Vorbild Niedersachsen

Berlin will "Kampfhund"-Liste abschaffen

Darüber sind sich alle Fraktionen einig: Berlins Hundegesetz soll reformiert werden – die „Kampfhund"-Liste gehört abgeschafft, ein „Hundeführerschein" für alle Halter soll her. In Niedersachsen ist das schon Gesetz.

Foto: dpa / dpa/DPA

In Berlin könnte die umstrittene „Kampfhund“- Liste schon bald der Vergangenheit angehören. Unter den Fraktionen im Abgeordnetenhaus herrsche weitgehend Einigkeit darüber, die Rasseliste besonders gefährlicher Hunde abzuschaffen, sagte der tierschutzpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Alexander Herrmann, der Nachrichtenagentur dpa. „Es ist unser klares Ziel, von dieser starren Liste wegzukommen.“ Andere Politiker bestätigten den Plan.

Bei einem Treffen am Dienstag auf Einladung von Tierschützern hätten sich alle Fraktionsvertreter dafür ausgesprochen, das sieben Jahre alte Hundegesetz auf den Prüfstand zu stellen. So sei auch ein verbindlicher „Hundeführerschein“ für alle Halter im Gespräch, sagte Herrmann. Bislang ist dieser nur für Kampfhund-Besitzer zwingend. Auf diese Eckpunkte hat sich auch die rot-schwarze Regierung in ihrem Koalitionsvertrag verständigt.

Derzeit werden in der Hauptstadt zehn Hunderassen als besonders gefährlich eingestuft. Vier davon sind meldepflichtig: Pit-Bull, American Staffordshire Terrier, Bullterrier und Tosa Inu. Allein von diesen Rassen gibt es etwa 7000 Tiere, schätzt die Verwaltung für Verbraucherschutz. Die Dunkelziffer samt allen anderen Listenhunden dürfte aber sehr viel höher liegen.

Kritiker monieren, dass die Tiere zu Unrecht gebrandmarkt würden. „Einige werden etwa in den USA ausdrücklich als Familienhunde gehalten“, sagte die Grünen-Abgeordneten Claudia Hämmerling der dpa. Der Präsident des Berliner Tierschutzvereins, Wolfgang Apel, meinte: „Die aktuelle Beiß-Statistik zeigt, dass die meisten Vorfälle in Berlin nicht auf das Konto von Listenhunden gehen.“ Ein Nachweis für die angeblich rassebedingte Gefährlichkeit bestimmter Hunderassen lasse sich somit nicht belegen.

Laut Statistik 2010 – neuere Zahlen liegen noch nicht vor - belegten Mischlinge in dem Jahr mit 226 den ersten Platz. Hämmerling zufolge sollen sie im vergangenen Jahr sogar mehr als 400 Mal zugeschnappt haben. Mit 79 Fällen landeten 2010 die Schäferhunde auf Platz zwei. Nur 26 von insgesamt 660 registrierten Attacken gingen von Listenhunden aus.

Die Verbraucherschutzverwaltung kritisiert, dass die Tierschützer den Anteil der jeweiligen Rassen an der Gesamtzahl unberücksichtigt ließen. „Da Mischlingshunde mit hoher Wahrscheinlichkeit den größten Anteil an der Gesamtpopulationen stellen, treten sie auch bei Bissvorfällen häufiger in Erscheinung“, sagte Staatssekretärin Sabine Toepfer-Kataw (CDU).

Zudem legten Schweizer Studien den Schluss nahe, dass die Berliner Listenhunde anteilsmäßig eher häufiger beißen als andere Rassen wie etwa Schäferhunde. Bei der Gefährlichkeitsbewertung der Kampfhunderassen spielte außerdem nicht die Beißhäufigkeit eine wichtige Rolle, sondern vorrangig Beißkraft und -verhalten.

Die Grünen bereiten derzeit einen Gesetzentwurf nach niedersächsischem Vorbild vor, der sich neben der Abschaffung der Liste vor allem mit der Ausgestaltung des Hundeführerschein beschäftigt. Demnach sollen Halter ihre theoretische und praktische Sachkunde nachweisen müssen und die Sozialverträglichkeit ihres Tieres in einem Wesens- und Verhaltenstest belegen, erklärte Tierschutz-Expertin Hämmerling.

Diese Regelung wird bereits seit vergangenem Jahr in Niedersachsen angewendet. Tierschützer und Grüne plädieren offen für das Modell: Dort wurde die Rasseliste abgeschafft und ein Sachkundenachweis für Halter verpflichtend ab 2013 eingeführt. „Der Generalverdacht für bestimmte Rassen würde zugunsten mehr Tierwissen aufgegeben“, erläuterte Apel. Dies sei die beste Gefahren-Vorbeugung.

Zu mehr Aufwand und Ausgaben in den Behörden soll es dann nicht kommen, sagte Hämmerling. „Da so die Zahl der Hundeattacken zurück gehen wird, werden auch die Verwaltungen entlastet.“ Außerdem würden Hunde besser vor verantwortungslosen Haltern geschützt.

Wegen der Rasseliste machen Kampfhunde im Berliner Tierheim, das vom Tierschutzverein getragen wird, inzwischen mehr als die Hälfte der im Tagesschnitt insgesamt 350 Hunde aus, erklärt Apel. Diese Entwicklung ist auch dem Senat bekannt. Apel erläutert: „Ein Listenhund bleibt in der Regel 530 Tage bei uns – unabhängig davon, ob er verhaltensauffällig geworden ist oder nicht.“ Andere Hunde fänden schon nach 162 Heimtagen ein neues Zuhause.

Das ist bislang vor allem ein Problem für die Heimleitung, weil sie mit mehr Kosten zu kämpfen hat. Auffällig gewordene Tiere oder solche, die ihrem Besitzer wegen einer fehlenden Berechtigung abgenommen wurden, landen in der amtlichen Tiersammelstelle. Diese trägt auch der Tierschutzverein. Zwar zahle die Stadt für jeden eingelieferten Hund eine Pauschale, sagte Apel. Diese decke aber bei weitem nicht die Kosten, da die Tiere wesentlich länger versorgt werden müssen, als es die gezahlte Summe für maximal 19 Tage vorsehe.