Nach Stromausfall

Normalbetrieb bei der S-Bahn schleppt sich hin

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Thomas Fülling und Markus Falkner

Ein missglückter Stromtest hat die Berliner S-Bahn lahm gelegt. Für drei Stunden stoppten die Züge. Hunderttausende saßen fest. Danach lief der S-Bahnverkehr nur schleppend an. Reisende müssen auch noch am Freitag mit Einschränkungen rechnen.

Am Donnerstag ist der Verkehr der Berliner S-Bahn für rund drei Stunden beinahe komplett zusammengebrochen. Von 11.45 an fuhren fast im gesamten 332 Kilometer langen S-Bahn-Netz so gut wie keine Züge mehr. Hunderttausende Fahrgäste standen frierend auf den Bahnsteigen und kamen zumindest mit der S-Bahn nicht mehr weiter. Hunderte Fahrgäste waren zudem in den Wagen, die auf freier Strecke zum Stehen gekommen waren, teilweise bis zu zwei Stunden eingeschlossen. Erst nach drei Stunden rollten die Züge wieder, aber auch am Freitag werden die S-Bahnen noch nicht im normalen Takt fahren.

Wegen der Strompanne brachen in Berlin am Donnerstag auch zeitweilig die Mobilfunknetze zusammen, weil eingesperrte Passagiere versuchten, ihre Angehörigen oder Rettungskräfte zu erreichen. Auch der Fern- und Regionalverkehr sowie die Kommunikationssysteme der S-Bahn waren von den Störungen betroffen, die bis auf den Osten fast das gesamte Stadtgebiet erfassten. Die Internetseite des Unternehmens war – möglicherweise auch durch den Ansturm der Nutzer – etwa eine Stunde lang nicht erreichbar.

Auslöser für das neuerliche S-Bahn-Chaos, das an die schlimmsten Zeiten der vergangenen Krisenjahre erinnerte, war nach bisherigen Bahn-Angaben „ein technischer Defekt bei planmäßigen Wartungsarbeiten“. Ein S-Bahn-Sprecher sagte am Donnerstag, ein technisches Bauteil – ein sogenannter Wechselrichter – sei dabei zerstört worden. Auch das vorgesehene Ersatzbauteil habe nicht funktioniert. Die Folge war ein Stromausfall in der S-Bahn-Betriebszentrale in Halensee. Von dort wird etwa die Hälfte des S-Bahn-Netzes elektronisch gesteuert. Durch den Stromausfall schalteten die Signale auf den betroffenen Strecken automatisch auf Rot. Die Züge durften deshalb nur im Schritttempo bis zum nächsten Bahnhof fahren.

Zugverkehr läuft nur schleppend an

Einen erneuten Sabotage-Anschlag von Linksextremisten, wie jene, die Mitte Oktober den Bahnverkehr erheblich gestört hatten, schloss ein Sprecher der Bundespolizei aus. Weil der Kurzschluss jedoch die Stromversorgung des elektronischen Stellwerks in Halensee lahmlegte, waren die Auswirkungen verheerend. Das Stellwerk im Grunewald ist die zentrale Schaltstelle für den gesamten Berliner S-Bahn-Verkehr. Selbst nachdem es kurz nach 14 Uhr wieder mit Strom versorgt werden konnte, lief der Zugverkehr nur sehr schleppend wieder an. „Wenn erst einmal alles stillsteht, dauert es Stunden, bis das gesamte System wieder im Lot ist“, sagte ein S-Bahner.

Für Verzögerungen beim Betriebsanlauf sorgte zudem, dass in den auf freier Strecke stehen gebliebenen Zügen eingeschlossene Fahrgäste per Notfallhebel die Türen öffneten und auf die Gleise sprangen – und sich damit in Lebensgefahr brachten. Aus Sicherheitsgründen wird in diesem Fall die Energieversorgung der Züge, die über eine seitlich gleich neben den Gleisen verlaufende Stromschiene erfolgt, sofort unterbrochen. Die Bundespolizei war mit nahezu allen im Dienst befindlichen Beamten im Einsatz, um die Passagiere von den Gleisen einzusammeln. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) setzten längere U-Bahnen und Straßenbahnen sowie zusätzliche Busse ein, um den Nahverkehr zu entlasten.

Berliner Politiker und Fahrgastvertreter reagierten auf das neuerliche S-Bahn-Desaster mit Unverständnis und scharfer Kritik. Der Deutsche Bahnkundenverband forderte Konsequenzen aus dem neuerlichen Chaos. Die Bahn müsse zusätzliche Notfallsysteme schaffen. „Dass die gesamten Züge der S-Bahn durch einen einzigen Stellwerkdefekt ausfallen, ist kaum vorstellbar“, kritisierte der neue Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD). Ähnlich äußerte sich Hans-Werner Franz, Chef des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg: „Offenbar sind Notfallkonzepte entweder nicht vorhanden oder nicht ausreichend.“