Hauptverkehrstraßen

Berlin bremst auf 230 Kilometern auf Tempo 30

Auf 15 Prozent der Berliner Hauptstraßen gilt bereits jetzt zeitlich begrenzt oder ganztags Tempo 30. Nach dem Willen der SPD sollen es noch mehr werden. Die Debatte um Geschwindigkeitslimits in der Stadt ist neu entfacht.

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Auf immer mehr Berliner Hauptstraßen gilt zeitlich begrenzt oder ganztags Tempo 30. Das geht aus jetzt veröffentlichten Zahlen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hervor. Unter der damaligen Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) stieg der Anteil der tempogedrosselten Hauptstraßen von 3,8 Prozent im Jahr 2007 auf inzwischen etwa 15 Prozent. Auf 230 Kilometer summieren sich die Abschnitte im insgesamt 1540 Kilometer langen Hauptverkehrsstraßennetz. Ob die Autofahrer künftig noch häufiger zum Schleichtempo gezwungen werden, hängt auch vom Ergebnis einer Untersuchung ab, die jetzt im Auftrag der Senatsverwaltung erstellt wird. Wie viele Tempolimits braucht Berlin?

Bereits im November hat die Behörde das Berliner Unternehmen LK Argus beauftragt, die Auswirkungen des 2007 gestarteten Projekts „Tempo 30 nachts“ zu untersuchen. In der zweiten Jahreshälfte 2012 sollen die ersten Ergebnisse vorliegen, wie Behördensprecherin Petra Rohland Morgenpost Online bestätigte. Auch das neue Regierungsbündnis aus SPD und CDU hatte sich darauf verständigt, die umstrittenen Tempolimits auf Hauptverkehrsstraßen regelmäßig zu überprüfen. Ein offensichtlicher Kompromiss. Die SPD hatte sich beim Parteitag im Vorjahr deutlich für eine Ausweitung der Tempolimits ausgesprochen, und mit Michael Müller stellt sie auch den neuen Verkehrssenator. Die Union in Berlin versteht sich dagegen eher als Anwalt der Autofahrer und will „unsinnige Tempobeschränkungen“ am liebsten abschaffen.

Das Forschungsprojekt soll unter anderem darstellen, unter welchen Bedingungen die Anordnung von Tempo 30 in den Nachtstunden besonders wirksam ist. „Für jeden einzelnen Abschnitt wird ein Steckbrief mit genauen Verkehrsdaten und Werten für Lärmbelastung und Luftgüte erstellt“, so Rohland. Eine „größere Ausweitung“ der bei Autofahrern unbeliebten Zonen sei derzeit zwar nicht geplant, sagt die Behördensprecherin – ob das so bleibe, hänge aber möglicherweise auch vom Ergebnis der Untersuchung ab.

Aktuell gilt auf 130 Kilometern Berliner Hauptstraßen eine ganztägige Reduzierung auf Tempo 30, auf 70 Kilometern gilt das Limit nur nachts, um Lärm zu reduzieren, auf 30 Kilometern gelten andere zeitliche Beschränkungen, vor allem im Umfeld von Schulen und Kitas. Seit 2009 werden die Schilder zum Schutz der Kinder in der gesamten Stadt aufgestellt. Zu Recht, wie das Verwaltungsgericht im November befand. Die wichtigsten Argumente für die Temporeduzierungen sind nach wie vor die Verkehrssicherheit und die Lärmminderung in der Nacht. Nach Angaben der Senatsverwaltung konnten dadurch in den vergangenen Jahren bereits mehr als 66.000 Anwohner von Hauptstraßen von nächtlichem Verkehrslärm entlastet werden.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) verweist auf diesen Erfolg und fordert im Kampf gegen Lärm, Abgase und Feinstaub einen verstärkten Ausbau von Tempo 30 in Berlin. Der ADAC Berlin-Brandenburg lehnt das ab. Die Berliner Hauptstraßen müssten als „leistungsfähiges Kernnetz“ mit Tempo 50 erhalten werden, fordert ADAC-Verkehrsexperte Jörg Becker. „Eine weitere Ausdehnung von Tempo30 kann und darf es nicht geben.“

Bei der Überprüfung des Tempo-30-Konzepts setzen die jetzt beauftragten Experten unter anderem auf Erfahrungen aus anderen Städten. Bundesweit wird untersucht, welche Konzepte es gibt und unter welchen Bedingungen sie erfolgreich sind. Dass ein wichtiger Faktor dabei die Art und Intensität der Kontrollen ist, davon gehen die Experten aus.

Abseits der Hauptstraßen ist Tempo 30 nach den aktuellen Zahlen des Senats unterdessen längst eher die Regel als die Ausnahme. Im insgesamt etwa 5340 Kilometer langen Berliner Straßennetz gilt auf etwa drei Vierteln eine zulässige Höchstgeschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde oder weniger.