kontrollen seitens der Polizei gesenkt werden. Zurzeit würden sich Radfahrer viel zu sicher fühlen. Denn: „Die Tendenz, erwischt zu werden, geht gegen Null, da wir ein enormes Kontrolldefizit haben“, so Brockmann. Höhere Bußgelder, die unter anderem von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) gefordert werden, hält Brockmann daher für unnötig. „100 Euro Strafe für das Missachten einer roten Ampel sind schon abschreckend genug“, sagt der GDV-Forscher.

Rotlichtverstöße stärker ahnden

Brockmann plädiert daher für spezielle Fahrradstaffeln der Berliner Polizei. Denn nur, wenn die Radfahrer persönlich auf ihr Fehlverhalten angesprochen werden, habe dies Aussicht auf Erfolg, betont er. Zwar sei er sich der engen personellen Situation bei der Polizei bewusst. Dennoch habe man etwa in der Stadt Münster positive Erfahrungen damit gemacht. Er fordert zudem, dass Schwerpunktkontrollen, die regelmäßig in der Stadt durchgeführt werden, sich nicht – wie oft üblich – auf die Kontrolle der vorschriftsmäßigen Ausrüstung der Räder konzentrieren sollten, sondern auf die wesentlichen Regelverstöße wie Rotlichtverstöße und Fahren in der falschen Fahrtrichtung.

In Zukunft, glaubt der Forscher, werde die Zahl der Fahrradunfälle noch weiter steigen. Dann nämlich, „wenn immer mehr Menschen auf Elektrofahrräder umsteigen und sich somit der Anteil der Fahrradfahrer erhöht“, so Brockmann zu Morgenpost Online.