Fehlende Fahrer

Krankenstand sorgt für neues Chaos bei der S-Bahn

Die Berliner S-Bahn kommt einfach nicht aus der Krise. Auf mehreren Linien fahren die Züge nicht nach Fahrplan, weil kein Personal zur Verfügung steht. Die Einschränkungen sollen bis zum Frühjahr dauern.

Foto: Amin Akhtar

Waren es in den vergangenen Jahren vor allem technische Mängel und Versäumnisse bei der Wartung der Fahrzeuge, die für Verspätungen und Ausfälle sorgten, so geht dem Tochterunternehmen der Deutschen Bahn AG inzwischen immer öfter das Personal aus.

Am Freitag sind daher erneut auf mehreren Linien die Fahrpläne nicht eingehalten worden. Unter anderem fuhren auf der wichtigen Nord-Süd-Linie S25 die Züge generell nur alle 20 Minuten. Dabei hatte die S-Bahn erst im Sommer vorigen Jahres einen Zehn-Minuten-Takt zwischen der Berliner Innenstadt und Teltow Stadt eingeführt, um den Südwesten besser an den öffentlichen Nahverkehr anzuschließen.

Auch in den nächsten Wochen werde es immer wieder zu kurzfristig angekündigten Einschränkungen kommen, heißt es von der S-Bahn. Grund dafür sei der anhaltende Mangel an Triebfahrzeugführern. Der Berliner Fahrgastverband Igeb hatte bereits Mitte Dezember den „offensichtlichen Fahrermangel“ scharf kritisiert und von der Deutschen Bahn größere Anstrengungen zur Lösung des Problems gefordert.

50 Mitarbeiter fehlen

Wie S-Bahn-Geschäftsführer Peter Buchner inzwischen offiziell einräumt, fehlen dem Unternehmen 50 Fahrer. Statt der benötigten 960 seien nur 910 Triebfahrzeugführer einsatzbereit. Allein 60 Mitarbeiter sollen vom Burn-out-Syndrom betroffen sein und langfristig ausfallen. Häufen sich – wie in diesen Tagen – auch noch die Krankmeldungen, dann kann die S-Bahn selbst den schon seit Monaten ausgedünnten Fahrplan nicht mehr einhalten.

Kurzfristige Besserung der Lage ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: „Mindestens bis Frühjahr“, so heißt es S-Bahn-intern, werde der akute Mangel an Triebfahrzeugführern weiter anhalten. Dann würden weitere Fahrer ihre Ausbildung beenden. Insgesamt will die S-Bahn in diesem Jahr rund 100 neue Triebfahrzeugführer ausbilden.

Der Berliner Senat reagierte auf die anhaltenden Einschränkungen erneut mit Vertragsstrafen. Laut einer Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wurde die Überweisung an die S-Bahn im Januar um 848000 Euro gekürzt. Das Land Berlin stellt jährlich insgesamt rund 240 Millionen Euro für den S-Bahn-Verkehr in der Stadt bereit. Wegen der vielen Ausfälle und Verspätungen wurden die Zahlungen in den vergangenen Jahren jedoch um insgesamt rund 50 Millionen Euro gekürzt.

Angesichts der angespannten Lage warnte der Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg, Hans-Werner Franz, vor noch größeren Problemen. Bisher habe die S-Bahn einfach nur Glück gehabt, dass es noch keinen richtigen Winter gab. Berlins neuer Verkehrssenator Michael Müller (SPD) sprach sich indes gegen Panikmache aus. Die S-Bahn-Führung habe die richtigen Schritte unternommen, um die aktuellen Probleme zu lösen.

Warum es zu einem so eklatanten Mangel kommen konnte, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. S-Bahn-Chef Buchner verweist auf neue betriebsvertragliche Regelungen, die den Lokführern mehr freie Wochenenden und eine Begrenzung der Dienstantritte auf maximal 251 zusichern. Die Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) hält dagegen. Jens Mietzelfeld, Vorsitzender der GDL-Ortsgruppe, klagt über eine zunehmende Überlastung.

Der hohe Krankenstand würde sich auch daraus erklären, dass die Lokführer ständig und bei jedem Wetter den Führerstand zur Abfertigung der Züge verlassen müssen. Die Zugabfertiger, die das früher übernahmen, wurden aus Kostengründen von vielen Bahnhöfen abgezogen.